Michael Müller und Franz Müntefering ehren Ferdinand Lassalle

Geschichte: Personen L-Z

Michael Müller und Franz Müntefering ehren Ferdinand Lassalle

2004: Lassalle-Gedenktafel und Franz Müntefering
 

Der SPD-Vorsitzende Franz Müntefering und der Berliner SPD-Landesvorsitzende Michael Müller haben am 11. April in der Bellevuestraße in Berlin-Mitte eine Gedenktafel für den ersten Vorsitzenden des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins Ferdinand Lassalle enthüllt. Der SPD-Landesvorsitzende Michael Müller würdigt Ferdinand Lassalle aus diesem Anlass:

 


Ein „Erwecker der deutschen Arbeiterbewegung“ – Zum 180. Geburtstag von Ferdinand Lassalle
von Michael Müller

Wenn sich heute am 11. April der Geburtstag Ferdinand Lassalles zum 180. Male jährt, dann ist das für uns Sozialdemokraten Anlass, diesen Gründungsvater der deutschen Sozialdemokratie auf besondere Weise zu würdigen. Mit der heutigen Enthüllung der Gedenktafel fü r Ferdinand Lassalle hier vor seinem ehemaligen Wohnhaus in der Bellevuestraße wird dem Mann, der am 23. Mai 1863 zum ersten Vorsitzenden des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins (ADAV) gewählt wurde, die Ehre zuteil, die er verdient.

Besonders erfreulich ist, dass dies in Berlin geschieht. Der Stadt, in der Lassalle mehrere Jahre lebte und die ihm – das muss man selbstkritisch einräumen – die gebührende Ehrung zu lange verweigerte. Schon einmal forderte die SPD-Fraktion in der Berliner Stadtverordnetenversammlung, den legendären Arbeiterführer mit einer Gedenktafel zu ehren. Damals – im November 1946 – ohne Erfolg. Das Versäumte nun nach beinahe sechzig Jahren nachzuholen, bedeutet Lassalle in der Stadt, in der einmal zu Hause war, erneut heimisch zu machen. Es ist an der Zeit dazu.

Lassalle heute an seinem 180. Geburtstag zu ehren hat eine mehrfache Berechtigung. Mit seinem berühmt gewordenen „Offenen Antwortschreiben“, das er im Frühjahr 1863 an das Leipziger „Zentralkomitee zur Einberufung eines allgemeinen deutschen Arbeiterkongresses“ schickte, legte er den Grundstein für die Gründung des ADAV noch im Mai des selben Jahres. Lassalle spielte damit die überragende Rolle in einem Prozess, der die Geburtsstunde der Sozialdemokratie in Deutschland bezeichnet. Er war – so hat es Eduard Bernstein ausgedrückt – „der Erwecker der deutschen Arbeiterbewegung.“

Dieses historische Verdienst ist wohl der entscheidende, nicht aber der einzige Grund, aus dem wir Ferdinand Lassalle heute in Anerkennung gedenken wollen. Denn noch heute verkörpern sich in seiner Gestalt Grundwerte, die uns Sozialdemokraten Verpflichtung geblieben sind. Ich meine damit die Verbindung der zentralen Werte von Freiheit, Gerechtigkeit und Solidarität.

In einer programmatischen Rede, die er 1862 vor den Arbeitern der Berliner Borsig-Fabrik hielt, hat Lassalle sein Staatsverständnis in den folgenden Satz gefasst: „Der Zweck des Staates ist der, das menschliche Wesen zur positiven Entfaltung und fortschreitenden Entwicklung zu bringen, mit anderen Worten, die menschliche Bestimmung – das heißt, die Kultur, deren das Menschengeschlecht fähig ist – zum wirklichen Dasein zu gestalten; es ist die Erziehung und Entwicklung des Menschengeschlechts zur Freiheit.“

 
2004: Lassalle-Gedenktafel und Michael Müller.
 

