Kressmann, Willy

Geschichte: Personen A-K

Willy Kressmann

Der Verein zur Erforschung und Darstellung der Geschichte Kreuzbergs hat erreicht, dass die Grabstätte des legendären Kreuzberger Bezirksbürgermeisters Willy Kressmann (ehem. SPD) als Ehrengrabstätte Berlins anerkannt wurde. Die Initiative des Vereins steht im Zusammenhang mit dem Projekt des Kreuzberg-Museums in Zusammenarbeit mit dem Verein unter dem Titel "Wiedervereinigung ist auch Kleinarbeit". In einer umfangreichen und aufwändigen Arbeit wird das Leben Kressmanns erschlossen und damit Zeitgeschichte von 1930 bis 1962 dokumentiert. Am Ende dieser bemerkenswerten Aktivität soll die Herausgabe einer politischen Biographie Kressmanns stehen, verbunden mit einer Ausstellung, wahrscheinlich im Willy-Brandt-Haus.
Willy Kressmann wurde 1901 im Arbeiterbezirk Prenzlauer Berg geboren. Seine Kindheit und Jugend bezeichnete er selbst als Hineinwachsen in ein sozialdemokratisches Milieu. Als Schüler trat er der USPD bei, später der SPD und der Sozialistischen Arbeiterjugend Deutschlands (SAJ). Nach einer Buchdruckerlehre wurde er als Jugendfunktionär zur Fortbildung delegiert und qualifizierte sich zunächst zum Fürsorger, später zum Wirtschaftsprüfer. 1931 schloss ihn die SPD aus der Partei aus, weil er auf dem Rednerpodium der Parteiführung Führungsschwäche und "versteinerte Funktionshierarchie" vorgeworfen hatte. Kressmann beteiligte sich am Aufbau eines neuen "Sozialistischen Jugendverbandes" und wurde Chefredakteur der Zeitschrift "Jungprolet". Wenige Tage vor der Machtübernahme der Nationalsozialisten erging Haftbefehl gegen ihn. Er hatte offen zum Widerstand die Regierung Schleicher aufgerufen, weil sie die NSDAP unterstützte.
Die Jahre 1933 bis 1947 verbrachte Kressmann im Exil. Er flüchtete zunächst nach Prag und kam im Sommer 1939 über Polen und Skandinavien nach Großbritannien, wo er von 1940 bis 1941 als deutscher Emigrant interniert wurde. Im Frühsommer 1947 kehrte Kressmann nach Berlin zurück und übernahm bald eine führende Position in der Abteilung Wirtschaft des Magistrats Groß-Berlins, deren Hauptaufgabe in dieser Zeit die Organisation der Lebensmittel- und Rohstoffversorgung war. Mit unbürokratischen Hilfsaktionen zog er sich bald die Kritik seiner Partei zu.
Noch während der Berlinkrise wurde Willy Kressmann 1949 Kreuzberger Bürgermeister und gleichzeitig Dezernent für die Abteilung Wirtschaft. Auch hier stand er bald, einer zeitgenössischen Pressestimme zufolge "in der Mitte zwischen amtlicher Rüge und öffentlicher Zustimmung". Die Bevölkerung gab ihm den Namen  "Texas-Willy", denn er hatte bei Reisen in die USA die Ehrenbürgerwürde von San Antonio in Texas erworben. Kressmanns eigenwillige Wirtschaftspolitik, seine Vorstellung von bürgernaher Verwaltung, vor allem aber die  von ihm betriebene "Deeskalationsstrategie" gegenüber der DDR brachten ihm 1962 zunächst ein Parteiordnungsverfahren ein, dann die Abwahl vom Bürgermeisteramt durch die Kreuzberger Bezirksverordnetenversammlung und seine sofortige Versetzung in den Ruhestand. 1963 trat Kressmann verbittert aus der SPD aus. Willy Kressmann verstarb 1986 in Berlin. Er wurde auf dem Waldfriedhof Zehlendorf II, Potsdamer Chaussee 75/Wasgensteig, beigesetzt.
In Anbetracht der Vita Kressmanns halte ich die Entscheidung des Senats für bemerkenswert und mutig. Mögen sich anstehende Nachfolger/innen an Kressmann messen lassen können.
Bemerkenswert ist auch der wissenschaftliche Beirat für das Projekt, dem Prof. Peter Brandt, Dr. Siegfried Heimann und Prof. Harold Hurwitz angehören. Prof. Wettig hat seine Mitarbeit in Aussicht gestellt.
So wird aus der wissenschaftlichen Forschungsarbeit insbesondere durch Andrea Lefevre und Dr. Stefan Krautschik und der Befragung von Zeitzeugen - der Verfasser war selbst jahrelang enger Mitarbeiter und Freund Kressmanns - ein gutes Stück Berlin sichtbar werden.

Günter König, ehem. Bezirksbürgermeister von Kreuzberg