Levi, Paul

Geschichte: Personen L-Z

Paul Levi

geboren Hechingen 11.3.1883 - gestorben Berlin 9.2.1930, Grabstätte Waldfriedhof Wilmersdorf, Stahnsdorf; seit Herbst 2000 gibt es in Hellersdorf einen Paul-Levi-Platz

 
Grab Paul Levi
 

Das Grab von Paul Levi ist in Stahnsdorf, Waldfriedhof Wilmersdorf, Bahnhofstraße 2, A I  Familienstelle 25 (gleich links vom Eingang). Die Fotos stammen vom 11.2.2000. Sie zeigen Mitglieder der Historischen Kommission der SPD Berlin und der SPD Zehlendorf, die anlässlich von Levis 70. Todestag (9.2.) dort einen Kranz niedergelegt hatten.

Fotos: Holger Hübner

 

Sozialismus als Ziel

Grab Paul Levi
 


"Republik - das ist nicht viel - Sozialismus ist das Ziel": Mit diesem Spruch demonstrierten während der Weimarer Republik am 1.Mai nicht etwa Kommunisten, sondern Sozialdemokraten. Der Spruch ist oft zitiert und ebenso oft mißverstanden worden. Der Spruch war keine Absage, keine Distanzierung von der Republik und von der parlamentarischen Demokratie gewesen. Er drückte das Selbstverständnis der meisten Sozialdemokraten aus, das nicht zuletzt geprägt war von der Erfahrung eigenen Versagens in der Novemberrevolution.

Das 1918 Erreichte durfte nicht alles gewesen sein , wenn die SPD ihrem - 1925 in Heidelberg sehr radikal neu formulierten - Programm treu bleiben wollte. An der Treue zum demokratischen Staat und zur Verfassung, aber auch an der Bereitschaft, sich für beide aktiv einzusetzen, wollten sie mehrheitlich keinen Zweifel lassen, der linke Flügel um Paul Levi aber setzte Ende der zwanziger Jahre noch andere Akzente.

Wer aber war Paul Levi? Mit seinem Namen wissen Mitglieder der SPD heute wenig anzufangen. In seinem Nachruf auf den am 9. Februar 1930 mit 47 Jahren verstorbenen Paul Levi schrieb Carl von Ossietzky: "Er war ein internationaler revolutionärer Sozialist aus Rosa Luxemburgs Schule."

In einer Zeit, wo neonazistische Fahnen und Landsknechsttrommeln unter dem Brandenburger Tor offenbar wieder Mode werden, scheint es sehr sinnvoll, an diesen streitbaren Juristen und Sozialdemokraten zu erinnern. Er warnte während der Weimarer Republik wie kaum ein anderer immer wieder davor, faschistische Massenbewegungen zu unterschätzen: Es können schnell Millionen werden, "die irgendwo, sie wissen nicht, ihre Rettung suchen und sich einreihen in den sonderlichen Zug und ihre Lieder singen von Freiheit und Vaterland....". Das schrieb Levi nicht Ende der zwanziger Jahre, sondern mit Blick auf den italienischen Faschismus schon im Jahre 1922. Auf die Gefahr von rechts machte er immer wieder aufmerksam und setzte sich als sozialdemokratischer Reichstagsabgeordneter und als Anwalt in vielen politischen Prozessen für den Schutz der demokratischen Republik ein: "Ein Aufgeben der demokratischen Republik bedeutete für das Proletariat ... Reaktion im blutigsten Sinne des Wortes ...".


