Franz Künstler - Biographie

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Biographie

Franz Künstler - verfolgter Vorsitzender der SPD von Groß-Berlin

Berliner Gedenktafel für Franz Künstler

Die Gedenktafel für Franz Künstler befindet sich in Neukölln, Elsenstraße 52. Sie wurde am 10.9.1993 enthüllt . Foto: Holger Hübner (am 3.10.1993)

 

Als Berlins langjähriger SPD-Vorsitzender Franz Künstler im dritten Kriegsjahr in Berlin-Baumschulenweg zu Grabe getragen wurde, erwuchs daraus ein stummer Protest von über 1.000 Menschen, die ihrer Gegnerschaft zum sog. III. Reich Ausdruck gaben. Es war ein Alarmzeichen für die Politische Polizei, die daraufhin Gegenmaßnahmen ergriff, um eine Wiederholung zu unterbinden: Als im selben Jahr mit Max Westphal ein weiterer durch KZ- Haft gepeinigter Sozialdemokrat verstarb, durfte seinen letzten Weg nur noch eine kleine Minderheit begleiten.
Wer war Franz Künstler, dessen Beisetzung sich zu einem so Aufsehen erregenden Ereignis auswuchs?
Künstler war von Herkunft Metallarbeiter (Maschinenschlosser) und diente im Ersten Weltkrieg als Soldat Er schloss sich der pazifistischen und radikal-sozialistischen USPD an, die sich 1916/17 von der Mehrheitssozialdemokratie, die am "Burgfrieden" mit den Monarchisten und der Bewilligung der Kriegskredite festhielt, abgespalten hatte. Die Revolution am 9. November 1918 half endlich der Demokratie zum Durchbruch, der Krieg fand sein Ende. Künstler war Mitglied des 1. Rätekongresses, der die Weichen in Richtung auf eine freiheitlich verfasste Staatsform, legitimiert durch freie, geheime und gleiche Wahlen, stellte.
Von 1919 bis 1922 wirkte der Berliner als Gewerkschaftssekretär des Deutschen Metallarbeiterverbandes (DMV), dem Vorgänger der heutigen IG Metall. Künstler war auch parlamentarisch tätig, zunächst als Neuköllner Stadtverordneter, dann (1920-1933) als Vertreter des Wahlkreises Potsdam im Deutschen Reichstag.
Nach der Spaltung der USPD, die in Berlin eine ihrer großen Hochburgen hatte, kam Künstler 1922 in die nun wieder vereinigte Sozialdemokratische Partei zurück. (Die linke Mehrheit der USPD hatte sich bereits 1920 mit der kleinen KPD zusammengeschlossen, die erst da- durch zur Massenpartei wurde.)
Franz Künstler machte nun eine bemerkenswerte Karriere, denn er wurde 1924 - als Nachfolger des Ebert-Sekretärs Franz Krüger -Repräsentant der SPD von Groß-Berlin. Die hatte in der Hauptstadt des Deutschen Reiches eine (auch kommunalpolitisch) einflussreiche Position, obwohl sie nie so stark war, den Oberbürgermeister zu stellen.
Berlins SPD zählte fast 100.000 Mitglieder. Laut letztem Jahresbericht (1931) entrichteten aber nur 82.000 einen Parteibeitrag, was vermutlich an der Massenarbeitslosigkeit gelegen haben dürfte. Tausende gehörten dem Arbeitersport, den Freidenkern und Naturfreunden, der Republikschutztruppe Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold und vor allem den freien Gewerkschaften, dem ADGB, an.
Und doch sollte alles 1933 wie ein Kartenhaus zusammenbrechen!
Die letzten Jahre der Weimarer Republik - die in Berlin ihr Herz und ihr eigentliches Zentrum besaß -zeigten die Sozialdemokratie in einem Mehrfrontenkrieg und hilflosen Abwehrkampf zur Verteidigung der auch von vielen Staatsdienern abgelehnten Verfassung.
Um die letzten Reste des parlamentarischen Systems zu stützen, sah sich die SPD seit 1930 gezwungen, die sozial sehr harte Politik des liberal-konservativen Reichskanzlers Brüning ("Notverordnungen") im Reichstag abzusichern - eine Strategie, die der linke Parteiflügel, darunter der Berliner Landesverband um Franz Künstler, ablehnte.
Und doch, Künstler war kein Feuerkopf, geschweige denn ein Volkstribun. Seinem zur Mäßigung und Verständigung tendierenden Naturell widersprach eine allzu kritische innerparteiliche Opposition. Die USPD/SPD- Trennungsphase im Hinterkopf, lehnte er wie viele andere Ältere 1931 die Abspaltung eines Teils der (vorwiegend jüngeren) Linken und die Bildung der Sozialistischen Arbeiter Partei Deutschlands (SAP) ab. (Nennenswerten Einfluss erhielt diese Organisation ohnehin nicht.)
