Ihrer, Emma

Geschichte: Personen A-K

Emma Ihrer

Grab Emma Ihrer

Die SPD ehrte Emma Ihrer am 3. Januar 2007 mit einer Kranzniederlegung. Foto: Wörmann

 

geborene Rother, geboren am 3. Januar 1857 im schlesischen Glatz als Tochter eines Schuhmachers. Sie heiratete den Apotheker Emanuel Ihrer. Emma Ihrer ist am 8.1.1911 in Berlin gestorben. Ihr Grab befindet sich in Berlin-Lichtenberg auf dem Zentralfriedhof Friedrichsfelde (Gedenkstätte der Sozialisten), Gudrunstraße.

Luise Zietz nannte sie "eine kraftvolle, charakterfeste Persönlichkeit, die große Willensstärke mit persönlicher Liebenwürdigkeit verband". Clara Zetkin sah in ihr "die rücksichtslose Verfechterin der vollen Gleichberechtigung des weiblichen Geschlechts, die unerschrockene Kämpferin gegen alle knechtenden und büttelnden Gewalten".
Sie war eine Repräsentantin der deutschen proletarischen Frauenbewegung des ausgehenden neunzehnten und beginnenden zwanzigsten Jahrhunderts. Mit ihrem Wirken sind die Anfänge gewerkschaftlicher Frauenarbeit eng verbunden. Emma Ihrer hat eng mit Carl Legien, dem Vorsitzenden der Generalkommission der Gewerkschaften Deutschlands für die Verbesserung der Situation von Arbeiterinnen zusammengearbeitet. Die Gegner in diesem Kampf waren die Arbeiter, die in Frauenerwerbsarbeit eine unerwünschte Konkurrenz sahen und der Obrigkeitsstaat, der Frauen grundlegende bürgerliche Rechte verweigerte.
Erst das Reichsvereinsgesetz vom 15. Mai 1908 gestattete es in Deutschland Frauen, sich politisch zu betätigen und zu organisieren.
Eduard Bernstein schreibt in dem 1910 erschienenen dritten Band seiner Geschichte der Berliner Arbeiterbewegung: " In noch höherem Grade, als es im sogenannten bürgerlichen Recht der Fall ist, findet unsere Epoche die weibliche Bevölkerung Preußens politisch entrechtet. Nicht genug, dass die Frau vom Wahlrecht zu den gesetzgebenden und Verwaltungskörpern ausgeschlossen ist, verbot ihr das preußische Vereinsgesetz des Reaktionsjahres 1850 sogar die bloße Teilnahme an politischen Vereinen. Ein Verbot, das durch die weitgedehnte Auslegung des Begriffs "politisch" von seiten der Behörden und Gerichte für die sozialistische Frauenwelt noch erheblich verschärft wurde. Diese doppelte Entrechtung bestimmte lange Zeit die Formen der sozialdemokratischen Frauenbewegung Berlins. Die sozialistischen Frauen können ihren Vereinigungen nicht nach freier Entscheidung diejenigen Formen und Statuten geben, die ihnen zweckmäßig erscheinen, sondern müssen sie von Rücksichten abhängig machen, die mit den vorgesetzten Zwecken nichts zu tun haben."
Im Oktober 1878 wurde mit dem Sozialistengesetz den Arbeitern, die der Sozialdemokratie angehörten, ihr nahestanden oder ihr willkürlich zugeschrieben wurden das Koalitionsrecht entzogen. Das preußische Vereinsgesetz vom 11. März 1850 verbot es politischen Vereinen Frauen aufzunehmen. Polizeibehörden hatten die alleinige Entscheidungsgewalt zu definieren was als politisch zu gelten hat. Bestehende oder sich erneut bildende gewerkschaftliche Fachvereine schlossen Frauen nicht selten sehr gern aus und entledigten sich so von ihnen empfundene lästige Konkurrenz.
Emma Ihrer wurde streng katholisch erzogen. Anfang der 80er Jahre des 19. Jahrhunderts kam Sie nach Berlin. Dort arbeitete sie zunächst als Putzmacherin.
Ihr erster öffentlicher Auftritt ist in einer Veranstaltung dokumentiert mit dem Thema "Wie kann man die Sittlichkeit der Arbeiterinnen heben? " Hier äußerte sie ihre Meinung, dass die Prostitution nur ein Teil des Elends der Arbeiterinnen sei. Das könne aber auch mit der Beseitigung der Sittenpolizei, für die sie gleichfalls eintrat, nicht aus der Welt geschafft werden.