Der 1883 in Hechingen geborene Sohn aus bürgerlichen Hause verteidigte noch vor 1914 Rosa Luxemburg in zwei politischen Prozessen, wurde - für kurze Zeit - ihr Geliebter und blieb ihr guter Freund. Er war ihr Weggefährte im Spartakusbund und 1918/19 schließlich auch Mitbegründer der Kommunistischen Partei. Nach der Ermordung Luxemburgs war er für kurze Zeit sogar, wie später auch Ernst Reuter als Nachfolger Levis , Vorsitzender der KPD. Levi kritisierte die Abhängigkeit von Moskau, wandte sich gegen die putschistische Taktik der Partei und wurde 1921 ausgeschlossen. Er schloß sich der USPD an und kehrte mit ihr 1922 in die SPD zurück. Bis zu seinem Tode vertrat er als Sozialdemokrat den Wahlkreis Chemnitz-Zwickau im Reichstag.

Freilich: Paul Levi war kein pflegeleichter Sozialdemokrat, er war - wie seine Biographin Sybille Quack schrieb - "der brillanteste Kopf des linken Flügels der Sozialdemokratie".

Als politischer Anwalt feierte er 1929 seinen größten Erfolg. In einem vom früheren Kriegsgerichtsrat Paul Jorns angestrengten Beleidigungsprozeß wies Levi nach, daß Jorns als zuständiger Untersuchungsrichter 1919 die Mörder von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht gedeckt hatte statt sie hinter Schloß und Riegel zu bringen. Die schneidende Schärfe, mit der Levi in seinem heute noch lesenswerten Plädoyer nicht nur Jorns, sondern die ganze rechtsgewirkte politische Justiz seiner Zeit zu Angeklagten machte, läßt es verständlich erscheinen, weshalb er für die politische Rechte zum meistgehaßten Politiker geworden war.

Noch während der Wiederaufnahme des Verfahrens durch Jorns erkrankte Levi an einer schweren Lungenentzündung. Im Fieberwahn versuchte er in der Nacht zum 9. Februar 1930 ein Fenster seiner Berliner Wohnung am Lützowufer zu öffnen. Er stürzte hinaus und war sofort tot. Seine Partei ehrte ihn im Reichstag, Nazis und Kommunisten verließen allerdings demonstrativ den Sitzungssaal.

Paul Levi liegt auf dem Wilmersdorfer Waldfriedhof in Stahnsdorf bei Berlin begraben. Sein Grab schien lange verschollen, es wurde 1988 von Heinz Knobloch wiederentdeckt und vor der Einebnung bewahrt. Es ist heute Ehrengrab des Landes Berlin.

Was bleibt? Dazu wäre viel zu sagen, nur ein Satz sei zitiert: Im Jahre 1922 begründete Levi in einem längerem Artikel in seiner Zeitschrift "Unser Weg", warum er wieder in der SPD Mitglied geworden war. Er sah die Sozialdemokratie als eine Partei, die sich geschichtlich gewandelt hat. Sie ist das, "was die sind, die in ihr stehen". Die Mitglieder der Partei mußten viel erleben. "Dieses Erleben mit den Traditionen der Vergangenheit, mit den Erwartungen der Zukunft zu verbinden, wirkend im Verständlichen, weisend zum Unendlichen, das ist die Aufgabe der Sozialdemokratischen Partei."  Ein Satz ins Merkbuch für eine beginnenden Programmdiskussion der SPD im Jahre 2000.
Siegfried Heimann

(Februar 2000)



Gedenken an Paul Levi

Am Sonnabend, dem 11. Februar (2000), trafen sich Zehlendorfer Genossinnen und Genossen gemeinsam mit Mitgliedern der Historischen Kommission des Landesverbands am Grab von Paul Levi auf dem Wilmersdorfer Waldfriedhof in Stahnsdorf. Sie legten dort anlässlich seines 70. Todestages ein großes Blumengebinde nieder.

Wer war Dr. jur. Paul Levi? Er war zunächst einmal "Geistig frei und niemands Knecht" (so der Titel eines Buches von Sibylle Quack über ihn), kam aus einem bürgerlichen Elternhaus in Hechingen (*11.3.1883) und wurde überzeugter Sozialist. Noch vor dem Ersten Weltkrieg vertrat er als Anwalt Rosa Luxemburg vor Gericht, es gab eine nicht allzulang währende, aber heftige Liebesbeziehung zwischen beiden (Rosa L., man muss es einmal sagen, war mehr als eine mitreißende Politikerin, sie war auch eine richtige, liebende Frau!), es blieben danach eine gute Freundschaft und ein enges geistig-politisches Band.

