Hitzigrath, Rüdiger

Geschichte: Personen A-K

Rüdiger Hitzigrath
 

Rüdiger Hitzigrath im Gespräch

Die Sonne spiegelt sich in den großen Gläsern der Goldrandbrille. Vor dem ersten Wort trinkt Rüdiger Hitzigrath einen Schluck Kaffee und tupft mit einem weißen Stofftaschentuch den Mund ab. Links, eine Handbreit über dem Herzen, eine kleine Anstecknadel. In goldenen Buchstaben steht da: SPD. Sein politisches Leben, erzählt Hitzigrath, das habe für ihn schon in der Kindheit begonnen. Er ist ein Kind der Weimarer Republik, geboren wurde er am 27. Dezember 1929. Sein Vater war Pfarrer in Alt-Moabit und geistlicher Erzieher junger Kadetten bis 1918. Nach der Machtergreifung entschied sich der Vater, dem NS-Regime in der Bekennenden Kirche Widerstand zu leisten. „Wurde ich am Sonntagmorgen zur Hitlerjugend gerufen, gab es für mich eine einfache Antwort: ich muss zur Kirche“, erzählt Rüdiger Hitzigrath. Sein Vater, der Pfarrer, habe die Kinder auch ausdrücklich gebeten, Verwandte auf gar keinen Fall mit dem so genannten Hitlergruß zu grüßen.

Nach der Grundschule in Moabit besuchte Hitzigrath ein humanistisches Gymnasium. Mit zehn Jahren, 1939, im Jahr des Kriegsbeginns, lernte er den Sohn eines kommunistischen Politikers kennen. Die Freundschaft der beiden Jungen wächst, als ihre Eltern entscheiden, die Söhne von der Kinderlandverschickung auszunehmen, die von der nationalsozialistischen Partei organisiert wurde. „Meine Entscheidung, einer Partei beizutreten, wurde in dieser Phase bestimmt. Für mich waren nur die SPD und die KPD richtige Parteien, denn sie hatten dem Regime widerstanden.“, sagt Hitzigrath.

Nach dem Abitur 1948 begann er ein Jurastudium, bestand 1956 das erste juristische Staatsexamen und wurde 1958 freier Mitarbeiter der Bundesversicherungsanstalt für Angestellte. Seinen Beruf übte er bis 1981 aus: Er arbeitete als selbständiger Versicherungsvertreter weiter.

1963. Berlin ist seit zwei Jahren eine geteilte Stadt, als Rüdiger Hitzigrath in die SPD eintritt. Sein Amt als Bezirksverordneter in Wilmersdorf versteht er als Politik für „sein“ Berlin. „Damals ging es für uns um Sein oder Nichtsein, wir fühlten uns in der SPD als eine Gemeinschaft, die etwas tat gegen diejenigen, die ein Stück DDR auch in West-Berlin haben wollten.“ Hitzigrath pflegte diese Gemeinschaft suchte regelmäßig den Kontakt zu allen Mitgliedern. „Damals gab es den Unterkassierer, der herumkam und hörte, was den Leuten auf den Nägeln brannte. Daraus können wir heute eine Lehre ziehen: um verstanden zu werden, müssen wir uns zuerst mehr um unsere Mitglieder kümmern. Wir müssen ihnen und den Bürgern besser erklären, warum wir unsere Politik so machen, wie wir sie machen.“

Zehn Jahre lang, bis 1981, ist Hitzigrath Mitglied des Abgeordnetenhauses. Von 1977 bis 1980 ist er stellvertretender Fraktionsvorsitzender. 1981 wechselt er für die SPD in den Deutschen Bundestag. In seiner Bonner Zeit gewinnt er in der Fraktion Unterstützung für sein Anliegen, die Mietpreisbindung in Berlin zu erhalten. „Die Wohnverhältnisse in Berlin waren teilweise sehr schlecht, das Durchschnittseinkommen der Bewohner lag oft unter dem Bundesdurchschnitt, da konnten die Vermieter doch nicht einfach die Preise selber gestalten“, erläutert Hitzigrath.

Den Wechsel in die Europa-Politik 1984 vollzog Hitzigrath gleichfalls mit den Augen des leidenschaftlichen Berliners. „Ich wollte Berlin in Europa vertreten“, sagt er.