Künstler blickte voller Verzweiflung auf die gespaltene Arbeiterbewegung, denn die KPD steuerte seit 1929 - auch darin einem Ansinnen Stalins folgend -einen ultralinken Kurs: Sie sah seit 1930 den Faschismus an der Macht und bekämpfte die SPD als ihren "Hauptfeind", als sogenannte Sozialfaschisten.
Nach Jahren der Niederlage schöpften die Sozialdemokraten Hoffnung, als die NSDAP bei der Reichstagswahl im November 1932 über eine Millionen Wählerstimmen verlor. In seinem Jahresausblick für 1933 ersehnte Künstler die endgültige Niederlage des Nationalsozialismus. Nicht nur er hatte diese Illusion - viele Zeitgenossen teilten sie, auch Thomas Mann.
Doch 1933 brachte nicht das Ende, sondern den Triumph der NSDAP.
Am 30. Januar 1933 wurde Hitler zum Reichskanzler ernannt und beraumte sofort Neuwahlen für Anfang März des Jahres an.
Am 7. Februar 1933 fanden sich über 200.000 Menschen im Lustgarten zu einer Protestversammlung gegen die neue Regierung aus Nationalsozialisten und Deutschnationalen ein.
Am nächsten Tag schrieb der "Vorwärts": "Berlin ist nicht Rom. Hitler ist nicht Mussolini. Berlin wird niemals die Hauptstadt eine Faschistenrechts werden. Berlin bleibt rot!"
Am 18. Februar 1933 demonstrierten letztmals öffentlich 15.000 Reichsbanner gegen die Hitler-Hugenberg-Regierung. Einige Männer wurden bereits auf dem Heimweg von SA- Schüssen niedergestreckt.
Die letzte große Saalveranstaltung der SPD wurde am 27. Februar 1933 im Berliner Sportpalast abgehalten. Als der Chefredakteur des "Vorwärts" Friedrich Stampfer ausführte, dass man viel wissen müsse um Marxist, aber nur wenig um "Anti-Marxist" zu sein, schloss ein anwesender Polizeioffizier die Versammlung. Kreuzberger Versammlungsteilnehmer berichten, dass SA sie auf dem Heimweg unter den Yorckbrücken vor sich hertrieb.
Andere Zurückkehrende sahen auf der Straßenbahnfahrt den brennenden Reichstag -ein Signal, das den Untergang der Republik deutlich machte.
In dieser Nacht hob die erste Terrorwelle an (über 1.000 Menschen gerieten allein in Berlin in Haft), sie verstärkte sich nach der schon nicht mehr freien Reichstagswahl am 5. März 1933: Andersdenkende wurden von SA auf der Straße niedergeschlagen, wenn sie die vor- beiziehende NS-Fahne nicht grüßten.
Gleichschaltungsterror und nationale Hysterie prägten in rasantem Tempo die Monate März/April 1933 und krempelten die politischen Machtverhältnisse völlig um. Sebastian Haffner diagnostizierte in seinen Lebenserinnerungen einen "kollektiven Nervenzusammenbruch".
Und in der Tat: auch die einst so zahlenmächtige SPD wurde von der Angstwelle erfasst: Zeitzeugen der SPD-Basis (Abteilungsvorstandsfunktionäre) berichten von eiligst durch Briefschlitze gesteckten Parteibüchern und ehemaligen Sozialdemokraten, die darum baten, ihren Parteiaustritt auf 1932  zu datieren. Doch die Furcht griff auch auf oberen Ebenen um sich. Im April 1933 schloss die Berliner SPD-Führung um Franz Künstler die SAJ-Leitung wegen der gesonderten Vorbereitung auf die Illegalität aus. Im selben Monat zeichnete sich die Zustimmung der sozialdemokratischen Gewerkschaftsführung - gegen eine Minderheit um den Angestelltengewerkschafter Siegfried Aufhäuser und den DMV (in Berlin um Max Urich) - ab, dem Aufruf der Hitler-Regierung zur Feier des 1. Mai auf dem Tempelhofer Feld Folge zu leisten.
Auch in der Führung der Bundespartei zeigten sich tiefe Risse: Entgegen dem strikten Kurs der Exil-Führung um den Vorsitzenden Otto Wels wollte der in Deutschland gebliebene Rest- Vorstand um Johannes Stelling, Paul Löbe, Max Westphal und eben Franz Künstler durch Stillhalten und Teilanpassung das Verbot der SPD verhindern (Zustimmung zur "Friedensresolution" Hitlers im Mai 1933).
Doch das Verbot der SPD (22. Juni 1933) beendete derartige Illusionen.
