Greschke, Winfried

Geschichte: Personen A-K

Winfried Greschke

Berlin 9.4.1935 - Berlin 14.7.2007

1957 trat Winfried in die SPD ein. In diesem Oktober hätten wir mit ihm sein 50jähriges Jubiläum als Mitglied feiern können. Sein parteipolitisches Engagement gehörte der Abteilung Zehlendorf-Süd. Da, wo er zu Hause war. Höhere Ämter strebte er nicht an. Im Abteilungsvorstand war er und auch Kreisdelegierter. Schluss.

Dass er, nachdem er 1958 die junge Genossin Jenny kennen und lieben gelernt und auch bald geheiratet hatte, zwölf Jahre lang Schwiegersohn Kurt Matticks war, spielte nie eine Rolle. Aber er mischte sich ein. Konnte sich erregen, mochte sich auseinandersetzen. Er konnte wütend werden und wieder zur Gemeinsamkeit aufrufen. Winfried war das Urbild eines politisch Interessierten und Engagierten. Er war schließlich so etwas wie ein Elder Statesman seiner Abteilung, rief zur Ordnung und zur Vernunft, wenn es nötig war. Er hasste Geschwafel. Daher sein „Man kann über alles reden, außer über 1:30“. Er scheute sich bei langatmigen Diskussionen nicht zu kritisieren, dass nun doch alles schon mal gesagt wurde, nur noch nicht von jedem. Keiner nahm ihm seine deutlichen Worte übel. Und er war gewissermaßen der Chronist der Abteilung. Seine Fotoalben sind Legende. Es sind ja richtige Dokumentationen mit den vielen Zeitungsausschnitten, Karikaturen, Flugblättern. Wir versuchen, sie zu retten.

Was wären die Feste auf dem Ladiusmarkt ohne Winnie und seine Kamera gewesen? Undenkbar! Wohin ging’s nach dem Parteifest auf dem Ladiusmarkt? Natürlich zu Winnie. Viele Jahre gemeinsam mit den „Lauenburgern“, den SPD-Partnern aus „Schläfrig-Holzbein“ (Zitat Winfried).

Wo traf man sich an den Wahlabenden? Bei Winnie. Hochrechnungen wurden verfolgt im großen Kreis. Die Ergebnisse bejubelt oder betrauert.

Nicht zu vergessen auch seine Idee der heute fast legendären „roten (Fahrrad-)Schlange“, die in vielen Wahlkämpfen zum Einsatz kam.

Winnie regte an und war ein begabter Kommunikator. Er brachte Menschen zusammen, brauchte auch ihre Nähe. Er war nicht nur durch und durch sozial(-demokratisch), er war auch – viel mehr! – für viele ein guter Freund. Er lachte gern und es machte ihm Spaß, Leute mal kurz zu verunsichern, durch unerwartete Antworten oder Fragen. Er war immer auch ein bisschen ein Querkopf. Aber die Art, wie er es war, machte ihn liebenswert.

Und wo traf man traf sich zu großen Fußballspielen? Bei Winnie! Denn die Welt des Sports war ein weiterer wichtiger Bestandteil seines Lebens. Er spielte Fußball schon seit 1946 bei Hertha 03 Zehlendorf und später beim FC Südwest.

Sein berufliches Leben begann im März 1953 als Anwärter im Öffentlichen Dienst. Drei Jahre später sollte er in der mündlichen Prüfung die erste Strophe des Deutschlandliedes aufsagen. Winfried antwortete auf seine Weise, begann mit „Deutschland, Deutschland ohne alles“. Das war nicht genehm. Kein richtiges Deutschlandlied, keine Urkunde und keine Zulassung zum Lehrgang für den Gehobenen Dienst.

Dies veranlasste ihn in die Gewerkschaft einzutreten. Gleichzeitig klagte er erfolgreich auf Herausgabe seines Prüfungszeugnisses. Die Zulassung zum Lehrgang II wurde weiter verweigert. Innensenator Lipschitz (SPD) verlangte sogar seine fristlose Entlassung wegen despektierlicher Äußerungen. Später wollten ihn noch zwei CDU-Innensenatoren loswerden, denn Herr Lummer wurde von Winfried öffentlich als nicht geeignet zum Verfassungsaufseher bezeichnet und Herr Heckelmann fühlte sich gekränkt, als Winfried ihn öffentlich aufforderte, bei einer Gegendemonstration gegen Rechtsradikale in der ersten Reihe mitzumarschieren. Trotz allem hielt Winfried mit 47 Jahren Berufstätigkeit durch bis zu seinem Ruhestand mit 65 Jahren. Dann dauerte es nicht lange und es wurde Darmkrebs diagnostiziert. Sechs Jahre blieben ihm und uns noch mit ihm.

Am 14. Juli 2007 ist Winnie gestorben. Beigesetzt haben wir ihn auf dem Friedhof Grunewald. „Greschke daselbst“ meldet sich nicht mehr am Telefon.

Holger Hübner