Hofstetten, Johann Baptist von

Geschichte: Personen A-K

Johann Baptist von Hofstetten

Am 16. Januar 1887 erschien im „Berliner Volksblatt“ folgender Nachruf:

"Wie vorausgesehen, ist der mit der Berliner Arbeiterbewegung seit mehr denn 20 Jahren eng verbundene Berichterstatter von Hofstetten gestern nach wochenlangem Krankenlager in der Charité seinen Leiden erlegen. Mit ihm ist ein Mann dahingegangen, der bis zum letzten Augenblicke für die Sache des arbeitenden Volkes wirkte und – litt. Eine so bewegte, teilweise glänzende Vergangenheit, der später das Elend in nackter Gestalt folgte, haben nur wenige Menschen aufzuweisen. Als Mitglied einer alten bayerischen Adelsfamilie war er längere Zeit Offizier. Er wurde sogar für die nächste Umgebung  des auf so tragische _Weise verblichenen Ludwig II., welchen er nach Göttingen auf die Universität begleiten sollte, in Vorschlag gebracht. Um seinen schriftstellerischen Neigungen  leben zu können, quittierte der nun Verblichene den Offiziersdienst freiwillig  und siedelte zu Beginn der sechziger Jahre nach Berlin über.  Es war sein Verhängnis. Mit einer  Gräfin Strachwitz verheiratet, in der „feinsten“ Gesellschaft verkehrend, schloß sich Herr von Hofstetten aus glühender Bewunderung Ferdinand Lassalle aufs Engste an. Auch die Gräfin Hatzfeld, die bei von Hofstettens einzigem längst verstorbenen Töchterchen  Patenstelle vertrat, lernte er näher kennen. Als Lassalle das ihn in den Tod treibende Duell mit dem Bojaren Racewitza (Rackwitz K.B.) zum Austrag bringen wollte, eilte von Hofstetten auf dringendem Wunsch des ersteren nach Genf, um als „Unparteiischer“ und für andere Eventualitäten anwesend zu sein. Lassalle fiel. Im Testamente vermachte er seinem Freunde Hofstetten die Waffensammlung u.A. mehr. Ohne rechte Menschenkenntnis, dazu schwärmerisch veranlagt und Allen sorglos vertrauend, geriet Hofstetten und mit ihm das Vermögen seiner Frau in die Hände Dr. Schweitzers. Dieser geistig hervorragende Mann vermochte H. zu bestimmen, mit ihm das erste deutsche sozialdemokratische Parteiorgan, den „Sozialdemokrat“ herauszugeben. Nachdem die Mittel draufgegangen waren,  entledigte sich Schweitzer des überflüssig gewordenen Freundes. H. war nun arm, seine Frau trennte sich von ihm und ging nach Paris, wo sie,, wenn wir richtig unterrichtet sind, auch starb. Die zweite Frau holte H. sich aus dem Volke; es (sie K.B.) war eine arme Näherin. Recht interessant ist, wie Liebknecht auf dem 4.Kongresse des internationalen Arbeiterbundes im Jahre 1869 für H. Partei ergriff. Er bezeichnete Schweitzers Verhalten gegenüber H. als „erbärmlich“. Jener habe es vermocht, den Freund „zum Bettler“ zu machen und zu verraten. Mit dem Abschluss der sechziger Jahre  hatte die Glanzzeit H.’s. ihr Ende erreicht. Der jahrelange Kampf ums Dasein begann. Nur einige Freunde, wie z.B. Liebknecht, blieben ihm treu. Als Berichterstatter für wenige Blätter verdiente er sich mühsam das Brot. Die materiellen Sorgen und Kümmernisse verschiedener Art führten H. langsam, aber unaufhaltsam dem geistigen und physischen Ruin zu. Er bot zuletzt einen bemitleidendenswerten  Anblick. Die einst so feurigen Augen waren erloschen, das Haar innerhalb zwei Wochen völlig ergraut und nur mit Anstrengung entrangen sich die Worte dem früher so beredten Munde. Mit manchen Mängeln behaftet, geht doch einedler Charakter, der bis zuletzt, trotz Not und Sorge, seinen Ideen treu blieb, mit ihm dahin. Wir verlieren in ihm einen treuen Mitarbeiter; die Berliner Arbeiterschaft wird dem Dahingeschiedenen ei ehrendes Andenken bewahren."