Levi ging den politischen Weg mit ihr über Spartakus zur Gründung der KPD. Die Mörder Rosa Luxemburgs und Karl Liebknechts brachten ihn wohl nur deshalb nicht auch um, weil er zu diesem Zeitpunkt gerade inhaftiert war. Im März 1919 wurde er Vorsitzender der KPD, aus der er aber schon 1921 ausgeschlossen wurde, weil er dem moskauhörigen putschistischen Kurs, den er für falsch erkannte, nicht folgen mochte und seine Haltung auch publizierte. Das brachte ihm den über den Tod hinausreichenden Hass der Kommunisten - auch in der DDR war er eine "Unperson".

Mit der USPD kehrte er 1922 zur SPD zurück, für die er bis zu seinem Tode dem Reichstag angehörte (er vertrat den Wahlkreis Chemnitz-Zwickau). Im selben Jahr veröffentlichte er das von ihm verwahrte Luxemburgsche Manuskript über die russische Revolution mit dem viel zitierten Satz von der Freiheit, die "immer nur Freiheit des anders Denkenden" sei . Schon früh warnte er vor den Gefahren von rechts. In einem Beleidigungsprozess gegen den von ihm vertretenen Journalisten Berthold Jacob im Jahre 1929 wies er dem klagenden Kriegsgerichtsrat Jorns nach, dass dieser 1919 als Untersuchungsrichter den Mördern von Luxemburg und Liebknecht geholfen habe, ihre Spuren zu verwischen und zu flüchten. Über sein aufklärendes und anklagendes Plädoyer schrieb Carl von Ossietzky, es sei "eine Rede von wahrhaft dantonschem Format" gewesen, doch hielt er ihm zugleich vor, er bringe nicht die "Riesenquantität Beständigkeit" auf, um die SPD aus eingefahrenem Trott heraus zu bewegen, er sei "der geborene großartige Schauspieler, der schweifende Virtuose, der hinreißt und verschwunden ist, noch ehe der Taumel verfliegt".

Levi war ein brillanter Analytiker und Redner, ein Mann von seltener Geradheit, der nur dem folgte, was er für richtig erkannt hatte - aber er war kein "Kärrner", eher "ein glänzender Gast" in der eigenen Partei. Er starb nach einem Fenstersturz im Fieberwahn aus seiner Wohnung am Lützowufer in den frühen Morgenstunden des 9. Februar 1930, noch nicht 47 Jahre alt.

Auf der Trauerfeier im Krematorium Wilmersdorf, an der auch Albert Einstein teilnahm, sprach Rudolf Breitscheid als erster: "Vielleicht darf man sagen, dass Paul Levi nicht ein Parteimann im eigentlichen Durchschnittssinne des Wortes gewesen ist. Sein kritisches Gefühl allen Menschen und Dingen gegenüber war zu stark. Ihm fehlte jeder Autoritätsglaube..." Als Reichstagspräsident Paul Löbe seiner im Parlament gedachte, erhoben sich die Abgeordneten, wie es sich gehört. Zwei Fraktionen aber verließen einträchtig den Saal: Nationalsozialisten und Kommunisten. Für die einen gehörte er schon immer "zum engsten Kreis der Novemberverbrecher", für die anderen war er ein "Verräter". Sein Grab, heute Ehrengrab des Landes Berlin, entdeckte erst im Dezember 1988 der Schriftsteller Heinz Knobloch wieder und bewahrte es kurz vor Ablauf der Ruhefrist durch Kauf vor der Einebnung.

Holger Hübner

aus: WIR ZEHLENDORFER (Mitgliederrundbrief der SPD-Zehlendorf, März 2000)