Hofstetten, Mathilde von

Geschichte: Personen A-K

Mathilde von Hofstetten

Am 21. Oktober 1928 erschien im „Vorwärts“ folgender Artikel:

In einem bescheidenen Stübchen eines Berliner Altersheimes draußen im Norden hat Mathilde v. Hofstetten, die greise Witwe Johann Baptist von.Hofstettens als Kleinrentnerin nach einem sturmbewegten Leben einen ruhigen Hafen gefunden. An ihrem 80. Geburtstage erinnerte man sich der tapferen Frau, die mit dem Gatten ihr Hab und Gut für die Propaganda des Sozialismus opferte und im hohen Alter den schweren Daseinskampf der Kriegs- und Nachkriegszeit noch auf sich nahm, indem sie ihren Unterhalt selbst zu erwerben suchte.

Nun ist es wieder still geworden um Mathilde von Hofstetten. Aber sie selbst nimmt weiter lebendigen Anteil an der Welt, sieht unentwegt treu zu ihrer Überzeugung, ehrt die Erinnerungen an die geistigen Kampfzeiten des Gatten und erzählt mit ungetrübtem Gedächtnis von der Entwicklung ihres einstigen geliebten Lebensgefährten zum Sozialismus, wie er sich schon als Kadett freiheitliche Schriften verschaffte, später auf die Offiziers- und höfische Karriere verzichtete, um als Journalist und Agitator dem Sozialismus zu dienen. Eine kleine Photographie des Frühverstorbenen zeigt in den Zügen eine überraschende Ähnlichkeit mit Lassalle, unter dessen Einfluss sich seine politische Weltanschauung entwickelte(...). Statt des feurigen Ausdrucks,, der Lassalles Portrait charakterisiert, schweifen die schönen träumenden Augen in Hofstettens Antlitz übersinnlich ins Weite. Leider wurden seine Dokumente und Briefe durch einen Brand vernichtet.

Schon als junges Mädchen bekundete Mathilde von Hofstetten ein lebhaftes Interesse für öffentliche Fragen. Als Frau konzentrierte sie ihre soziale Teilnahme auf das Los der arbeitenden Frauen. Mit dem frühen Tode des Gatten, er starb mit 51 Jahren — viele tausend Genossen geleiteten seinen Sarg unter dem Zeichen des Sozialistengesetzes (zum Friedhof der Freireligiösen Gemeinde an die Pappelallee K.B.) — bedurfte seine Witwe einer neuen Lebensaufgabe. Seit den achtziger Jahren bereits organisiertes Mitglied, widmete sie sich fortan unermüdlich der Gewerkschaftsbewegung in jener Zeit, in welcher die Beschränkungen des alten Vereinsrechtes solche Arbeit noch zu einem schweren Kampf für die sozial und politisch wirkenden Frauen gestalteten. Kaum war sie in der ersten Versammlung aufgetreten, so betraute man Sie schon mit dem ersten Amt, dem im Laufe des Jahres sieben andere folgten. Damals mussten die Genossinnen stets pro forma einem Berufsverein beitreten, da Frauen nicht Mitglieder eines politischen Vereins werden durften, Und mit welchen behördlichen Drangsalierungen war auch diese Tätigkeit verknüpft! Als Parteifunktionärin hat Mathilde von Hofstetten, aus bürgerlicher Familie stammend, in Reih und Glied tapfer und treu gearbeitet, Versammlungen geleitet, Ämter verwaltet, Vorträge gehalten, die der Verbesserung der Lage der arbeitenden Frau galten. Bis zu ihrem 73. Jahr war sie{die Geschäftsführerin des Frauenausschusses im Kreise Moabit. Noch heute besucht die 81jährige Frau in unverminderter geistiger Regsamkeit Parteiversammlungen im Norden Berlins, noch immer darf der ,,Vorwärts", ihr Parteiorgan, nicht auf ihrem Tisch fehlen, obwohl die schwachen Augen nur noch die fetten Überschriften entziffern können und eine Vorleserin selten zu beschaffen ist. Dabei ist sie ein Vorbild der Genügsamkeit, mit ihrem kargen Alterslos zufrieden. Sie versichert, es an sich selbst erfahren zu haben: „In der Republik kümmert man sich doch mehr um die Menschen als früher“.In ihrer Bescheidenheit findet Sie es eigentlich überflüssig, dass die, Öffentlichkeit etwas von ihr erfährt. „Was habe ich denn besonders getan? Viele von den alten Parteigenossen haben gleich mir gekämpft und gehungert, Opfer gebracht und Verfolgungen über sich ergehen lassen, um dem Sozialismus zu dienen. Das hat uns nicht niedergedrückt. ,sonst wären wir ja keine Idealistcn gewesen.
Das Schandgesetz 1878 bis 1890 hat uns trotz aller Drangsalierungen nicht auseinander gebracht, sondern fester zusammen gehalten. Diese Zeit, so schwer sie war, möchte ich nicht aus meinen Erinnerungen streichen."
In einer Zeit, in der der Idealismus als schlechte Münze gilt und Märtyrer ihrer Überzeugung immer seltener zu werden scheinen, ist es vielleicht nicht überflüssig, von Mathilde Hofstetten zu berichten.

Ausgesucht, übertragen und redigiert von Konrad Beck, Dezember 2002.