Fast die gesamte SPD-Spitze geriet in Haft. Künstler kam zunächst zum Alexanderplatz (Polizei), dann ins Gefängnis Spandau - wo es noch relativ moderat zuging -und dann ins SA-Lager Oranienburg (Alte Brauerei). Dort wurde der eher unauffällige Mann zunächst gar nicht entdeckt; doch dann machten einige kommunistische Mithäftlinge ihre Bewacher auf den prominenten Sozialdemokraten aufmerksam, berichtet Gerhart Seger nach der Flucht in seiner Exil-Veröffentlichung "Oranienburg". Nun wurde Künstler schikaniert und u.a. durch Teilrasur des Bartes und der Kopfhaare lächerlich gemacht.
Der Berliner SPD-Vorsitzender kam als letzter Funktionär der hauptstädtischen Führungsschicht frei, Ende August 1934. (Der Fraktionsvorsitzende der SPD im Preußischen Landtag Ernst Heilmann - eine besondere Symbolfigur der Weimarer Republik und wegen seiner jüdischen Herkunft zusätzlich verfolgt - wurde dagegen als prominenter deutscher Sozialdemokrat exemplarisch abgestraft: Ohne Unterbrechung eingekerkert und bitter gedemütigt, ermordete man ihn schließlich 1940 im KZ Buchenwald.)
Franz Künstler arbeitete nach seiner Entlassung bei der Neuköllner Firma Blache und nahm auch nach und nach wieder Verbindung zu seinen politischen Freunden auf. Dem zwischen 1934 und 1936 wegen Vorbereitung zum Hochverrat angeklagten Funktionärskreis der illegalen Berliner SPD, der Untergrundschriften verbreitete und Kontakt zur Exil-SPD hielt, gehörte Künstler nicht an, da er stark unter Kontrolle und Beobachtung stand. Aber er sorgte auf seine Art für den Zusammenhalt jener gesinnungstreuen Berliner SPD-Anhänger, die
sich auf Gesangsveranstaltungen und bei Beerdigungen verfolgter Genossen trafen und damit die Treue zu den alten Idealen unter Beweis stellen wollten. Meist befanden sich Gestapo-Spitzel unter ihnen und meldeten die Anzahl der Erschienenen und die "Drahtzieher" bzw. Organisatoren wie Franz Künstler.
Der größte Erfolg dieser Art von "Mobilisierung" war die Beisetzung der früheren Reichstagsabgeordneten Clara Bohm-Schuch, der im Mai 1936 in Anwesenheit von über 5.000 Menschen das letzte Geleit gegeben wurde. "Im Kampf gegen das braune System. Wir leben! Demonstration Berliner Sozialdemokraten", titelte damals der "Neue Vorwärts", die Zeitung der Exil-SPD in Prag.
Neben diesen in Deutschland einzigartigen "stummen Massenkundgebungen" unterhielt Künstler Kontakte zu Untergrundgruppen, wie die "Deutsche Volksfront" und die "Deutsche Freiheitspartei", einem Zusammenschluss liberaler und sozialistischer Emigrationskreise, die antinazistische Flugblätter nach Deutschland schleusten.
Aufgrund dieser Verbindungen geriet Künstler im August 1938 für vier Monate in Gestapo- Haft, darunter ins KZ Lichtenburg, und wurde intensiv "vernommen". Für einen Prozess reichten die Beobachtungen der Spitzel aber nicht aus, und so musste der Berliner wieder entlassen werden. Man strafte ihn daraufhin auf andere Art ab: Im September 1939 wurde der Herzkranke "dienstverpflichtet", im Tempelhofer Hafen schwere Zentnersäcke zu schleppen. Diese "Dienstverpflichtung" war in Wahrheit Zwangsarbeit, und zwar Zwangsarbeit mit Todesfolge. Am 10. September 1942 ereilte ihn auf dem Weg von der Arbeit der Herztod.
Seine Beisetzung auf dem Friedhof in Baumschulenweg geriet noch einmal zu einer ein- drucksvollen "Demonstrationsbeerdigung", erinnert sich Reinhold Walz. Er und andere Zeit- zeugen berichten von mindestens 1.000, wahrscheinlich 2.000-3.000 Teilnehmern, einige trugen den Soldatenrock. Die Werbung dafür erfolgte hauptsächlich über persönliche Verbindungen, denn Telefon war damals noch nicht so verbreitet. Margarete Künstler konnte lediglich einige Freunde schriftlich informieren und zudem in der "Berliner Morgenpost" eine kleine Anzeige unterbringen.
Zu Künstlers Lebensschicksal passen die Worte von Otto Wels gegen das Ermächtigungsgesetz vom März 1933: "Freiheit und Leben kann man uns nehmen - die Ehre nicht!

 

Text: Hans-Rainer Sandvoß