 

 

Todesanzeige Volkszeitung 17.1.1887

 

Allen Freunden und Bekannten

 meines lieben verstorbenen Mannes,

des Schriftstellers

Johann Baptist v. Hofstetten

zur Nachricht, dass die Beerdigung am

Mittwoch ds. Mts, Mittags

 1 ½ Uhr, von der Leichenhalle der

Königl. Charité (beim Neuen Tor)

aus nach dem Begräbnisplatz der frei-

religiösen Gemeinde (Pappel-Allee)

stattfindet.

 

                        Die trauernde Wittwe


Die Beeerdigung Hofstettens

Die Volkszeitung berichtete am 20. Januar 1887 in ihrer 2. Ausgabe:

Die Beerdigung Hofstetteens, des ehemaligen Sekundanten Lassalles, fand heute Nachmittag  statt und gestaltete sich zu einer bememerkenswerten Kundgebung seiner sozialdemokratischen Gesinnungsgenossen. Schon um 1 Uhr Nachmittags fanden sich die ersten Leidtragenden vor der Leichenhalle der Charité am Neuen Tor ein. In dem unter dem pathologischen Institut belegenen Leichenkeller stand der offene Sarg (...).Das Antlitz zeigte noch dieselbe stille  Duldermiene, die es im Leben getragen, nichts in den Zügen des Todten  ließ auf sein qualvolles Seelenleiden schließen. Die trauernde Wittwe stand am Sarge und neben ihre einige der bekannten Arbeiterinnen-Bewegung. Als später etwa fünfzig Arbeiter Einlaß begehrten um den Todten noche einmal zu sehen, wurde der Keller geschlossen, den er war für die vielen Ankommenden zu eng. Bald darauf wurde der Sarg auf einen #Handwagen gehoben und von drei Männern  zur Leichenhalle geschafft, wo er vor dem kleinen Altar aufgebaut wurde. Hunderte von Arbeitern hatten sich inzwischen vor der Halle eingefunden und füllten dieselbe bald bis auf den letzten Winkel. In großer Menge wurden Lorbeerkränze auf den Sarg niedergelegt. Zu Füßen lag ein großer Kranz mit schwarzer Schleife und der Inschrift: „Dem treuen Mitkämpfer gewidmet von den Arbeiterinnen Berlins“. Ferner waren Kränze von der Redaktion  und dem Verlag des „Berliner Volksblattes“ „Dem Kämpfer für Freiheit und Recht“, von den Zimmerern Berlins „Dem treuen Freunde“, vom Fachverein der Drechsler „“Dem Kämpfer für die Rechte des arbeitenden Volkes“ gewidmet worden. Ebenso hatten die Gewerkschaft der Maurer,  der Fachverein der Putzer, der Fachverein der Steinträger, der Gauverein der Maler und Andere Kränze überbracht.  Die Polizei war zahlreich zur Stelle und musterte die Kranzinschriften. Die bekannten Führer der Arbeiter- und Gewerkschaftsbewegung  waren anwesend, sozialdemokratische Abgeordnete und Stadtverordnete waren  hingegen nicht erschienen.  Die Redakteure der „Berliner Zeitung“, des „Berliner Volksblattes“ und einige andere Vertreter aus journalistischen Kreisen erwiesen dem Verewigten gleichfalls die letzt Ehre. Mehr als tausend Arbeiter, die meisten mit schwarzen Schleifen geschmückt, folgten dem Sarge zu Fuß. An der Spitze des Zuges ritt ein Schutzmann. Hinter dem Leichenwagen folgten Frau Stägemann mit dem Kranz der Arbeiterinnen, dann die übrigen Kranzträger. Fast lautlos bewegte sich der Zug durch die Invalidenstraße nach dem freireligiösen Kirchhof in der Pappel-Allee, wo zahlreiche Schutzleute die Ankommenden erwarteten. Still wurde der Sarg in die Gruft gesenkt,, die tausendköpfige Menge senkte das Haupt und Kränze und Palmen folgten dem Sarge nach. Dann schied die Menge von der Ruhestätte eines ebenso edelherzigen, wie unglücklichen Mannes.


Ausgesucht, übertragen und redigiert von Konrad Beck,  Januar 2003