Die hier vorgetragene Betonung der Freiheits-Idee ist bei Lassalle stets an das Bekenntnis zum demokratischen Staat gebunden gewesen. Anders als sein Zeitgenosse und zeitweiliger Antipode Marx hat Lassalle im Staat den Garanten dafür gesehen, dass die Freiheit, von der er spricht, nicht zur Freiheit nur der Starken verkümmert.

Er hat damit die Ansichten und die politische Praxis der deutschen Sozialdemokratie entscheidend geprägt. Für uns hat immer gegolten: In der Demokratie kann sich die Aufgabe des Staates nicht darauf beschränken, dem freien Spiel der Kräfte lediglich den Rahmen zu geben. Wir wissen, wie wichtig es ist, im Staat eine Politik zu gestalten, die die wirtschaftlich und sozial Schwächeren schützt und stützt: Nur dort wo die Freiheit im Verbund mit Gerechtigkeit und Solidarität auftritt, kann sie eine Freiheit für Alle sein.

Und auch wenn wir gelernt haben, skeptisch zu sein gegenüber einer Haltung, die sich zu vieles vom Staat erwartet und ihn damit überfordert; wenn wir wissen, dass neben die staatlichen Hilfsangebote das Fördern und Fordern des Einzelnen treten muss. So gilt doch noch immer, was Hans-Jochen Vogel einst im Blick auf Ferdinand Lassalle gesagt hat: „Lassalle hat erkannt, dass […] Gleichheit und Freiheit der Einzelnen nicht eine gesellschaftliche Tatsache sind, die der Staat immer schon vorfindet und zu respektieren hat, sondern Werte, die für die große Mehrheit der Menschen überhaupt erst dann Realität gewinnen, wenn der demokratische Sozialstaat dafür sorgt.“

Das Eintreten für Freiheit, Gerechtigkeit und Solidarität war für Lassalle auch in der praktischen Politik stets Richtschnur seines Handelns. Zeitlebens war er ein entschiedener Kämpfer für die Demokratie. Gegen das reaktionäre Drei-Klassen-Wahlrecht im preußischen Obrigkeitsstaat stritt er unermüdlich für das – freilich auf Männer beschränkte – allgemeine, gleiche und geheime Wahlrecht als Bedingung einer den Namen verdienenden Demokratie. Ihm war bewusst: Nur auf diesem Wege konnte die Durchsetzung der Arbeiterrechte, für die er so leidenschaftlich kämpfte, Wirklichkeit werden.

Seinen Anhängern in der noch jungen Arbeiterbewegung hat Lassalle Orientierung und Ziel gegeben. Für viele war er, der in seinen Reden so plastisch und kraftvoll formulieren konnte, ein Hoffnungsträger, dessen früher Tod im Jahr 1864 einen schweren Schlag für den gerade erst gegründeten ADAV bedeutete. Nicht ohne Grund war ihm eines der beliebtesten deutschen Arbeiterlieder, die „Arbeiter-Marseillaise“, mit der bis in die Weimarer Republik die Parteitage der SPD ausklangen, gewidmet. Voller Anerkennung und Zuversicht heißt es dort: „Nicht zählen wir den Feind / Nicht die Gefahren alle! / Der Bahn, der kühnen, folgen wir / Die uns geführt Lassalle.“

Heute – 180 Jahre nachdem Ferdinand Lassalle in Breslau geboren wurde – sind viele der einstigen Forderungen erfüllt. Oft hatten deutsche Sozialdemokraten einen entscheidenden Anteil daran, dass die Teilhabe an Wohlstand und Freiheit für viele Menschen in diesem Land Realität geworden ist. Und dennoch wissen wir alle: Es besteht keine Veranlassung sich auszuruhen. Erreichtes muss verteidigt, den veränderten Gegebenheiten angepasst oder auch neu gedacht werden. Ferdinand Lassalles Erbe soll uns dabei ein Auftrag sein.

Fotos: Axel von der Ohe