Grunner, Josef

Geschichte: Personen A-K

Josef Grunner

* 10. Juni 1904
† 27. Nov. 1984

Jurist und Journalist
1921 Eintritt in die SPÖ
1945 Gründungsmitglied der Wilmersdorfer SPD
1945/46 Referatsleiter der Zentralverwaltung Industrie für die SBZ Deutschlands (Rechtsabteilung)
1946 bis 1955 Redakteur und Ressortleiter für Politik beim "Telegraf" und bei der "nacht-depesche"
1947/48 Vorsitzender der SPD Wilmersdorf
ab 1949 Mitglied des Landesvorstands der Berliner SPD
1955 Bezirksstadtrat für Wirtschaft und Ernährung; Leiter des Wohnungsamtes in Schöneberg
1964 bis 1969 Bezirksbürgermeister von Schöneberg

Recherche: ABI

zum Beispiel: Dr. Josef Grunner

Eigentlich ist er ein "Zug'reister", der Dr. Josef Grunner aus Wien. Und man merkt es noch immer an seinem Wiener Dialekt, als er schon fast vierzig Jahre in Berlin lebt.
Etliche Jahre davon hat er als Bezirksbürgermeister im Schöneberger Rathaus verbracht, immer im Gespräch mit den Menschen, denn am Schreibtisch hielt es ihn nicht.
Er stammt aus einer Wiener Arbeiterfamilie, wuchs in sozialistischer Tradition auf. "Wissen ist Macht", hieß es damals, und Josef Grunner hat das immer ernst genommen. Auf dem 2. Bildungsweg, in einem sozialistischen Arbeiterkurs, den die Tochter von Otto Bauer gibt, kommt er zum Abitur. Er studiert Jura, heiratet 1938 die Tochter russischer Juden, verliert deshalb schließlich seine Arbeit und geht nach Berlin, wo ihm eine neue Stelle angeboten wird. Seine Arbeit ist "kriegswichtig", das schützt ihn bis 1944, dann steckt ihn die Gestapo dennoch ins Arbeitslager. Aber seine Frau und er überstehen die Zeit, wenn auch auf abenteuerliche Weise, wie er sagt.
Nach dem Krieg gehört Josef Grunner, der mit 17 in die SPÖ eintrat, zu den vier Gründungsmitgliedern der Wilmersdorfer SPD, wird schließlich Kreisvorsitzender. Er gründet 1946 den Marxistischen Arbeitskreis, "um zu schauen, was in dieser zusammengebrochenen Welt von der Lehre von Marx übrig geblieben ist", sagt er. "Das, was wir finden, wollten wir in der Partei propagieren."
Er arbeitet als Redakteur beim Telegraf, ist bald in der ganzen Stadt bekannt. Abends wird er zu Referaten in allen Teilen der Stadt geholt. Aber diese abendlichen Versammlungen behindern auch seine Arbeit als Redakteur. Den Anstoß gibt seine Mutter. "Du bist heute mit allen Leuten bekannt, aber was wirst Du haben, wenn Du 60 bist", fragt sie ihn. Er kandidiert als Wirtschaftsstadtrat in Schöneberg, wird gewählt. "Und mit Fantasie kann man auch etwas erreichen." 1969 zieht er sich als Bürgermeister zurück. Jüngere sollen heran. Er stellt auch seine Parteiämter zur Verfügung. Er beobachtet seine SPD, "leidenschaftlich engagiert". Die persönliche Auseinandersetzung, das Streben nach Karriere, ist ihm ein Gräuel. Personalentscheidungen müssten sachbezogen getroffen werden, meint er. "War es wichtig, dass die SPD dieses Amt übernimmt, und was hast Du darin für die Partei getan?" war seine Standartfrage an Bewerber auf Wahlversammlungen.

Ulrich Horb

in der Berliner Stimme vom 2. Oktober 1982