Den 9. November 1989, den Fall der Berliner Mauer, habe er in Brüssel erlebt, erzählt Hitzigrath. „Was in Berlin passierte, das erlebte ich am Radio mit. Mir fielen Gebet und Hymne gleichzeitig ein,“ so Hitzigrath. „Gleich am nächsten Tag bin ich nach Berlin zurückgereist und an die Mauer gegangen.“

Über seine Zeit als Politiker sagt der Wahl-Weddinger rückblickend: „Ich möchte keinen Tag missen“. Langeweile kennt er auch heute nicht: Als Vorstandsvorsitzender der Stiftung Hospitäler zum Heiligen Geist und St. Georg kümmert sich Hitzigrath um 480 Seniorenwohnungen in der Reinickendorfer Straße. Alte und bedürftige Menschen leben dort weitgehend selbständig in eigenen Wohnungen, die nach ihren Bedürfnissen eingerichtet sind. „Schon im 13. Jahrhundert befand sich das Armenhospital in Berlin-Mitte in der Spandauer Straße. Wir sorgen heute mit der Stiftung dafür, dass alte Menschen gut leben können“, betont Hitzigrath.
Der Einsatz für den Nächsten, das sei ohne Zweifel auch aus seiner Herkunft zu erklären, dem Pfarrhaus in Alt-Moabit, so Hitzigrath. Aber zur Kirche gehe er trotzdem nur jeden zweiten Sonntag. „Unserem Pfarrer sage ich immer, ich kann ih nur jeden zweiten Sonntag hören.“

Claudia Ehlert, April 2004

 
Rüdiger Hitzigrath
 
 

"Berlin liegt mitten in Europa"

Rüdiger Hitzigrath
 

Für sein Alter hat er sich den Wedding ausgesucht: Rüdiger Hitzigrath, seit  über 40 Jahren in der Ber-liner SPD, wohnt gerne hier. In der Nachbarschaft zum traditionellen Stammhaus seiner Partei. Die Kindheit  und Jugend erlebte der heute 74Jährige in der Zeit des Nationalsozialismus. Der gelernte Jurist trat  aus Überzeugung 1963 in die SPD ein und war von 1971 an zehn Jahre Mitglied des Ab-geordnetenhauses, weitere zwei Jahre Mitglied des Bundestages und  schließlich von 1984 bis 1989 Berliner Vertreter im Europäischen Parlament.
BS: Herr Hitzigrath, warum sind Sie 1984 nach 20 Jahren Politik in Berlin nach Brüssel gegangen?
Rüdiger Hitzigrath: Ich wollte Berlin in Europa vertreten. Meine politische Arbeit habe ich immer mit Blick darauf gemacht, die Stadt auch jenseits der innerdeutschen Diskussionen wahrnehmbar zu machen. 
BS: Sie waren Mitglied des Ausschusses für Außenwirt-schaftsbeziehungen des Europäischen Parlaments. Wel-che Aufgaben hat der Ausschuss?

 
Rüdiger Hitzigrath
 

Rüdiger Hitzigrath:  Der einheitliche Wirtschaftsraum der Europäischen Union muss natürlich auch mit Ländern außerhalb der Union verhandeln. Hier fängt die prakti-sche Arbeit an.
BS: Erzählen Sie uns ein Beispiel?
Rüdiger Hitzigrath: Während meiner Zeit im Ausschuss haben wir etwa Israel bei der Erschließung neuer Han-delswege für die Region beraten unterstützt. Der Aus-schuss bereitet die Arbeit des Europäischen Parlamentes sachlich vor
BS: Wie unterscheidet sich die Arbeit im Europäischen Parlament von der im Abgeordnetenhaus oder Bundestag?
Rüdiger Hitzigrath: Zusammenarbeiten in Europa, das heißt vor allem sich und die eigenen Interessen zurücknehmen können. Am Beispiel Israels wurde mir sehr deutlich, wie unterschiedlich am Beginn einer Diskussion die Positionen sein können. Alle europäischen Länder unterstützten Israel, aber die Deutschen argumentierten aus der historischen Erfahrung heraus natürlich anders als die anderen Länder. Tolerant sein den Partnern gegenüber ist da der erste Schritt zu einem gemeinsamen Erfolg.
BS: Seit dem 1.Mai ist die Union sehr viel größer geworden. Wie wird in Zukunft europäische Politik gemacht?

 
Rüdiger Hitzigrath
 

Rüdiger Hitzigrath: Mit Geduld Auch mit den neuen Mit-gliedsländern gilt für meine Kollegen in der Fraktion der Sozialdemokraten in Europa: Soziale Gerechtigkeit schaf-fen. Überall auf dem guten alten Kontinent.
BS: Warum empfinden die Bürger die Europäische Politik oft als weit weg von ihrem täglichen Leben?
Rüdiger Hitzigrath: Das ist die Aufgabe von uns Politikern. Wir müssen erklären, was in Brüssel passiert und wie es sich in Berlin auswirkt. Langsam erst wird vielen bewusst, wie stark sich die Entscheidungen der Gemeinschaft auf nationaler Ebene auswirken. Wir müssen die Chancen, die in Europa liegen, deutlich machen. Das gilt besonders für die Hauptstadt. Berlin liegt mitten in Europa.
BS: Wenn Sie eine Situation in ihrem Leben noch einmal herbeiwünschen dürften, welche wäre es?
Rüdiger Hitzigrath: Vielleicht noch mal auf meiner Bank des Europäischen Parlaments. Aber nur vielleicht – mein Platz ist jetzt in Berlin.               
Interview: Claudia Ehlert, aus: Berliner Stimme 10/2004, 15.5.2004