Wilhelm Hasenclever: Im Maison de santé

Geschichte: Personen A-K

Am 4. Dezember 1888 findet sich in der Lokalspalte des "Berliner Volksblattes" (Beilage) folgende Schilderung über Wilhelm Hasenclever, den früheren Vertreter des sechsten Berliner Wahlkreises im Reichstag, der seit Herbst 1887 geistig erkrankt als Patient in der dicht bei Berlin gelegenen Heilanstalt "Maison de santé".gepflegt und betreut wird. Einige Mitglieder der sozialdemokratischen Fraktion hatten ihren Freund und ehemaligen Kollegen besucht
"Der Chefarzt der Anstalt gab uns in freundlichster und eingehendster Weise Auskunft üpber über das Befinden unseres Freundes.
Leider mussten wir daraus entnehmen, dass auf eine, wenn auch nur zeitweise Entlassung aus der Anstalt nicht zu hoffen ist, , wennschon der Zustand Hasenclevers in körperlicher Beziehung gut genannt werden muß und sich gegenüber früher erheblich gebessert hat.
Die aus der geistigen Erkrankung sich ergebenden Erscheinungen haben nach ärztlichem Anspruch ebenfalls mildere Formen angenommen ; das ruhige, freundliche Benehmen des Kranken lässt auf eine gewisse Zufriedenheit desselben schließen, und nach seinen Äußerungen darf man annehmen, dass er nicht von finsteren Wahnvorstellungen gepeinigt wird.
Unsere Bitte, den Patienten sehen zu dürfen, wurde bereitwilligst erfüllt, und in Begleitung des Stationsarztes begaben wir uns nach dem Garten liegenden Haus, in welchem unser Freund untergebracht ist. Nach wenigen, im Sprechzimmer zugebrachten Minuten, erschien er am Arme des Inspektors; uns erblicken und unsere Namen ausrufen war das Werk eines Moments; das war leider aber auch alles, was uns bei diesem Besuch freudig berührte.
Das Äussere Hasenclevers ist ist nicht sehr wesentlich verändert,; etwas schlanker und etwas grauer ist er geworden, das klare Auge ist geschwunden und glanzlos ruhte dasselbe währwend der Unterhaltung auf uns.
Und diese Unterhaltung, wirr, zusammenhanglos wirbeln die Worte - denn Gedankwen kasnn man es nicht nennen - durcheinander; alle Gebiete geistigen Schaffens anstreifend und sofort in blitzartiger Geschwindigkeit wieder andere Dinge berührend spricht dr Ärmste unaufhörlich - nach Aussage seiner Pfleger stundenlang - um nach kurzer, durch körperliche Erschöpfung erzwungene Rast aufs Neue zu beginnen.
Ergriffen hörten wir der theils singend, theils platt und hochdeutsch sprechend vorgebrachten Erzählung zu; Politik, Literatur, Geschichte, die Namen unserer, französischer, englischer und italienischer Dichter, bedeutender Schriftsteller, berühmter Kriegsführer, kurz alles, was ihn wohl in gesunden Tagen beschäftigt haben mag, sprudelt unaufhaltsam hervor und in stets wechselnden Bildern glaubt er die Helden des Altertums und die Dichter der Neuzeit in sich verkörpert.
Mit tiefer Wehmut sehen wir den unglücklichen Freund selbst im Wahnsinn noch von d3em reichen Schatz des Wissens, den er besessen, zehren, und nur die in persönlicher Beobachtung erworbenen Überzeugung, dass er dem Bewusstsein seiner traurigen Lage weit entrückt ist, ermöglicht es uns, ruhig zu bleiben.
Nach halbstündigem Besuch, als wir ich abschiednehmend die Hand drückten und fragten, ob er uns kenne, hatte er keine Idee mehr, mit wem er verkehrt, uns vollkommen gleichgültig ließ er, ruhig mit sich selbst weiterplaudernd, uns davongehen.
Der Freundespflicht war genügt, wir schieden von dieser der Pflege größten menschlichen Unglücks geweihten Stätte mit dem Bewusstsein, dass Hasenclever für sein Zustand beste Unterkommen gefunden hat.
Der tapfere Kämpfer für eine lichte Zukunft ist geistig tot; das arbeitende Volk, für welches er gestritten und gelitten, wird seiner aber stets gedenken."

Wilhelm Hasenclever starb am 3. Juli 1889. Sein Grabstein steht heute auf dem Friedhofspark der Freireligiösen Gemeinde in der Pappelalle am Prenzlauer Berg.

Konrad Beck