Herz, Carl

Geschichte: Personen A-K

Carl Herz

geboren: 29.7.1877 in Köthen (Anhalt)
gestorben: 14. 9. 1951 in Haifa / Israel

 

Mann mit Mut
Kreuzberg ehrt Carl Herz
Der von den Nazis des Amtes enthobene ehemalige Kreuzberger Bürgermeister Carl Herz hat jetzt einen Ehrenplatz vor dem Rathaus Kreuzberg erhalten. In der vergangenen Woche wurde ein Porträt von Herz, das der Bildhauer Prof. Dunkel geschaffen hat, der Öffentlichkeit übergeben.
Carl Herz wurde 1877 in Köthen geboren, er studierte Jura und Rechtswissenschaften, nahm eine Anwaltstätigkeit in Hamburg-Altona auf und machte sich dort rasch einen Namen als Vertreter von sozial Schwachen und Minderheiten. Als Sozialdemokrat nahm er bedeutenden Einfluss auf die Formulierung des Heidelberger Programms der SPD.
1921 kam er als Stadtrat nach Spandau. Schwerpunkte seiner Arbeit waren die Gesundheits- und Sozialpolitik. Er wurde zu einem führenden SPD-Kommunalpolitiker, hatte nicht zuletzt deshalb in Spandau harte Auseinandersetzungen mit den rechtskonservativen Parteien zu bestehen. Per Gerichtsbeschluss musste er beispielsweise die „Streichung“ seiner Stelle verhindern.
1925 wählte ihn eine breite Mehrheit in dem Kreuzberger Kommunalparlament zum Bürgermeister. Frühzeitig nahm er den Kampf gegen den Nazi-Terror auf, er stellte sich schützend vor die jüdischen Ärzte, die dem Kreuzberger Urban-Krankenhaus weit über die Grenzend er Stadt hinaus seinen guten Ruf verschafft hatten.
So richtete sich denn nach der Machtergreifung der Nazis die ganze Wut von SA und SS gegen den standhaften Sozialdemokraten. Ein Nazi-Trupp, der das Rathaus stürmte, schleifte Carl Herz aus dem Amtszimmer und durch Kreuzberger Straßen zur Marheineke-Markthalle, einer braunen Hochburg. Herz wurde für abgesetzt erklärt, er emigrierte nach London, von wo aus er zahlreiche Entwürfe für eine kommunale Verwaltung nach einem Sieg der Alliierten entwarf.
Vieles davon spiegelt sich in den ersten Verordnungen der Besatzungsmächte wider. Herz selbst kehrte nach dem Krieg nicht mehr zurück, sondern übersiedelte nach Israel. 1951 starb er in Haifa.
Ein Satz von Carl Herz, der auf der Porträtstele eingraviert ist, muss auch weiterhin Geltung haben: Die überaus große organisatorisch, wirtschaftliche und wissenschaftliche Kraft des deutschen Volkes muss nicht der Vernichtung der Welt, sondern ihrer Verschönerung dienstbar gemacht werden. BS

(aus Berliner Stimme 26, 34. Jahrgang, 21. Dezember 1985)

in der gedruckten Ausgabe:Bild zur Einweihung der Stele: Eigens aus Israel nach Kreuzberg gekommen: Die Tochter von Carl Herz, Hilde Wechsler (r.) und Enkeltochter Alisa Zlil.

 

Gedenken an Carl Herz: Rede von Julia Schimeta

Peter Beckers, Julia Schimeta, Sven Heinemann

Der stellverretende Bürgermeister Peter Beckers, die SPD Kreisvorsitzende Julia Schimeta und der SPD-Abgeordnete Sven Heinemann an der Gedenkstele für Carl Herz. Foto: Doering

 

Mit einer Gedenkkundgebung  vor dem Rathaus Kreuzberg wurde am 11. März 2013 an Carl Herz erinnert.  Am 10. März 1933 wurde der Kreuzberger Bürgermeister Carl Herz (1877-1951) von der SA als Jude gewaltsam aus dem Rathaus Kreuzberg gejagt und öffentlich misshandelt.
Redner_innen waren Dr. Hans Coppi, Vorsitzender der Berliner VVN-BdA e.V., Bezirksbürgermeister Franz Schulz, Julia Schimeta, Kreisvorsitzende SPD Friedrichshain-Kreuzberg. Musikalische Begleitung: Gina Pietsch.

