Heß, Erika

Geschichte: Personen A-K

Erika Heß

Erika Heß
 

geboren am 16. 5. 1934 Hachen/Westfalen,
gestorben am 30. 5. 1986 Berlin, Ehrengrab auf dem Urnenfriedhof Seestraße
1981 zur Bezirksbürgermeisterin von Wedding gewählt. Bei den Wahlen am 10. 3. 1985 im Amt bestätigt.

Erika Heß war eine Politikerin, die die Herzen der Menschen erreichte
(Jörg-Otto Spiller zum 5. Todestag 1991)

Am 30. Mai jährte sich zum fünften Male der Todestag von Erika Heß. Die Sozialdemokratin verstarb mit 52 Jahren, schwer gezeichnet von einer heimtückischen Krankheit, gegen die sie mehrere Jahre angekämpft hatte. Ein gnädiger Tod beendete schließlich diesen aussichtslosen Kampf. Bis zum Schluss hat sie ihr Amt als Weddinger Bezirksbürgermeisterin ausgeübt. Als sie am 6. Juni 1986 zu Grabe getragen wurde, nahmen mehrere Tausend Weddingerinnen und Weddinger von ihr Abschied. Und bis heute ist sie in lebendiger Erinnerung.

Erika Heß war keine gebürtige Berlinerin. Sie stammte aus dem westfälischen Hachen. Dort besuchte sie die Schule und absolvierte eine Ausbildung zur Industriekauffrau. Von 1957 bis 1960 arbeitete sie als Leiterin der Verkaufsabteilung eines mittleren westfälischen Industrieunternehmens. Erst 1961, nach ihrer Heirat, die sie nach Berlin führte, trat sie in die SPD ein. Das war im Bezirk Zehlendorf.

Gleich nach ihrem Parteieintritt engagierte sie sich in der Zehlendorfer Bezirkspolitik: Sie war ehrenamtlich in der Sozialkommission und als Elternvertreterin tätig. 1967 wählte die BVV sie zur Bürgerdeputierten im Sozialausschuss, 1971 wurde sie dann Bezirksverordnete. Bereits im Jahr 1975 war sie stellvertretende Bezirksbürgermeisterin und Bezirksstadträtin für Jugend und Sport.

Erika Heß war eine Kommunalpolitikerin aus Leidenschaft.

Sie war in Zehlendorf sehr engagiert und genoss dort hohes Ansehen. Ihre eigentliche Erfüllung aber fand sie im Wedding, wo sie 1981 Bürgermeisterin wurde und die Herzen der Bevölkerung im Sturm eroberte. Das beruhte auf Gegenseitigkeit. Erika Heß liebte eine ungekünstelte Sprache und unkompliziertes Aufeinanderzugehen. Beides ist im Wedding mehr zu Hause als am grünen Rand Berlins.

Erika Heß' Ausstrahlung als Politikerin hatte viel mit ihren hervorragenden rhetorischen Fähigkeiten zu tun. Ihre Gabe, fesselnde Reden zu halten, war untermauert von einer großen Sensibilität gegenüber ihren Zuhörern. Geradezu intuitiv erfasste sie die Stimmung im Auditorium. Dabei folgte der Aufbau ihrer Reden nie einem starren Muster. Wohl bereitete Erika Heß wichtige Reden und Ansprachen penibel vor, doch ihre wichtigsten Gedankengänge und Botschaften entwickelte sie erst während der Reden sozusagen im Zwiegespräch mit ihrem Publikum. Sie konnte mit sicherem Gespür auf die Gedankenwelt ihrer Zuhörer eingehen.

Ebenso wichtig wie die Arbeit am Schreibtisch war Ihr der intensive Kontakt und das offene Gespräch mit ihren Weddingern vor Ort. Immer nahm sie die Sorgen und Probleme der Menschen ernst, ja sie sog sie förmlich auf, um sie dann in der politischen und bürokratischen Gremienarbeit zu lösen. Das war sicherlich ihre schwierigste Aufgabe als Bezirksbürgermeisterin, weil die Beharrungsmomente und Widerstände in Politik und Verwaltung sehr stark sein können. Erika Heß aber überwand diese Schwierigkeiten mit Geschick und wenn nötig mit Härte: Wenn Verwaltungsvorschriften und das daraus abgeleitete Verwaltungshandeln soziale Ungerechtigkeiten hervorrief, dann ruhte sie so lange nicht, bis ein Weg gefunden war, der den Betroffenen letztlich doch half.

