Kurt Haase - Zum 90. Geburtstag

Geschichte: Personen A-K

Zum 90. Geburtstag von Kurt Haase (*1911)

Gelebte Solidarität

Dass Kurt Haases 90. Geburtstag, den wir am 17. Juni begehen, gleichzeitig an einen dramatischen Tag der neueren deutschen Geschichte erinnert, dürfte eine besondere Fügung sein. Ist doch das Auf und Ab seines Lebens eng mit der Politik und der Entwicklung der Berliner Arbeiterbewegung verbunden.

Soziale Not prägte die frühen Jahrzehnte seines Daseins:
Waisenkind aus Alt-Berlin, Ackerstraße, schob man ihn schon in jungen Jahren ab. Er wurde - wie andere Kinder auch - als billige Arbeitskraft vom Waisenhaus verschachert. Kurt kam nach Anklam in Vorpommern. Aber die Dialektik des Lebens ließ ihn dadurch frühe Prägungen aufnehmen, die in einer behüteten Kindheit zwangsläufig ausgeblieben wären. Kurt Haase dazu: "Schon mit drei Jahren ging ich für andere Menschen einkaufen. Ich wurde
unter Bauarbeitern und Zimmerleuten groß, die mich früh politisch prägten. Mit acht Jahren trug ich bereits die Gewerkschaftszeitung aus. 1920 wurde ich in Anklam wacher Zeuge der Auswirkungen des rechtsradikalen Kapp-Putsches."

Die frühe Kinderarbeit hatte Ihn rebellisch gemacht - auch in der Schule. Zudem setzten Gleichaltrige den Waisenkindern sehr zu, hänselten sie und behandelten sie schlecht. All dies führte bei Kurt Haase zu der frühen Willensentscheidung:
"Dagegen muss ich etwas tun!"

 
Jugendgruppe mit Kurt Haase in Anklam 1926

Kurt Haase 1926 in Anklam

 

Mit 14 Jahren trat der Heranwachsende der Sozialistischen Arbeiterjugend (SAJ) bei und wurde schon bald deren Leiter in Anklam. Beim Einsatz für die Ideale der sozialen Republik sammelte er auch erste negative Erfahrungen mit Kommunisten, die ihn bei Rangeleien mit einem Messer verletzten. Davon blieb eine Narbe an der Hand zurück.

Nach Abschluss einer Lehre als Holzbildhauer fand er jedoch - wie viele Menschen damals - keine Arbeit. Um anderen nicht zur Last zu fallen, wurde er schließlich für einige Jahre zum wandernden Gesellen und war dabei Hunger, Schnee und Eis ausgesetzt.

Anschließend zog es ihn nach Berlin zurück, er kam ärmlich in der alten Heimatstadt an. Und nun setzte eine Kette von Erlebnissen ein, die in heutigen Zeiten wohl undenkbar wäre. Kurt Haase wurde allein durch die Solidarität seiner sozialdemokratischen Genossen über die Not der Zeit gebracht. Er berichtet: "In Berlin angekommen, traf ich im Stadtzentrum auf einen Mann, der ein SPD-Abzeichen trug. Ich sprach ihn mit den Worten an 'Ich weiß nicht wohin!' Sofort nahm man sich meiner an und besorgte mir einen Platz im Wohnheim Adalbertstraße 29 in Mitte. Auf dem Gelände des ADGB (Engelufer) bestand damals ein Wohnheim für wohnungslose und nichtverheiratete Anhänger der Republikschutztruppe Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold. Dort waren wir etwa 20 Arbeitslose. Ernährt wurden wir durch Spenden."

Doch schon bald brach der Terror der "braunen Revolution" über Deutschland herein. SA besetzte im Februar/März 1933 auch das Reichsbannerwohnheim. Als Kurt Haase abends von einer geselligen Veranstaltung zurückkam, fand er alles kurz und klein geschlagen vor. "Das Wenige, was ich ohnehin nur besaß, ein Rasierer und ein Paar Schuhe, hatte ich nun auch verloren."

Und erneut wurde ihm geholfen, als er auf der Straße stand. Bei einem nahen "Falken"-Treffpunkt sprach er einen ihm bekannten Jungen an, der daraufhin seine Mutter unterrichtete -und die Gewerkschafterin nahm Kurt Haase auf. Andere Arbeiterquartiere folgten. Kurt Haase dazu: "Ohne die Hilfe der Genossen wäre ich verreckt. Solidarität wurde damals unter den Mitgliedern der SPD ganz groß geschrieben. Diese Verbundenheit kann sich heute keiner mehr vorstellen. Ich lebte von der Unterstützung anderer Genossen. Manchmal hatte ich zum Weihnachtsfest sogar drei Einladungen, um mich satt essen zu können."