Am 13. November 1883 wurde der "Frauen-Hülfsverein für Arbeiterinnen" von Johanna Wecker gegründet. Sein Ziel war es seine Mitglieder materiell und geistig zu fördern, die beruflichen Interessen der Mitglieder zu vertreten, in Notfällen Darlehen zu gewähren und bei Erwerbsunfähigkeit Unterstützung zu zahlen. Weitere Planungen des Vereins, die Einrichtung von Arbeitsstuben für bestimmte Frauenberufe, die Schaffung eines Leseraums und eines Speisehauses kamen leider nicht zustande. Emma Ihrer, die anfangs begeistert in dem Verein mitarbeitete, war enttäuscht von der "kleinlichen Reformarbeit".
Am 26. Februar 1885 konstituierte sich der "Verein zur Vertretung der Interessen der Arbeiterinnen", in dessen Vorstand Emma Ihrer Schriftführerin wurde. Die Mitgliederzahl wuchs von zunächst 500 auf mehrere tausend Frauen an. Aufgrund des starken Interesses musste in Berlin ein Zweigverein gegründet werden. Überall im Reichsgebiet gründeten Frauen ähnliche Vereine.
Die Ziele des Berliner Vereins zur Vertretung der Interessen der Arbeiterinnen waren mit den Zielen einer Gewerkschaft vergleichbar. Im Statut stand: "Hebung der geistigen und materiellen Interessen, insbesondere der Lohnverhältnisse, gegenseitige Unterstützung bei Lohnstreitigkeiten, Aufklärung durch fachgewerbliche und wissenschaftliche Vorträge, Beschaffung einer Bibliothek, Pflege der Kollegialität durch gesellige Zusammenkünfte und die Einrichtung eines Arbeitsnachweises". Nach Berichten Eduard Bernsteins sammelte der Verein Material über die Lage der Arbeiterinnen einzelner Berufszweige, veröffentlichte die Informationen und setzte sich für die Erhöhung der extrem niedrigen Löhne und die Verbesserung der Arbeitsbedingungen der Arbeiterinnen ein. Die Veröffentlichungen über die niedrigen Löhne in der Konfektion, Weißnäherei und im Putzfach, die lange Arbeitszeit und die unwürdige Behandlung der Arbeiterinnen fand weit über die proletarischen Kreise hinaus Beachtung.
Besondere Tätigkeit entwickelte sich unter den Arbeiterinnen der Konfektionsbranche. Sie vereinbarten Lohnverträge mit Firmen und sie erreichten es, dass die geplante Einführung von Zoll auf englisches Nähgarn verhindert wurde. Auf die Arbeit des Vereins sind die ersten Beschlüsse des Reichstages zugunsten einer amtlichen Erhebung über die Lohnverhältnisse in der Wäschefabrikation und der Konfektionsindustrie zurückzuführen. Der Verein hat es z.B. auch erreicht, dass Bestimmungen gegen den Wucher mit Arbeitsmaterial in die Gewerbeordnung eingeführt wurde.
Im April 1886 wurde der Verein zur Vertretung der Interessen der Arbeiterinnen auf Grundlage des geltenden Vereinsgesetzes, mit der Begründung politisch zu sein, verboten. Dr. Marie Hofmann, Pauline Staegemann, Emma Ihrer und Johanna Jagert wurden im Dezember vor Gericht gestellt. Emma Ihrer kämpfte und agitierte im ganzen Deutschen Reich weiter für die Ziele des Vereins.
Vom 14. bis zum 20. Juli 1889 wurde sie zusammen mit Clara Zetkin als Delegierte für den "Internationalen Sozialistenkongreß" aufgestellt. Sie hielt dort eine viel beachtete Rede. Als längst anerkannte Sprecherin der deutschen Arbeiterinnen erlebte Emma Ihrer an der Seine den ersten Höhepunkt ihres politischen Wirkens. Auf diesem Kongress wurde ebenfalls als erste weltumspannende Aktion der Arbeiterschaft beschlossen, den 1. Mai 1890 zum Feiertag zu erklären.
