Kurt Haase: Wiedergründung der SPD 1945

Geschichte: Personen A-K

1945: Handzettel für Genossen

Als Kurt Haase am Nachmittag nach Kreuzberg kam, war schon alles vorbei. „Ich sah gerade noch die letzten Genossen nach Hause gehen, die Gründungsversammlung der SPD war geschlossen.“ Dass er zu spät kam, war allerdings nicht seine Schuld. Die Sowjets hatten ihn 8 Tage vorher verhaftet, nachdem er – noch illegal - den ersten Gründungsaufruf der SPD im Bezirk Mitte veröffentlicht hatte.
1911 wird Kurt Haase in Berlin geboren, mit 14 Jahren beginnt er in Vorpromern eine Ausbildung als Holzbildhauer und tritt gleichzeitig in die Sozialistische Arbeiterjugend (SAJ) ein. Zwei Jahre später wird er von der SPD angenommen. Nach seinen Wanderjahren kommt er 1932 nach Berlin zurück, engagiert sich in der Kinderfreundebewegung und wird Gruppenkassierer seiner Abteilung in Berlin-Mitte.
Sein Kontakt zu den Genossen wird nach dem Verbot eher noch intensiver. „Wir haben uns zweimal zu Maifeiern getroffen, da kamen noch 40, 50 Genossen.“ 1934 und 1935 verfassen sie illegal Flugblätter, die sie in Briefkästen steckten – oder ohne Absenderangabe per Post verschickten. „ In der Annenstraße 2 haben wir uns im Keller getroffen und die Blätter nachts mit der Schreibmaschine vervielfältigt. Während wir die Texte abtippten, spielte die ganze Zeit immer wieder die einzige Schalplatte, die wir besaßen, damit kein verdächtiges Geräusch nach draußen dringen konnte.“ Diese Gemeinschaft im illegalen Kampf, sagt Kurt Haase, haben sie geformt.
Bis ins Jahr 45 hinein bleibt der Kontakt aufrechterhalten. Im Februar wird Kurse Haases Wohnung ausgebombt, die letzten Wochen vor dem Einmarsch der sowjetischen Truppen wohnt er bei verschieden Freunden und Genossen. „Im Mai begannen wir uns gegenseitig zu suchen.“ Zehn, zwölf Genossen sind schnell wieder beisammen. „Wir waren wie die Kinder, so voller Illusionen. Der Krieg war zu Ende, wir sind mit einer ungeheuren Begeisterung an die Arbeit gegangen. Jetzt sollte es losgehen.“
An etlichen der Häuserruinen kleben in den ersten Maitagen Zettel mit Kauf- und Verkaufsangeboten. Einer davon bietet die Vervielfältigung von Texten an. „ Wir hatten ja selber nichts. Keine Schreibmaschine,, kein Papier. Also sind wir dort hingegangen, zum Prenzlauer Berg, und haben einen SPD-Aufruf in Auftrag gegeben.“
„Alle ehemaligen Mitglieder der SPD, die sich in keiner Form bei den Nazis betätigt haben und durch Zeugen eine einwandfreie politische Haltung nachweisen können, werden gebeten, sich sofort zu melden.“ Darunter setzen sie handschriftlich zwei Adressen von Genossen als „Meldestellen“.
Für zehn Mark, die Kurt Haase aus eigener Tasche bezahlt, erhält er Anfang Juni 45 einhundert Abzüge. „Die haben wir dann in Berlin-Mitte an die Häuserwende geklebt.“

Am 9. Juni, einen Tag bevor der sowjetische Marschall Schukow offiziell antifaschistische deutsche Parteien erlaubt, wird Kurt Haase von den Sowjets verhaftet und nach Karlshorst gebracht. Noch sei Parteiwerbung nicht erlaubt, wird ihm erklärt.
„Am 17. Juni hatte ich Geburtstag. Vormittags kam ein sowjetischer Offizier zu mir. ‚Sie wissen doch’, sagte er, ‚dass heute die SPD gegründet werden soll. Wollen Sie nicht hingehen?’ Natürlich wollte ich.“ Aber als die Sowjets ihn gegen 15 Uhr am Kottbusser Tor absetzen, da ist im „Deutschen Hof“ schon alles gelaufen.
Auf seinen ersten Aufruf hin melden sich aber immerhin über 120 Genossen bei den beiden Kontaktadressen. „Die ersten Versammlungen“, sagt Kurt Haase, „fanden in der Kreuzberger Oranienstraße statt, im ‚Max und Moritz’. In Mitte waren ja die meisten Zerstörungen, es gab kaum noch Versammlungsräume.“
Die Abteilungsgrenzen richten sich nach der Verwaltungsorganisation im Bezirk. Sechs Abteilungen werden zunächst gegründet, später werden acht daraus. Kurt Haase, mit 34 Jahren einer der Jüngeren, wird zum Abteilungsvorsitzenden der 2. Abteilung gewählt.
Am 7. Juli erscheint die erste Ausgabe der SPD-Zeitung „Das Volk“. Im Herbst wird Kurt Haase Leiter der „Volk“-Filiale in Mitte. Die Auseinandersetzung um die Vereinigung von KPD und SPD wird gerade in den Ostsektor-Kreisverbänden mit aller Schärfe geführt. Kurt Haase engagiert sich nicht nur auf den SPD-Versammlungen dagegen, er legt auch dem „Volk“ entsprechende Flugblätter bei. Daraufhin entlässt ihn die Verlagsleitung.

Im Jahre 1946 wählen ihn die Sozialdemokraten im Bezirk Mitte zum Kreisvorsitzenden, bei den Wahlen vom Dezember 45 erringt die SPD genau die Hälfte aller Sitze in der Bezirksverordnetenversammlung und stellt mit Erich Babden Bürgermeister. Die Arbeit wird immer schwieriger. „Alle Versammlungen mussten von den Sowjets genehmigt werden.“ Mehrmals werden gleich die gesamten Anwesenden einer Abteilungsversammlung festgenommen. Bis zum Bau der Mauer 1961 bleibt er SPD-Kreisvorsitzender in Mitte, dann geht er nach West-Berlin.

aus: Berliner Stimme, Juni 1985