Wilhelm Hasenclever: Biographie

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Wilhelm Hasenclever: Biographie

Sonntag, 7 Juli 1889: die Felder hinter dem Friedhof der Freireligiösen Gemeinde an der Pappelallee waren von Menschen übersät. Die schwer schätzbare Zahl liegt zwischen zehn- und fünfzehntausend. Die umschließende Mauer ist nicht zu sehen, dicht an dicht riegelt berittene Polizei den Ort des Geschehens ab Grund der vormittäglichen Volksversammlung bei strahlendem Sonnenschein ist die Beisetzung von Wilhelm Hasenclever, des bekannten Reichstagsabgeordneten und langjährigen Präsidenten des Allgemeinen Deutschen Arbeiter-Vereins (ADAV). Der Pionier der Lassalleaner und der deutschen Sozialdemokratie war am l Juli draußen vor der Stadt, im Maison de Santé zu Schöneberg, nach achtzehnmonatiger Krankheit entschlafen. Delegationen aus dem gesamten Reich waren nach Berlin angereist.

Wilhelm Hasenclevers Elternhaus stand m Arnsberg/ Westfalen. Dort kam der Sohn eines Lohgerbers am 19 April 1837 zur Welt. Nach Gymnasium, Lehre in seines Vaters Betrieb und Wanderschaft interessierte er sich zunächst für die Turnerei, aus dieser heraus für das Halten von Vorträgen, schließlich arbeitete er als Redakteur bei der „Westfälischen Volkszeitung" in Hagen. So kam er 1862/63 mit dem Arbeiterprogramm und anderen Schriften Ferdinand Lassalles in Berührung, fand Gefallen an ihnen. Ende 1864, nach dem Tod des Parteigründers, trat Hasenclever in den ADAV ein. Eineinhalb Jahre später war er auf Vorschlag des Präsidenten Carl-Wilhelm Tölke zum Sekretär des Verbandes gewählt worden. Damit waren die Weichen für seine politische und parlamentarische Arbeit gestellt, geprägt von der diktatorischen Hand Jean-Baptiste von Schweizers, und unterstutzt von seinem bismarck-freundlichen Kollegen Wilhelm Hasselmann. 1869 schickte der Wahlkreis Duisburg Hasenclever in den Reichstag des Norddeutschen Bundes. Weitere Mandate für den ADAV hatten von Schweitzer und Friedrich Wilhelm Fritzsche. Die Sozialdemokratische Arbeiterpartei (SDAP) war durch August Bebel und Wilhelm Liebknecht vertreten. Der Krieg 1870/71, die Wahl Hasenclevers zum Präsidenten des ADAV und der Rausschmiss Schweizers lösten die frühe Periode der Sozialdemokratie ab. „Socialdemokrat" und „Agitator", die Schweitzerschen Hausblätter, wurden abgelöst durch den „Neuen Sozial-Demokraten", redigiert von Hasselmann und Hasenclever. Zwar wurde der Lohgerber mitleidig belächelt ob seiner Star-Alüren (so pflegte er im noblen Schimmelgespann durch die Lande zu reisen), an seinen Erfolgen konnte jedoch kaum einer rütteln Die Mitgliederzahl kletterte innerhalb von zwei Jahren von 5 300 auf über 19 000, und die Parteizeitung zahlte über 11 000 Abonnenten.
Dennoch lastete der Bruderzwist zwischen den sektenhaften „Allgemeinen" und den fortschrittlichen „Eisenachern" auf den Genossen. Sich gegeneinander auszustechen, das war Alltag. Nur der Druck von außen (Bismarck und die Politische Polizei hatten es glänzend raus, Arbeitervereine aufzulösen und kritischen Stimmen Verfahren wegen Hochverrats anzuhängen) und die allmähliche Einsicht in den Parteispitzen, zunächst eine Einigung in Standpunkten, später eine Vereinigung herbei zuführen, leiteten 1874 den Zusammenschluss zur Sozialistischen Arbeiterpartei (SAPD) ein Jahr später m Gotha ein. Hasenclever fuhr nach dem Gothaer Kongress sichtlich erleichtert nach Hamburg, um neben seiner Vorstandstätigkeit das „Hamburg-Altonaer Volksblatt" zu redigieren Ein Jahr später übernahm er mit Wilhelm Liebknecht die Redaktion des „Vorwärts" in Leipzig. 1877 zog er zum drittenmal als Abgeordneter in den Reichstag, nun für den Berliner Wahlkreis VI (Wedding/Oranienburger und Rosentahler Vorstadt/Moabit).
Die Attentate auf Kaiser Wilhelm I brachten 1878 Bismarck endlich die Gelegenheit, sich mit dem Sozialistengesetz an den „Reichsfeinden" zu rächen, die Zeit der Verbote und der Repressalien begann In Hamburg, Berlin und Leipzig herrschte der „Kleine Belagerungszustand", viele Genossen, darunter Singer, Auer und Fritzsche, wurden ausgewiesen Die Partei löste sich selber auf, Bebel, Liebknecht und Hasenclever bildeten in Leipzig das Zentrale Unterstützungskomitee, Eduard Bernstein übernahm im schweizerischen Hottingen bei Zürich die Redaktion des „Sozialdemokrat".
Ungeachtet dessen, verstanden es die bisherigen Reichstagsabgeordneten, ihre Mandate zu behalten. 1879 erhielt Hasenclever es aus den Resultaten im Wahlkreis Breslau (Ost), 1887 wieder in Berlin VI Dazwischen lagen mehrere Ausweisungen — 1881 aus Leipzig, 1884 aus Berlin. Danach lebte er in Würzen, Halle/Saale und Dessau. Finanziert wurden Arbeit und tägliches Dasein durch seine Frau Clara, sie betrieb in der Chausseestraße und m der Brunnenstraße Zigarrengeschäfte.
Eigentlich wollte Hasenclever in seinen alten Tagen die Geschichte des ADAV und der Sozialdemokratie schreiben und veröffentlichen. Seine geistige Verfassung ließ das nicht mehr zu. Im Frühjahr 1888 legte er sein Mandat nieder, begab sich zur Heilung ins Maison de Santé nach Schöneberg. Es wurde nichts daraus. Lapidar stellte das „Berliner Volksblatt" am 5. Juli 1889 fest „Ein sanfter Tod hat am Mittwoch Abend um 81/2 Uhr dem physischen Leben diesen braven Mannes ein Ende bereitet, nachdem sein geistiges Leben schon seit länger als 11/2 Jahren erloschen war". Konrad Beck