 

Die Rede von Julia Schimeta im Wortlaut:

 

Sehr geehrte Damen und Herren,
Herr Schulz,
Herr Coppi,
es ist mir eine große Ehre, im Namen der SPD Friedrichshain-Kreuzberg einen Beitrag zum Gedenken an Carl Herz und das, was hier gestern vor genau 80 Jahren geschehen ist, zu leisten.
Eine Szene, die heute kaum mehr vorstellbar ist und zugleich uns mahnend in Erinnerung bleiben muss:
Ein Bürgermeister wird von einem braunen SA-Schlägertrupp aus seinem Rathaus gezerrt und unter Gejohle durch den Bezirk getrieben.
Gedemütigt, erniedrigt und beleidigt.
Carl Herz wird nicht nur vertrieben, weil er Bürgermeister ist.
Carl Herz ist Ziel der braunen Meute wegen seines jüdischen Glaubens und seiner politischen Überzeugung.
Für die Bewertung dieser Szene müssen uns heute zwei Worte reichen: Nie wieder!
Carl Herz war Bürgermeister von Kreuzberg, Sozialdemokrat und anerkannter Verwaltungsreformer.
Er trat im Alter von 27 Jahren 1904 in die SPD ein.
Er war kommunalpolitisch aktiv und bereits in verantwortlichen Positionen in Hamburg-Altona und Spandau bevor er 1926 in Kreuzberg Bezirksbürgermeister wurde.
Die thematischen Schwerpunkte seines Engagements waren die Sozial- und die Gesundheitspolitik. Das Urbankrankenhaus war ihm ein besonderes Herzensanliegen.

Wie jeder Kommunalpolitiker war Carl Herz ein Praktiker. Aber es zeichnete ihn besonders aus, dass er über die reine Kommunalpolitik hinaus auch ein starkes programmatisches Engagement in der SPD aufwies.
Er schrieb Artikel, Broschüren und Beiträge in Sammelbänden.
Er hat Vorträge gehalten und in den Gremien der SPD seine Expertise eingebracht.
Und maßgeblich am Heidelberger Parteiprogramm von 1925 mitgearbeitet. Besondere Anerkennung brachten ihm seine theoretischen Arbeiten über die Kommunalpolitik und die Verwaltung ein.
Am 1. September 1926 wird Carl Herz zum Bürgermeister von Kreuzberg gewählt.
Dazu waren drei Wahlgänge nötig.
Es gab viele Gegenkandidaten auch einige aus den Reihen der Sozialdemokratie.

Das war damals noch üblich, dass mehrere Kandidaten auch aus einer Partei gegeneinander antraten. Im dritten Wahlgang schließlich versammelte Herz eine Mehrheit von DDP, Zentrum, SPD und KPD hinter sich.

Die Arbeit als Bezirksbürgermeister muss ihm gut gefallen haben. 1928 schreibt er an Paul Hirsch: „ich fühle mich hier sehr wohl und harmoniere mit allen in Frage kommenden Stellen, Partei, Bezirksamtsmitgliedern und Fraktion recht gut. Über die objektive Entwicklung des Bezirks denke ich aber sehr pessimistisch.“
Es wäre wohl spannend, wie Carl Herz die weitere Entwicklung des Bezirks seitdem bewerten würde.
Im März 1933 wird er von den Nazis aus dem Rathaus gejagt und öffentlich misshandelt.
Formal wurde er am 14. August als Bürgermeister entlassen. Er erhielt keine Pension und auch keine Zulassung als Anwalt.
Das im April 1933 von den Nazis erlassene Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums nahm ihm alle diese Rechte.
Mit diesem Gesetz konnten durch die Nationalsozialisten alle politisch Andersdenkenden und Menschen jüdischem Glaubens aus den Verwaltungen entfernt werden.
Der Kreuzberger Verwaltungsbericht von 1935 beschreibt noch einmal anschaulich, wie die Säuberung der hiesigen Verwaltung stringent vorangetrieben wurde. Dort steht:
„In sämtlichen Kollegien des Bezirksamts Kreuzbergs befanden sich entsprechend dem starken Einfluss der Links-Parteien überwiegend Marxisten und Juden. Desgleichen war die gesamte Verwaltung, insbesondere in den leitenden Posten ungewöhnlich stark mit Juden und Marxisten besetzt.

Erste Aufgabe der nationalsozialistischen Führung nach dem Umbruch mußte demnach die Reinigung der Verwaltung von jüdischen und marxistischen Kräften sein“.
Als Jude, Sozialdemokrat und erklärter Gegner des Nationalsozialismus, wurde Carl Herz ein prominentes Opfer.
Und über 220 weitere Beschäftigte wurden auf Grundlage dieses Gesetzes aus dem Bezirksdienst entlassen.
Carl Herz überlebt bis 1939 in Berlin bevor er nach London ins Exil geht.
Aber es ist beschämend, dass er mit seiner Geschichte im Britischen Exil erst einmal nachweisen musste, dass er Hitlergegner war, um aus der Internierung entlassen zu werden.