Bis zum Verbot der Partei (Juni 1933) wurden noch Beiträge kassiert. Die illegale Arbeit setzte ein. In der Annenstraße 2, Ecke Franzstraße, saß Kurt mit anderen Genossen beim Werkzeugmacher Hermann Funke im Keller und vervielfältigte Untergrundmaterial. Damit niemand die verdächtigen Geräusche mitbekam, wurde eine Schallplatte abgespielt - leider immer wieder die selbe.

Kurt Haase stieß zu Männern, die in Mitte zur Widerstandsgruppe "Der Rote Stoßtrupp" zählten. So der frühere Reichsbannerfunktionär Heinrich Hüllenhagen und der Rentner Willi Schmidt, ein sehr stark Sehbehinderter. Auch zu Franz Neumann in Reinickendorf bestan- den Kontakte. Doch die Gruppe flog schon früh, Ende 1933, auf. Über hundert Berliner Sozialdemokraten gerieten in Haft, auch mehrere Freunde aus Mitte. (Siehe Hans-Rainer Sandvoß, Widerstand in Mitte und Tiergarten, Gedenkstätte Deutscher Widerstand.)

Obwohl die Flugblattverbreitung in Mitte weitgehend zum Erliegen kam, hielten die treuen SPD-Mitglieder trotzdem Verbindung. So kamen sie bei Beerdigungen verfolgter Sozialdemokraten in Baumschulenweg zusammen: Etwa 5.000 waren es bei der Trauerfeier für die Reichstagsabgeordnete Clara Bohm-Schuch (1936). Und selbst 1942 fanden sich noch weit über 1.000 Menschen ein, als der frühere Berliner Parteivorsitzende Franz Künstler zu Grabe getragen wurde. Künstler litt bis 1935 im KZ; im Krieg musste er schwere Transportarbeit leisten und brach in der Straßenbahn tot zusammen.

Bis auf einen Überläufer zu den Nazis, einen Heizer im früheren Gewerkschaftshaus, der seinen Arbeitsplatz retten wollte, hat Kurt Haase Gesinnungslumpereien (unter SPD- Mitgliedern) sonst nicht in Erinnerung. Er berichtet: "Im Gegenteil, ich erlebte so viele Hilfe! 'Da sitzt Kurt Haase, der arme Teufel', hieß es oft. Durch kleine Gefälligkeiten konnte ich mir wiederholt etwas Geld verdienen. Immer wieder gab es Zeichen von Solidarität. Ich verdankte es zum Beispiel einem Genossen im Sozialamt Mitte, dass mir die Sozialhilfe erhalten blieb." Auf dem Arbeitsamt, wo er um eine Stelle nachsuchte, hörte er dagegen die Worte: "Die Arbeit hol dir von deinen Marxisten!"

Schließlich sprach ein Genosse bei seinem Chef für Kurt Haase gut, und der erhielt endlich eine Stelle in einer Werkstatt für Blech- und Porzellanarbeiten, Dresdener Straße 116. Vom ersten Lohn kaufte er sich einen Anzug.
Die ersten Arbeitswochen liefen schwer an, die Tätigkeit am Schraubstock forderte ihn sehr. "Im Gedanken an meine Genossen hielt ich durch!" Kurt Haase bewährte sich so außerordentlich, dass er in kurzer Zeit zum Vorgesetzten mehrerer Facharbeiter wurde.

Haase: "Die Arbeiter kannten meine politische Einstellung, haben alles mitgemacht. Die paar Nazis im Betrieb wurden (nach 1939) zur Front geschickt, Regimegegner dagegen reklamiert. Als unser Laden zunehmend Teil der Rüstungsproduktion (Luftwaffe und Marine) wurde, leisteten wir Sabotage. Dadurch, dass ein Teil des Betriebes ins Umland verlagert wurde, konnte ich mich auch vor dem NS-Volkssturm drücken. Und obwohl ich bereits mehrmals gemustert worden war, schaffte es mein Chef immer wieder - mal durch gefälschte Papiere, mal durch Bestechung -, mich vor der Wehrmacht zu retten."

 
Personengruppe mit Kurt Haase 1946
 

Der Krieg hatte besonders im Stadtzentrum schlimme Wunden hinterlassen. Mitte war 1945 zu über 80 % ausgebombt. Kurt Haases Kiez: Köpenicker- und Annenstraße, die Gegend vom Gewerkschaftsviertel (ADGB-Haus am Engelufer) bis zum Spittelmarkt, also die alte SPD-Abteilung III, besaß vor 1933 rund 1.250 Mitglieder. Als die Partei 1945 aus den Ruinen wiedererstand, kamen gerade noch 100 Menschen zusammen. Kurt Haase: "Ich ließ etwa 100 kleine Plakate mit der Aufforderung drucken, Genossen möchten sich bei Willi Schmidt, Buckower Straße 4, melden."