Ihr Durchsetzungsvermögen war in dieser Hinsicht legendär, es leitete sich ab. von ihrem Selbstverständnis als Politikerin: Erika Heß bemühte sich, in erster Linie Anwältin der Bürgerinnen und Bürger und nicht Amtsvorsteherin oder pure Repräsentantin einer Partei zu sein. Dieses Rollenverständnis war durchaus konflikt- trächtig, wirft aber auch ein be- zeichnendes Licht auf ihr Politik- bild: Die Politik ist für die Menschen da, nicht umgekehrt. Von diesem Prinzip hat sich Erika Heß immer leiten lassen in ihrer kommunalpolitischen Arbeit. Das hat ihr dann den schönen Ruf eingebracht, die „Mutter vom Wedding" zu sein.

Erika Heß hatte die Angewohnheit, spontane Gedanken und Einfälle auf mitgeführten Karteikarten festzuhalten. Auf einer Karte hat sie notiert: "Wir (die Sozialdemokraten) im Wedding müssen sagen und wissen, was wir wollen und was wir nicht wollen, wo die geistig-moralischen Wurzeln unseres Anspruchs auf Führung liegen. Wir haben kein Recht zu bevormunden, aber wir sollten Hoffnung und Orientierung geben für Menschen, die uns vertrauen." Hoffnung und Orientierung gab Erika Heß ihren Weddingern immer. Sie haben sie deshalb auch verehrt, bis heute.

Jörg-Otto Spiller

Rede von Hans-Jochen Vogel, stellvertretender Vorsitzender der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands bei der Trauerfeier Erika Heß am 6. Juni 1986

Mit Dir, lieber Hans-Jürgen, mit ihren beiden Kindern, mit ihren Angehörigen und all ihren Freunden trauert die sozialdemokratische Partei Deutschlands, trauern vor allem die Berliner und die Weddinger Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten um Erika Heß. Unsere Trauer gilt der vorbildlichen Kommunalpolitikerin, sie gilt ebenso der Kollegin und Genossin. Sie gilt dem Menschen Erika Heß.

Die Nachricht von ihrem Tode kam für uns alle nicht mehr überraschend. Aber sie hat uns alle tief bewegt, 1a erschüttert. Wir wussten um ihre schicksalhafte Krankheit, gegen die sie sich mit aller ihrer Willenskraft zur Wehr setzte und der sie immer wieder für die Arbeit in ihrem geliebten Rathaus eine neue Frist abtrotzte, Wenn sie dann wieder an ihrem Schreibtisch saß, wenn sie sich bis in die Nacht hinein in ihrer Bürgersprechstunde um die Sorgen und Nöte der Bürgerinnen und Bürger vorn Wedding kümmerte, dann hofften wir, sie könnte die Krankheit vielleicht doch besiegen; und dann hofften wir, das schier Unmögliche werde ihr gelingen. Aber insgeheim ahnten wir, dass sie eines Tages unterliegen würde. Nun ist der Tag gekommen und jetzt spüren wir, welche Lücke ihr Tod gerissen hat.

Die einzelnen Stationen ihres Lebensweges sind schon erwähnt, ihre Ämter aufgezählt, ihre Erfolge gewürdigt worden. Es war die Rede davon, wie sie - die gebürtige Westfalin - 1960 nach Berlin übersiedelte, wie sie hier heimisch wurde und sich in ihrem Beruf bewährte. Wie sie dann als Bürgerdeputierte, als Bezirksverordnete und als Bezirksstadträtin in Zehlendorf und seit 1981 als Bezirksbürgermeisterin im Wedding ihren Mitbürgerinnen und Mitbürgern diente und dabei ein ganz ungewöhnliches Maß an Ansehen und Vertrauen erwarb. Mir bleibt nachzutragen, dass sie sich auch in ihrer Partei in einer Vielzahl von Funktionen engagierte und unter anderem als Landesvorsitzende und als Stellvertretende Bundesvorsitzende der Arbeitsgemeinschaft sozialdemokratischer Frauen, als Mitglied des Berliner Landesvorstandes und als Mitglied des Parteirats tätig war. Auch in all diesen Funktionen hat sie Hervorragendes geleistet,