Seinen weiteren Lebensweg und die Emmigration nach Haifa in Israel hatten meine Vorredner schon beschrieben.

Das Schicksal von Carl Herz ist ein Teil der Geschichte der SPD.
Wir begehen in diesem Jahr das Jubiläum des 150 Jährigen Bestehens der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands. Und der Widerstand gegen den Nationalsozialismus ist ganz untrennbar mit unserer Geschichte verknüpft.
Carl Herz war ja kein Einzelfall.
Sein Schicksal steht für das vieler Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten, die sich gegen die Machtübernahme der Nazis stellten und dieses Engagement teuer - vielfach mit ihrem Leben - bezahlten.

Nicht einmal zwei Wochen nach den Geschehnissen, denen wir heute Gedenken, am 23. März 1933 kam es im Reichstag zur Abstimmung über das Ermächtigungsgesetz Hitlers.
Unvergessen bleibt die Rede des Parteivorsitzenden und Vorsitzendem der SPD-Fraktion im Reichstag, Otto Wels mit seinem bis heute unvergessenem Ausspruch: "Wir deutschen Sozialdemokraten bekennen uns in dieser geschichtlichen Stunde feierlich zu den Grundsätzen der Menschlichkeit und der Gerechtigkeit, der Freiheit und des Sozialismus ... Kein Ermächtigungsgesetz gibt Ihnen die Macht, Ideen, die ewig und unzerstörbar sind, zu vernichten ... Freiheit und Leben kann man uns nehmen, die Ehre nicht."

Die Fraktion der SPD stimmt als einzige im Reichstag gegen das Ermächtigungsgesetz.
Die Teilnahme der Abgeordneten der KPD an dieser Sitzung hat der nationalsozialistische Terror bereits verhindert
– die vollständige Machtübernahme der NSDAP und ihrer Organisationen ist bereits im vollen Gange und es geht weiter – Schlag auf Schlag:

Am 10. Mai wird der Parteiapparat der SPD zerschlagen, am 21. Juni wird ihr jede politische Betätigung untersagt, am 14. Juli wird die Partei offiziell verboten.
Politisch Andersdenkende werden von den Nazis gejagt, verhaftet und gefoltert. Viele Enden in den Konzentrations-lagern.

Ich möchte in diesem Zusammenhang auch an viele andere Bezirksbürgermeister erinnern, die 1933 von den Nationalsozialisten aus ihren Rathäusern vertrieben wurden.
In unserem heutigen Bezirk, Friedrichshain-Kreuzberg, muss Paul Mielitz genannt werden. Paul Mielitz war von 1920 an SPD-Bezirksbürgermeister von Friedrichshain. Er ist unter anderem verantwortlich für die Instandsetzung und Neugestaltung des Friedhofs der Märzgefallenen in Friedrichshain. 1933 wurde er ebenfalls durch die Nazis dem Amt enthoben.
Er ist noch nicht so prominent im Bezirk vertreten wie Carl Herz mit Ufer und Schule. Es lohnt sich also vielleicht auch zu dieser Person einmal weitergehende Nachforschung und Erinnerungsarbeit anzustrengen.

Sehr geehrte Damen und Herren,
das Schicksal von Carl Herz hat eine bedrückende Aktualität, wenn wir an die Mordserie des nationalsozialistischen Untergrunds denken.
Und wie deutsche Behörden wieder auf dem rechten Auge blind sind, die Taten systematisch vertuschen, verharmlosen, Beweismaterial vernichten und die Opfer stigmatisieren.
Dann sehen wir, dass der Kampf gegen Rassismus, Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit nicht überwunden ist.
Für uns junge Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten ist der Mut von Carl Herz Ansporn - sein Schicksal ist uns Warnung:
nie wieder darf nationalsozialistischer Terror unterschätzt werden!
Nationalsozialistisches Denken und Handeln müssen wir konsequent bekämpfen.
-Deshalb haben wir beispielsweise am vergangenen Samstag in Friedrichshain gegen den Thor Steinar Laden demonstriert.
- Deswegen stehen wir alle zusammen, wenn es gilt, einen Aufmarsch von Pro Deutschland vor dem Rathaus zu verhindern.
- Und, wie ich gehört habe, verteilt die NPD in Berlin derzeit wieder Schulhof CDs.
Hier sind wir alle gefragt, diesem Treiben endlich ein Ende zu setzen.
Herzlichen Dank für Ihre Aufmerksamkeit!

 

Foto: Kai Doering