Das Kreisbüro wurde in der Friedrichstraße 168 eröffnet. Der NS-verfolgte Gewerkschafter Fritz Saar (1887-1948) wurde Kreisvorsitzender, Kurt Haase Kreisjugendbeisitzer.

Doch schon bald musste er sich an führender Stelle neuen politischen Herausforderungen stellen. Es ging um die Frage der Vereinigung von SPD und KPD. Obwohl manches, besonders die gemeinsamen Leiden in der NS-Diktatur, dafür sprach und es auch durchaus unabhängige und integere Kommunisten gab, war der KPD und den Sowjets insgesamt aber doch zu misstrauen. Und schon zeigten sich warnende Zeichen an der Wand: Bereits im Spätherbst 1945 verschwand Berlins stellvertretender Polizeipräsident Karl Heinrich (SPD) - der in der NS-Zeit viele Jahre im Zuchthaus und Moorlager gelitten hatte - in den Kellern der sowjetischen Besatzungsmacht (Hohenschönhausen). Ein politischer Skandal, der die Berliner SPD Ende 1945 sehr aufwühlte.

In der Abteilung III zogen Kurt Haase und sein enger Freund Ernst Voß (1887-1982), ein wegen Widerstandes für die SPD vorbestrafter früherer Weddinger, von Tür zu Tür und sprachen sich für die Beibehaltung der Partei aus. Deswegen verlor Kurt Haase seinen Arbeitsplatz als Zeitungsvertriebsleiter in Mitte. Kurt Haase: "Ich hatte noch aus meiner Anklamer SAJ-Zeit schlechte Erfahrungen mit Kommunisten. Während der Illegalität zwischen 1933 und 1945 bin ich einigermaßen gut mit ihnen ausgekommen. Einen Zusammenschluss mit ihnen lehnte ich aber strikt ab. Voß und ich schafften es, dass sich in der Abt. III von 100 Mitgliedern nur 5 für die SED aussprachen! Wir organisierten Wahllokale und führten die Urabstimmung trotz Verbots durch."

Vor Arnold Munter (Platz 2) und Ernst Voß (Platz 3) stand Kurt Haase (Platz 1) im Oktober 1946 an der Spitze der SPD-Kandidaten für die ersten freien Wahlen zur Bezirksverordnetenversammlung von Mitte - Kurt Haase rückte durch das Vertrauen seiner Genossen immer stärker ins Zentrum der SPD von Mitte, wurde ihr Kreissekretär und ihr Kreisvorsitzender - über 16 Jahre lang!

In der Auseinandersetzung mit der SED und der sowjetischen Besatzungsmacht bewies er immer wieder Zivilcourage und großen Mut. Wie anderen aufrechten Ost-Berliner SPD-Funktionären, man denke beispielsweise an Werner Rüdiger (Prenzlauer Berg) und Herbert Mießner (Weißensee), drohte auch ihm eine längere Inhaftierung. Lichtenbergs SPD-Stadtrat Joachim Lipschitz konnte sich dem nur durch die Flucht nach West-Berlin entziehen.

Kurt Haase: "Viele Schikanen mussten erduldet werden. Einmal wurde ich auf der Straße in ein Auto gezogen, das verhangene Fenster hatte. Zeitweise schlief ich auf der Kommandantur Inselstraße mehr, als bei mir zu Hause (Wallstraße 36). Ich trug stets einen Monteuranzug, das imponierte den Russen. Wegen unserer SPD-Zusammenkünfte, meistens im Kreisbüro Friedrichstraße 168, gab es viel seelischen und politischen Druck. Auf innerparteilich geheime Wahl legte ich deswegen großen Wert und wurde stets einstimmig gewählt.
Unser Kreisbüro war durch seine großen Räume das beste von Ost-Berlin, zu uns kamen auch die Friedrichshainer und Lichtenberger."

Als die politische Weiterarbeit in Ost-Berlin (1961) unmöglich wurde, blieb Kurt Haase in West-Berlin. Bis 1973 arbeitete er als Referent des SPD-Landesverbandes für die Betreuung der im Osten gebliebenen Mitglieder. Seine Hilfsbereitschaft und Selbstlosigkeit waren sprichwörtlich.

Im Jahre 2001 kann Kurt Haase mit 90 Jahren auf ein erfülltes politisches Leben zurückblicken. In ihm bündeln sich die wertvollsten Tugenden der alten Arbeiterbewegung: Freiheitswillen und soziales Engagement für notleidende Menschen. Mögen nachwachsende Generationen sich dessen noch bewusst sein.

Hans-Rainer Sandvoß
Historische Kommission der Berliner SPD
Juni 2001