Politik als Lebenselixier

Geschichte: Personen A-K

Politik als Lebenselixier

Am 1. Januar 2004 ist Alfred Gleitze, früherer Schöneberger Bezirksbürgermeister 70 Jahre alt geworden, gleichzeitig konnte er seine 50-jährige Parteimitgliedschaft feiern. Heinz Beinert, langjähriger Freund und politischer Weggefährte, sprach jetzt mit Alfred und Christa („Jette“) Gleitze.

Heinz Beinert: Alfred, am 1. Januar hast du mit einer riesigen Gästeschar deinen 70. Geburtstag gefeiert. Wir beide sind jetzt über vier Jahrzehnte freundschaftlich verbunden. Lass uns heute mal über ein paar Begebenheiten am Rande deiner politischen Karriere bis zum Bezirksbürgermeister von Schöneberg sprechen. Wann wurdest du Mitglied der Falken, deren Landesvorsitzender du 1963 wurdest?

Alfred Gleitze: Nachdem meine Familie 1949 Ostberlin verließ und von Treptow nach Steglitz umzog, wurde ich dort Anfang der fünfziger Jahre Mitglied der Falken und 1954 der SPD. Meine erste Funktion bei den Falken war die des Steglitzer Kreisvorsitzenden.

Heinz Beinert: Nach einigen Semestern des Studiums der
Rechts- und Wirtschaftswissenschaften zog es dich in die Politik, bzw. in einen politiknahen Beruf. Wie war das?

Alfred Gleitze: Der legendäre Bürgermeister von Berlin- Kreuzberg, Willy Kressmann, bot mir Ende der fünfziger Jahre an, Leiter seiner Pressestelle im Rathaus Kreuzberg zu werden. Dies war eine spannende Aufgabe in einer Zeit der Ost-West-Konfrontation in einem Grenzbezirk zum Ostsektor. Zugleich waren es meine eigentlichen politischen Lehrjahre. Bei Kressmann lernte ich, politische Erkenntnisse in praktische Politik umzusetzen, und durch effektive Pressearbeit die Bürgerinnen und Bürger in die politischen Prozesse bewusstseinsmäßig einzubeziehen.

Heinz Beinert: Daneben warst du ja schon bei den Falken ehrenamtlich tätig, u. a. als einer der Akteure des Falken- Kabaretts „Die Zivilisten“. Rangierte das in der Rubrik „frohes Jugendleben“ oder habt ihr das als politische Aktivität begriffen?

Alfred Gleitze: Natürlich als politische Aktivität, das ging schon aus dem Namen hervor. Der Antimilitarismus hat traditionell bei den Falken schon immer eine große Rolle gespielt. Mit den „Zivilisten“ begehrten wir, um nur einen Aspekt zu nennen, gegen die Wiederaufrüstung in beiden deutschen Staaten auf, die im Westen Deutschlands von der Adenauer-Regierung betrieben wurde. Als dann zu unserem Bedauern auch die SPD, deren naher Jugendverband ja die Falken sind, auf den Natokurs einschwenkte, hatten wir plötzlich eine „Zweifronten- Auseinandersetzung“, die wir aber um der Sache willen und auf unsere Positionen beharrend durchstehen wollten.

Heinz Beinert: Jette, du und Alfred, ihr habt euch bei den „Zivilisten“ kennengelernt, wurdet ein Paar, und habt bald darauf geheiratet, bekamt zwei Kinder. Ich will jetzt hier nicht alle Ämter, Mandate und Funktionen aufzählen, die Alfred im Laufe der Jahrzehnte inne hatte. Aber wie hast du dies alles durchgestanden?

Jette Gleitze: Na ja, irgendwie war mir schon klar, worauf ich mich bei Alfred einließ, aber da ich auch aus einer Familie kam, die der sozialdemokratischen Bewegung nahe stand, war ich darauf eingestellt. In den ersten Jahren unserer Ehe habe ich auch noch gearbeitet bis die Kinder kamen. Und dann war ich eben so etwas wie eine alleinerziehende Mutter in einer Ehe. Ich sage dies ohne jede Bitternis, denn schließlich war und bin ich ein politischer Mensch, der weiß, dass der Dienst an Staat und Gesellschaft wichtig ist und nicht denen überlassen werden darf, die mit Demokratie und sozialer Gerechtigkeit wenig im Sinn haben.

Heinz Beinert: Alfred, zum Schluss noch die Frage, was dir bei deinen Funktionen bei den Falken als Berliner Landesvorsitzender und Landesgeschäftsführer am wichtigsten war?

Alfred Gleitze: Natürlich gab es verschiedene Schwerpunkte in der pädagogischen und politischen Arbeit des Verbandes, beispielsweise unsere großen Sommerzeltlager. Aber an erster Stelle, und darauf bin heute noch stolz, stand die bereits von Harry Ristock Ende der fünfziger Jahre angedachte und umgesetzte Absicht einer Aussöhnung mit der Jugend der Völker des Ostens. Unser Vehikel dafür waren die Gedenkstättenfahrten zu den Vernichtungslagern der Nazis. In der ersten Phase nach Polen, dort vor allem nach Auschwitz. Ab 1963, als ich Landesvorsitzender wurde, auch in die CSSR nach Theresienstadt und Lidice. Sie wurden ein wichtiger Teil unserer politischen Bildungsarbeit, die wir nur mühsam gegen die Anfeindungen des konservativen Lagers der Berliner Politik, aber auch von sozialdemokratischer Seite, durchsetzen konnten. In all den Jahren fuhren so mit uns Zehntausende junger Berlinerinnen und Berliner zu den Stätten, wo die Nazis millionenfach Menschen quälten und mordeten. Diese jungen Menschen begriffen mit uns, dass so etwas nie wieder geschehen darf. Für die Organisation dieser Fahrten mussten wir in Polen und der CSSR Kontakte zu den dortigen Staatsjugendorganisationen aufnehmen. Zugleich wollten wir über diese Kontakte den Weg zu der jungen Generation dieser Länder finden, was auch gelang. Schon in den sechziger Jahren nahmen an unseren Sommerlagern, u. a. in Holland, Schweden, Norwegen und Bayern, jeweils größere Delegationen junger Menschen aus der CSSR teil, in der damaligen Zeit ein Novum. So brachen wir erste Fahrrinnen in das Eis des Kalten Krieges. Es waren frühe Vorboten der späteren Ost- und Entspannungspolitik von Willy Brandt und Egon Bahr.

Berliner Stimme vom 14. 01. 2004