Was Erika Heß zu einem so breiten Engagement befähigte, was sie vor allem in ihren Weddinger Jahren geradezu umtrieb, das war nicht Geschäftigkeit und erst recht nicht vordergründiger Ehrgeiz.
Was sie bewegte war Mitmenschlichkeit, war die Sorge für die Schwächeren, war die Empörung über soziales Unrecht und war die konkrete Utopie einer solidarischen Gesellschaft. Darum war sie auch aus Überzeugung Sozialdemokratin. Eine Sozialdemokratin, bei der Theorie und Praxis, Reden und Handeln nahtlos übereinstimmten. Eine Frau auch, die ihrer Partei in stürmischen Zeiten und über Niederlagen hinweg ebenso die Treue hielt, wie in den Zeiten des Erfolgs und der Siege. Eine Frau, an der alle Klischees zuschanden wurden, die in Berlin mehr noch als anderswo über Sozialdemokraten in Umlauf gesetzt worden sind.
Erika Heß verfügte über ein geradezu unerschöpfliches Reservoir an Kraft, an innerer Stärke und an persönlicher Wärme. Sie wusste sich mitzuteilen, ohne sich Je anzubiedern. Sie erlag nie dem Anpassungsdruck des politischen Alltagsgeschäftes, Nein, - sie blieb stets eine Frau voller Menschlichkeit und Güte, die Jedem ohne Ansehen des Ranges und der Person mit Mutterwitz und mit entwaffnender Offenheit begegnen konnte, die aber auch Jeden zu ermutigen und zu trösten wusste, wenn er dessen bedurfte,

Sie konnte sich für eine Sache begeistern und es war schwer, nein, es war unmöglich, sich von ihrer Begeisterung nicht anstecken zu lassen, Sie hatte sicher auch Gegner, denen sie durchaus zuzusetzen wusste; aber es blieben Gegner, Denn Feinde hatte sie nicht. Und wer sie einmal miterlebt hat, wie sie ihre Sache inmitten einer Schar von Menschen mit lebhaften Gebärden, mit blitzenden Augen und einer bildhaften, leicht fasslichen Sprache vertrat, der wird diesen Eindruck einer ungewöhnlichen Persönlichkeit sein Leben lang im Gedächtnis behalten. Es war der Eindruck einer Persönlichkeit, die sich selbst verzehrte, die wie eine Kerze brannte, Ja loderte, bis sie erlosch,
Dank und Anerkennung ist ihr schon zu Lebzeiten in reichem Maß zuteil geworden, Sie hat ihre Freude darüber nicht verborgen,

Und es hätte ihr gewiss auch Freude bereitet, wenn sie das ihr vom Bundespräsidenten verliehene Bundesverdienstkreuz noch selber hätte entgegennehmen können.

Die schönste Auszeichnung aber ist ihr nicht verliehen worden - die hat sie sich selbst erworben, Das ist die Liebe und das Vertrauen ihrer Mitbürgerinnen und Mitbürger, Das Ist der Ehrentitel der "Mutter vom Wedding", Und ich bin sicher - mit diesem Ehrentitel wird sie in die Geschichte des Wedding eingehen.

Dir, lieber Hans-Jürgen und Euren beiden Töchtern gilt in dieser Stunde unser Mitgefühl, Wir können Euren Schmerz ermessen. Wir wissen auch, wie ihr der Verstorbenen in den Jahren, in denen sie mit der Krankheit rang, zur Seite gestanden seid, wie ihr sie ermutigt und wie sehr ihr Euch bemüht habt, sie Euren eigenen Kummer nicht merken zu lassen.
Leb wohl, liebe Erika, wir werden Dich nicht vergessen.
Dir aber, liebe Erika danke ich im Namen von Willy Brandt, von Johannes Rau und von Hans Apel, im Namen der Berliner Partei - und hier vor allem der Weddinger Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten und der gesamten sozialdemokratischen Partei Deutschlands, Ich danke Dir auch ganz persönlich für viele Zeichen der Sympathie und manch guten Rat; bis hin zu dem, den Du mir bei meinem letzten Besuch in Deinem Hause in der von Luck-Strasse gegeben hast.

Wir werden Dich in Erinnerung behalten als eine tapfere Mitstreiterin, als eine Genossin, die man künftig in einem Atemzug mit Luise Schroeder, mit Jeanette Wolff, mit Marie Schlei und den anderen großen Frauengestalten unserer Berliner Parteigeschichte nennen wird.



Recherche: Claudia Sucker, U. Horb