Gericke, Reinhard

Geschichte: Personen A-K

Reinhard Gericke

geboren am 6. August 1939
gestorben am 26. Januar 2000
1975-1981 Bezirksstadtrat für Volksbildung in Kreuzberg,

1988-2000 Geschäftsführer des August-Bebel-Instituts

 

Leben mit der Droge Politik

Zum 5. Todestag von Reinhard Gericke 2005

Reinhard Gericke lernte ich im August 1992 kennen. Ein agiler Mittfünfziger empfing mich zum Vorstellungsgespräch in einem Büro im Kurt-Schumacher-Haus, das seinen Bewohner als Sammler auswies. Zeitungsausschnitte und Videokassetten, Broschüren, Briefentwürfe und Notizen stapelten sich auf Tischen und Fensterbänken. Diese Unordnung war Ausdruck von Umtriebigkeit. Ihr Schöpfer war ein warmherziger Vollblut-Berliner, der ganz seine Aufgabe als Leiter des ABI August-Bebel-Instituts lebte. Er war davon erfüllt, mit den Mitteln politischer Bildung soziale Demokratie zu befördern, hatte die politische Teilung seiner Stadt erlebt und wirkte jetzt glücklich an ihrem Zusammenwachsen mit. Dass auch ich mich dafür begeistern konnte, hat mir sehr bald seine Freundschaft eingebracht.

Reinhard Gericke kam am 6. August 1939 zur Welt. Der Vater, Beamter in der Kreuzberger Bezirksverwaltung, tritt 1947 in die SPD ein ohne ein besonders aktives Parteimitglied zu sein. „In meiner Familie herrschte ein unausgesprochen sozialdemokratischer Geist“. Reinhard und sein Bruder werden durch die Konflikte in der geteilten Stadt stark politisiert. Der Vater nimmt die Jungen zu den politischen Großkundgebungen mit. Die Versammlung hunderttausender Berlinerinnen und Berliner vom 9. September 1948 auf dem Platz der Republik mit Ernst Reuters Aufruf an die „Völker der Welt“ bleibt in reger Erinnerung. Von der Trauerstimmung beim Tode Reuters erfasst, steht der 14jährige stundenlang in der Menschenschlange vor dem Schöneberger Rathaus, um den selbst gekauften Blumenstrauß am Sarg niederzulegen.

Schulbesuch in Neukölln in der vom Reformpädagogen Kurt Löwenstein geprägten Rütli-Grundschule, Abitur an der 2. Oberschule in Berlin-Neukölln, dem nachmaligen Albert-Schweitzer Gymnasium. Am Radio verfolgt der Schüler fasziniert die großen Bundestagsdebatten. Die Klassenkameraden sind überzeugt: „Unser Klassensprecher wird einmal Politiker.“

Als Student der Volkswirtschaftslehre und Politikwissenschaften tritt Reinhard Gericke 1962 der SPD bei, in der er sich mit Elan engagiert, die Freiheiten des Studentenlebens nutzend. 1967 wird er für seine Partei in die Kreuzberger Bezirksverordnetenversammlung gewählt und schließt sein Studium ab. Auch beruflich entscheidet er sich für die Politik und wird wissenschaftlicher Assistent der SPD-Fraktion im Berliner Abgeordnetenhaus.

Sein erster Arbeitstag ist der 1. Juni 1967, tags darauf wird Benno Ohnesorg am Rande der Anti-Schah-Demonstration vor der Deutschen Oper erschossen. Im Rathaus Schöneberg herrscht unbeschreibliche Aufregung. Geradezu schockiert ist der 28jährige von wütenden Reaktionen der Bevölkerung auf die Studentenproteste. „Lasst Bauarbeiter ruhig schaffen. Kein Geld für langbehaarte Affen“ lautet ein Demonstrationstransparent gegen die Studentenbewegung im Februar 1968. Aus der eigenen Partei sind ähnliche Stimmen zu hören. Reinhard Gericke zweifelt an seinem Lebensplan, Politik als Beruf zu betreiben. Erst ein langes Gespräch mit seinem Vorgesetzten, dem parlamentarischen Geschäftsführer Dietrich Stobbe bringt ihn davon ab, zu resignieren.

