Juchacz, Marie

Geschichte: Personen A-K

Marie Juchacz

geboren 15.3.1879 in Landsberg an der Warthe
gestorben 28.1.1956 in Düsseldorf

Marie Juchacz wurde 1879 geboren und arbeitete nach dem Besuch der Volksschule als Hausangestellte, Fabrikarbeiterin, Krankenwärterin und Näherin. 1908 trat sie in die SPD ein und war von 1913-1917 als Frauensekretärin im SPD-Bezirk Obere Rheinprovinz in Köln tätig. Von 1917-1933 war sie Mitglied des Parteivorstandes und Leiterin des Frauenbüros der Partei. 1917, nach der Entlassung Clara Zetkins, übernahm sie die Redaktion der "Gleichheit - Zeitschrift für die Interessen der Arbeiterinnen", die sie bis 1921 leitete. Mit dem Weggang von Clara Zetkin und Luise Zietz verloren die Mehrheits-Sozialdemokraten zwei ihrer qualifiziertesten Mitstreiterinnen für das Frauenwahlrecht. Marie Juchacz musste die Stelle von beiden einnehmen und steht somit (nach den radikalen Frauen) für die zweite Phase sozialdemokratischer Frauenpolitik. Kurz vor Ende des Ersten Weltkrieges taten sich Frauen unterschiedlicher politischer Richtungen zusammen. Am 25. Oktober 1918 wandten sie sich in einem Schreiben an den Reichskanzler und forderten ein Gespräch über die Verwirklichung von gesetzlicher Gleichberechtigung. Die Liste der Unterschriften wird angeführt Marie Juchacz für die Frauen der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands. Einige Tage später erhielten die deutschen Frauen das aktive und passive Wahlrecht.
Am 19. Januar 1919 konnten Frauen erstmals ihr Wahlrecht zur Verfassung gebenden deutschen Nationalversammlung ausüben. Einen Monat später, am 19. Februar 1919 spricht zum ersten Mal eine Frau vor einem deutschen Parlament. Es ist Marie Juchacz, die vor die Nationalversammlung in Weimar tritt: "Es ist das erste Mal, dass in Deutschland die Frau als Freie und Gleiche im Parlament zum Volke sprechen darf (...) dass wir Frauen dieser Regierung nicht etwa (...) Dank schuldig sind. Was diese Regierung getan hat, das war eine Selbstverständlichkeit; sie hat den Frauen gegeben, was ihnen bis dahin zu Unrecht vorenthalten worden ist." Der Nationalversammlung gehört sie bis 1920 an.
Neben ihrer aktiven politischen Arbeit, vor allem in der Berliner Sozialdemokratischen Frauenbewegung, beteiligte sie sich maßgeblich an der Gründung der Arbeiterwohlfahrt, deren Vorsitzende sie bis 1933 war.
Bis 1933 gehörte Marie Juchacz auch dem Reichstag an. 1933 emigrierte sie vor den von Nazis ins Saargebiet, 1935 nach Frankreich und 1941 in die USA. 1949 kehrte sie nach Deutschland zurück und wurde Ehrenvorsitzende der AWO.
Claudia Sucker

 

 

 

Am 18. November 2007 wurde durch den Berliner AWO-Vorsitzenden Hans Nisblé und Bezirksbürgermeisterin von Treptow-Köpenick Gabi Schöttler eine Gedenktafel am früheren Wohnhaus der AWO-Gründerin Marie Juchacz in der Schmausstraße 83 in Treptow-Köpenick eingeweiht.   Foto: Oliver Igel

 

Ansprache von Hans Nisblé

aus Anlass der Gedenktafelenthüllung zu Ehren von Marie Juchacz am 18. November 2007

Sehr geehrte Frau Bezirksbürgermeisterin, liebe Gabi, sehr geehrte Frau Wagner, sehr geehrte Frau Baudisch, sehr geehrte Damen und Herren, liebe Freundinnen und Freunde der AWO, wir haben uns heute hier versammelt, um zu Ehren von Marie Juchacz eine Gedenktafel zu enthüllen und einzuweihen.