Zurück in Berlin enstand inspiriert und geführt von Emma Ihrer eine Frauenagitationskommission. Den neuen Schwierigkeiten mit der preußischen Regierung begegnete Emma Ihrer, indem sie direkt mit dem preußischen Innenminister Ernst Ludwig von Herrfurth verhandelte und von ihm die Zusage erhielt, dass von Frauen für Frauen einberufene Versammlungen nicht mehr verboten wurde. Am 19. Februar 1895 verbot der Berliner Polizeipräsident schließlich dann aber doch die Frauenagitationskommission .
Im Herbst 1890 schaffte die preußische Regierung das Sozialistengesetz ab. Ab diesem Zeitpunkt wurde es wieder möglich einigermaßen ungestörte gewerkschaftliche Arbeit durchzuführen. Es entstanden neue Zentralverbände. Emma Ihrer bestand darauf, die Möglichkeit der Mitgliedschaft für Frauen in den Statuten festzulegen. Am 16./17. November 1890 auf der historischen "Ersten Konferenz der Gewerkschaften Deutschlands" wurde für die freigewerkschaftlichen Verbände eine gemeinsame Zentralinstanz, die Generalkommission der Gewerkschaften Deutschlands beschlossen. Neben sechs Männern wurde als einzige Frau Emma Ihrer in die Generalkommission gewählt.
Die gesamte Presse bezeichnete Emma Ihrer als "die Seele der ganzen Agitation unter den sozialdemokratischen Frauen".
Am 20. 12. 1890 gründete sie das Blatt "Die Arbeiterin", mit dem Untertitel Zeitschrift für die Interessen der Frauen und Mädchen des arbeitenden Volkes, das später den Namen die Gleichheit bekam. Dies wurde die erste und einzige sozialistische Frauenzeitschrift die für die Agitations- und Schulungsarbeit der proletarischen Frauenbewegung genutzt werden konnte.
In den folgenden Jahrzehnten bestand die Hauptarbeit darin Frauen für die Mitarbeit in den Gewerkschaften zu überzeugen. Dies war eine nicht leichte Arbeit, da überwiegend alte Anschauungen über die Frau, ihre Stellung in Staat und Gesellschaft und ihre Betätigung im öffentlichen Leben bei Männern wie Frauen vorherrschten.
Emma Ihrer bekam auch immer mal wieder Konflikte mit der Obrigkeit. Als sie gegen Ende des Jahres 1892 z.B. öffentlich erklärte, dass Proletarier unter dem Krieg weit mehr als Söhne der Bourgeoisie zu leiden hätten.
1893 hatte Emma Ihrer eine Broschüre über Die Organisation der Arbeiterinnen Deutschlands, ihre Entstehung und Entwicklung veröffentlicht. 1898 publizierte sie die weit verbreitete Agitationsschrift Die Arbeiterinnen im Klassenkampf.
1903 wurde Emma Ihrer Vorsitzende der Gewerkschaft des "Zentralverbandes der in der Blumen-, Blätter-, Palmen- und Putzfederfabrikation beschäftigten Arbeiter und Arbeiterinnen Deutschlands.
1904 konstituierte sich mit Emma Ihrer als Vorsitzende ein gewerkschaftliches Frauenkomitee, um die Frauenarbeit voranzubringen und entsprechende Kongressbeschlüsse umsetzen zu helfen. Bei der Generalkommission der Gewerkschaften Deutschlands in Berlin wurde in dieser Zeit ein Arbeiterinnensekretariat geschaffen.
In jener Zeit war Emma Ihrer hauptsächlich damit beschäftigt Mitglieder für Gewerkschaften zu werben. Sie half mit bei der Gründung der Organisation der Dienstboten, des Zentralverbandes der Hausangestellten Deutschlands. Am 1. April 1909 nahm er seine Arbeit auf.
Luise Zietz würdigte die Verstorbene in einem Nachruf "als eine kraftvolle, charakterfeste Persönlichkeit, die große Willensstärke mit persönlicher Liebenswürdigkeit verband", die "immer alles getan (hat), um auch bei anderen das Selbst- und Persönlichkeitsgefühl zu wecken und zu stärken". Clara Zetkin ergänzte: "Die unversöhnliche Hasserin jedes Vorurteils, die rücksichtslose Verfechterin der vollen Gleichberechtigung des weiblichen Geschlechts, die unerschrockene Kämpferin gegen alle knechtenden und büttelnden Gewalten war ein grundgütiges Weib, eine durch und durch mütterliche Natur".

Karin Müller