Rede zur Trauerfeier für Alfred Gleitze

Geschichte: Personen A-K

Rede zur Trauerfeier für Alfred Gleitze

von Axel Bochow
am  Montag, dem 13. September 2004,
12.00 Uhr, im  Willy Brandt-Saal, Rathaus Schöneberg

Liebe Christa, liebe Angelika, lieber Andreas, liebe Familienmitglieder, Freunde, Genossinnen und Genossen, sehr geehrte Damen und Herren !

1961 habe ich als einer von 1300 Berliner Jugendlichen am Zeltlager der Berliner Falken in Holland teilgenommen. Während dieses Zeltlagers habe ich Alfred kennengelernt.
Es war ein Zeltlager, an dem Falken aus ganz Berlin, also aus Ost und West teilnahmen. Eine Woche nach Beendigung des Zeltlagers wurde die Mauer  errichtet und hat Freundschaften brutal zerrissen.
Dass das Kennenlernen von Alfred zu einer politischen Zusammenarbeit erst bei den Falken, später dann in der SPD und BVV  Schöneberg führen würde, war damals nicht vorauszusehen.

Mitte der sechziger Jahre, Alfred Gleitze war bereits Landesvorsitzender der Berliner Falken, hat ein Kreis von Genossinnen und Genossen sehr eng mit Alfred zusammengearbeitet.
Daraus entwickelten sich lebenslange Freundschaften.

Während seiner Zeit als Landesvorsitzender war Alfred Gleitze schon Kommunalpolitiker Unserem Jugendverband blieb er  auch nach seinem Ausscheiden verbunden.

So war er wohl der einzige Jugendstadtrat von Berlin, der nächtelang  mit Helfern der Falken Werbeplakate für ein Sommerlager der Berliner Falken geklebt hat.

Die Berliner Falken waren besonders in den aktionsreichen sechziger Jahren für die SPD kein pflegeleichter  Partner. In vielen politischen  Fragen, wie beispielsweise in der Frage der Oder-Neiße-Grenze, zum Krieg der Amerikaner in Vietnam oder der Notstandsgesetze standen die Aussagen der Berliner Falken konträr zur Politik der SPD.

Für Alfred war das oft ein schwieriger Spagat, wenn er tagsüber als Falkenvorsitzender öffentlich kritisch zur SPD-Politik Stellungnahmen abgab und am Abend in Fraktion und BVV Kommunalpolitik machte, die ja gerade in diesem Haus auch Berührungen mit der großen Politik hatte. Alfred hielt das aus, denn der Grundwert Solidarität, den er schon im sozialdemokratischen Elternhaus gelernt hatte, half ihm wohl dabei.

Ein Beispiel für diese Solidarität sei hier angeführt. Seit 1959 führten die Berliner Falken Gedenkstättenfahrten durch: zunächst nach Auschwitz und ab 1963  - von der SPD damals auch nicht gern gesehen - in die CSSR nach Theresienstadt, Lidice und Prag. Das war politische Bildungsarbeit pur.

Partner dort war der Jugendreisedienst CKM des Staatsjugendverbandes. Bald schon - und dies war ein Novum - nahmen an den Sommerzeltlagern junge Bürger aus der CSSR teil.

Möglichkeiten zu ost -westlichem Gedankenaustausch, der in jener Zeit des Kalten Krieges wahrscheinlich einmalig war.

In dieser engen organisatorischen Zusammenarbeit entwickelten sich persönliche Freundschaften mit den Verantwortlichen von CKM. Die Anwesenheit von Hanus Stabenov und Alex Ferra heute hier bei der Trauerfeier für Alfred legt Zeugnis davon ab.

Dass Alfred die Zeit und Kraft aufwenden konnte war auch das Verdienst seiner Familie, besonders aber von Christa.

Christa, die wir nur als Jette kennen, hat ihm - bei welcher Arbeit auch immer - den nötigen Rückhalt gegeben. Oftmals haben sie sich humorvoll ergänzt. Kein Wunder, beide waren Mitglieder "Der Zivilisten" einem politischen Kabarett der Falken in den fünfziger Jahren.

Ich hatte die Gedenkstättenfahrten nach Lidice und Theresienstadt angesprochen. Die Organisation dieser Fahrten bedurfte natürlich der Vorbereitung. Für diese Vorbereitungsfahrten  wurde gerne die Zugverbindung Ost-Bahnhof - Prag genutzt, bot sie doch die einzige Möglichkeit, damals nach Ost-Berlin zu gelangen. Von Jette bekam Alfred mit auf den Weg: "Bevor du zum Hanus und Ladja fährst, fährst du erst mal in die Tiroler Straße  zu Helga und Hugo nach Pankow“. Mit der S- oder U-Bahn fuhr man dann zum Grenzübergang Friedrichsstraße. Nachdem dieser mit dem Transitvisum überwunden war, wurden unter "Mißbrauch des Transitweges" die Freunde aus gemeinsamer Gesamtberliner Falkenzeit besucht. Erst dann  ging der Weg zum Ostbahnhof, um nach Prag zu fahren.

Ich denke, Freundschaft hatte für Alfred immer einen hohen Stellenwert.

Als im August 1968 die Warschauer-Pakt-Staaten  militärisch die CSSR überfielen, um der Politik Dubceks für einen Sozialismus mit menschlichem Gesicht ein gewaltsames Ende zu bereiten, organisierten die Falken, der SDS und der SHB spontan eine Demonstration zur CSSR-Militärmission nach Dahlem, an der 5000 junge Menschen teilnahmen.
Dort wurde der Leitung eine Protestresolution übergeben.

Die Falken berührte der Überfall besonders - unsere Gedanken waren bei unseren Freunden in Prag. Aus dieser Haltung heraus fuhren am nächsten Tag Alfred und der damalige Landessekretär der Falken, Micky Beinert, mit dem Auto nach Prag, um den Freunden unsere Solidarität auszudrücken.

Solidarität und Freundschaft, wohlgemerkt Freundschaft, nicht zu verwechseln mit Kumpanei, waren für Alfred keine Phrasen.
Dieser Linie ist er sowohl in vielen politischen Auseinandersetzungen, als auch bei seiner kommunalpolitischen Arbeit treu geblieben.
 
Auf der kommunalpolitischen Leiter ist Alfred hoch und runter geklettert und auf welcher Sprosse er auch stand, war es ihm wichtig, Politik so zu gestalten, daß sie für die Bürger nachvollziehbar war.

Denn Politik war für Alfred keine Einbahnstraße, die nur nach oben führt. Er konnte damit umgehen und hat es verkraftet, dass in der  Gegenrichtung oft viel schneller gefahren wurde.

Politische Auseinandersetzungen sind von Alfred mit offenen Visier durchgeführt worden. Eine Eigenschaft, die in den vergangenen Jahren nicht nur in der Politik verloren gegangen ist.

In der letzten Zeit hat es Alfred politisch etwas ruhiger angehen lassen. Er hat zu seiner "heimlichen Leidenschaft", der Pressearbeit zurückgefunden. Und von Jahr zu Jahr fand er es angenehmer, Großvater und stolz auf die Familie zu sein.

In seiner politischen Arbeit hat Alfred oft das Prinzip der Freundschaft und Solidarität über Verbands -, Partei - oder Staatsräson gestellt.

Nicht nur dafür,  aber besonders dafür sage ich auch im Namen des eingangs benannten Freundschaftskreises unseren Freund und Genossen ein großes Dankeschön.

Unser tiefes Mitgefühl gilt Jette und allen Familienangehörigen.

Alla, wir sind froh, dich gekannt und über
Jahrzehnte als Freund gehabt zu haben.