Marie Juchacz war nicht nur Gründerin der Arbeiterwohlfahrt, sondern gleichzeitig Politikerin, Frauenrechtlerin und unerschrockene Kämpferin gegen den Nationalsozialismus. Ich denke, das sind gute Gründe, um dieser starken und mutigen Frau in Form dieser Tafel zu gedenken und sie so zu würdigen. Ich möchte mich an dieser Stelle herzlich bei Gabriele Wagner, der Eigentümerin dieses Hauses bedanken, die es uns freundlicherweise gestattet hat, hier die Gedenktafel anbringen zu lassen. Mein Dank geht außerdem an Helmut Heidemann für seine Idee, die Gedenktafel hier anbringen zu lassen und für seine Unterstützung, indem er für uns den Kontakt zu seiner Nichte Gabriele Wagner herstellte. Für Ihre Unterstützung möchte ich mich auch bei der Historischen Kommission zu Berlin und beim Bezirksamt Treptow-Köpenick herzlich bedanken.

Und ich bedanke mich bei unseren Freunden vom AWO-Kreisverband Treptow-Köpenick, die so freundlich sind, uns nach der Enthüllung in ihrer Begegnungsstätte am Müggelseedamm zu einer kleinen Stärkung einzuladen. Marie Juchacz lebte von 1926 bis 1933 in der Schmausstraße 83. Hier in Berlin begann ihre Parteiarbeit für die SPD, hier wurde sie 1917 Frauensekretärin der SPD, und hier gründete sie 1919 auch die Arbeiterwohlfahrt. Bevor sie im Jahr 1917 nach Berlin zurückkehrte, konnte Marie Juchacz bereits in Köln wichtige Erfahrungen sammeln. 1913 hatte sie von einem Kölner Parteibezirk das Angebot bekommen, dort als bezahlte Frauensekretärin zu arbeiten. Hier startete ihre politische Karriere und hier begann sie auch mit ihren ersten sozialen Tätigkeiten. In dieser Zeit kam auch das erste Mal die Idee einer eigenen Wohlfahrtsorganisation bei Marie Juchacz auf. Zurück in Berlin wurde Marie Juchacz zunächst zentrale Frauensekretärin der Berliner SPD, um dann kurze Zeit später als einzige Frau in den Parteivorstand gewählt zu werden. Im Januar 1919 wurden sie und ihre Schwester Elisabeth Röhl in die Verfassungsgebende Versammlung der Weimarer Republik gewählt, und kurze Zeit später hielt Marie Juchacz als erste Frau überhaupt eine Rede vor dem deutschen Parlament. Im selben Jahr noch gründete sie im Dezember die Arbeiterwohlfahrt.

Von 1920 bis 1933 gehörte Marie Juchacz dem Reichstag an und konzentrierte sich auf sozialpolitische Fragen. Nach der Machtergreifung Hitlers emigrierte Marie Juchacz in die USA und gründete dort kurze Zeit später die „Arbeiterwohlfahrt USA“, in der sie bis 1948 arbeitete. 1949 kehrte sie nach Deutschland zurück und war bis zu ihrem Tod im Jahr 1956 Ehrenvorsitzende der Arbeiterwohlfahrt. Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Freundinnen und Freunde, dies war nur ein kurzer Abriss und ein kleiner Ausschnitt aus Marie Juchacz’ spannendem und bewegtem Leben. Ich möchte Sie und Euch herzlich einladen, unsere Marie Juchacz-Ausstellung im Rathaus Köpenick zu besuchen – sofern dies noch nicht geschehen ist – um mehr über das gesamte Leben und Schaffen dieser beeindruckenden Frau zu erfahren. Wenn ich über Marie Juchacz’ bewegtes Leben rede, denke ich zugleich an die bewegte Geschichte der Arbeiterwohlfahrt – vor allem während und nach dem Zweiten Weltkrieg. Wie sehr muss es Marie Juchacz daher gefreut haben, zu erfahren, dass die Alliierten am 29. November 1947 die AWO Berlin als Wohlfahrtsorganisation wieder anerkannt hatten. Und wie glücklich wäre sie wohl heute, im Jahr 2007, wenn sie erfahren würde, dass wir am 29. November die 60-jährige Wiederzulassung der AWO in Berlin feiern. Letztlich feiern wir damit auch Marie Juchacz und die Menschen, die in ihrem Sinne und ihrer Tradition die AWO damals wieder aufgebaut haben und sie zu dem gemacht haben, was sie heute ist – ein Wohlfahrtsverband, der für soziale Gerechtigkeit und ein tolerantes Miteinander steht. Verehrte Damen und Herren, ich danke für Ihre Aufmerksamkeit.