Als liberaler Geist fühlt sich Reinhard Gericke in jenen Zeiten gesellschaftlicher Auseinandersetzungen, die auch innerparteilich in der SPD ausgetragen werden, der Linken zugehörig, ohne dass er radikale Tendenzen teilen würde. Er festigt seine politische Position in der Partei und wird 1975 zum Bezirksstadtrat für Volksbildung gewählt.

Das Kreuzberger Schulwesen ist zu dieser Zeit in einer äußerst schwierigen Situation. Der Schulraum ist knapp und in einem baulich oft inakzeptablen Zustand. Der hohe Anteil von Immigrantenkindern stellt Anforderungen, denen die Lehrerschaft schon ihrer Zahl nach nicht gewachsen ist. Zum sachlichen Problemdruck kommt die aufgeheizte gesellschaftspolitische Atmosphäre. Eltern organisieren Demonstrationen, linksradikale Lehrer politisieren den Schulbetrieb. Reinhard Gericke nimmt diese Herausforderungen an. Er kämpft um bauliche Mittel und Planstellen, entwickelt mit PädagogInnen modellhafte Konzepte, stellt sich in Versammlungen aufgebrachten Eltern und Lehrern. Der Stadtrat erringt Respekt und namhafte Erfolge.

Nach den Wahlverlusten 1981 muss die Kreuzberger SPD einen Stadtrat opfern. Es ist Reinhard Gericke, der nicht wieder aufgestellt wird. Nach vierzehn Jahren aufreibenden kommunalpolitischen Engagements als Bezirksverordneter und Stadtrat steht er mit 41 Jahren am Ende seiner politischen Karriere.

Der Entzug der Droge Politik führt in eine tiefe Sinnkrise. Zudem ist der Verlust politischer Unterstützung immer lang anhaltend mit persönlichen Verletzungen verbunden. Diese Erfahrung teilt Reinhard Gericke mit vielen, die seiner Leidenschaft anhingen. Aber wie kaum ein anderer konnte er darüber reden und den Amtsverlust als einen Teil des politischen Geschäfts reflektieren. Fortan ist er allen, die diese Erfahrung durchmachen müssen, ein verständiger Gesprächspartner und versucht sie mit ihrer Partei zu versöhnen.

Die Kommunalpolitik bleibt Thema und Bestimmung seiner Arbeit in Forschungs- und Lehraufträgen der folgenden Jahre. 1986 gehört er zu den Gründern der Sozialdemokratischen Gemeinschaft für Kommunalpolitik (SGK) Berlin und fungiert als deren Geschäftsführer.

Als Reinhard Gericke 1988 von Walter Momper gefragt wird, ob er die Leitung des ABI August-Bebel-Instituts übernehmen würde, hat er ein Abenteuer ganz entsprechend seinem Naturell zu bestehen. Das ABI soll gerettet, d.h. seine Eigenständigkeit gewahrt und die Leistungsfähigkeit wieder hergestellt werden. In den Jahren zuvor war die Einrichtung kaum noch als Bildungsveranstalter in Erscheinung getreten; die Mittel sind verwirtschaftet, das Spendenaufkommen hat den Tiefpunkt erreicht, schließlich verliert das Institut sogar seine Gemeinnützigkeit.

Reinhard Gericke ist dankbar für diese zweite berufliche Lebensaufgabe, der er sich bis an die Grenzen seiner Leistungsfähigkeit annimmt. Einem sozialdemokratischen Traditionsunternehmen – 1947 von Otto Suhr, Arno Scholz, Erich Lezinsky u.a. gegründet – wieder Leben einzuhauchen verlangt Glaubwürdigkeit und vollen Einsatz. Verbündete müssen gewonnen, den Förderern und zuständigen Verwaltungen eine Perspektive aufgezeigt werden, Finanzquellen erschlossen und zeitgemäße Strukturen in einer Satzung verankert werden. In unzähligen Briefen und Gesprächen kommuniziert Reinhard Gericke seine Vision von einem leistungsstarken ABI, appelliert an Solidarität und Opferbereitschaft, die auch er selbst einbringt, denn die Stiftungsmittel reichen nicht für ein reguläres Gehalt aus.

1989 fällt die Berliner Mauer. Alte und neue Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten bauen in Ostberlin ihre Partei auf, suchen Unterstützung und Orientierung. Wiewohl noch im Wiederaufbau begriffen, nehmen das ABI und sein Geschäftsführer die Herausforderung mit ganzer Kraft an. Rhetorikkurse werden organisiert, zeitgeschichtliche Seminare durchgeführt, Rüstzeug für das ehrenamtliche Engagement vermittelt. Reinhard Gericke lernt die Aufbaugeneration der Berliner SPD der Wendezeit kennen, versucht nach Kräften zu fördern und nimmt Anteil an ihren Erfolgen und Rückschlägen.

1997 feiert das ABI August-Bebel-Institut auf einem Höhepunkt seiner Leistungsfähigkeit das fünfzigjährige Gründungsjubiläum. Vorstandsmitglieder und Förderer, MitarbeiterInnen und DozentInnen sowie viele Wegbegleiter freuen sich mit dem Geschäftsführer glücklich über Anerkennung für das Erreichte.

Seinen vollen Charme entfaltete Reinhard Gericke stets, wenn er Reden hielt. Herzlich werbend und aufrichtig dankbar trat er in den Fördererversammlungen vor die Spender des ABI. Virtuos verband er das Sachliche mit dem Persönlichen, hatte Sinn für Witz und Pointen, zeigte Stil und Bildung, war auch einsichtsvoll selbstironisch. Als Diskussionsleiter ehrte er seine Gäste mit wohl recherchierten profunden Vorstellungsreden. Seine Seminarteilnehmer goutierten espritreiche Einführungen.

Reinhard Gerickes 60. Geburtstag war Mitarbeitern und Vorstand des ABI Anlass für einen großen Empfang im Teehaus im Englischen Garten. Sein Krebsleiden hatte ihn bereits gezeichnet. Gerührt von der Vielzahl der Gratulanten hielt er seine letzte große Ansprache. Ein halbes Jahr später, am 26. Januar 2000 verstarb Reinhard Gericke.

Wer sich an ihn erinnert, hat stets den ganzen Menschen im Gedächtnis. Wiewohl er sich in seinen beruflichen Aufgaben aufrieb, so war doch auch immer vom Privaten die Rede. Von seiner Sportbegeisterung, der Liebe zu Frankreich und zu gutem Essen, der Sorge um die Mutter und von der eigenen Familie. Er verehrte seine Ehefrau und war ungemein stolz auf seine drei Töchter. Er bedauerte sehr, dass hingebungsvolles politisches Engagement von der Familie entfremdet und machte diese Erfahrung oft zum Diskussionsthema über die Bedingungen politischer Arbeit.

In ihrer Gedenkrede in der überfüllten Trauerhalle des Krematorium Wilmersdorf sprach Karolin Gericke von dem Vermächtnis des Vaters an die Töchter: Jedem Menschen sei eine besondere Aufgabe bei der Gestaltung der Welt gestellt, die er nach seinen besten Fähigkeiten zu erfüllen habe. Noch heute sind wir Reinhard Gericke dankbar, dass er diese Maxime selbst gelebt hat.

Enrico Troebst

Enrico Troebst, geb. 1956 in Hamburg, lebt seit 1981 in Berlin. Diplom-Soziologe. Nach Tätigkeiten in Sozialforschung, Politikberatung und Vereinsmanagement ab 1992 beim ABI, in der Nachfolge von Reinhard Gericke ABI-Geschäftsführer - 2000-2006.