Briefwechsel mit Christeller

Geschichte: Personen A-K

Briefwechsel mit Christeller

Aus dem Briefwechsel Friedebergs mit Paul Christeller 1895

Berlin, den 14. April 1895

Lieber Raphael!

Herzlichen Glückwunsch zur Approbation! Ich wünsche Dir für Deine Zukunft als niedergelassener Arzt alles Gute.
Ich komme heute mit einem besonderen Anliegen. Du weißt, daß ich seit geraumer Zeit einen Kursus in Erster Hilfe bei Unglücksfällen gebe. Die Arbeit mit diesen einfachen Leuten, die samt und sonders aus dem Proletariat und aus der Handwerkerschaft kommen, macht mir Spaß. Motor der Truppe ist der Zimmermann Gustav Dietrich; er ist Dir aus der Arbeiter-Sanitäts-Commission sicher ein Begriff. Meine Sorge ist, daß wir frisches Blut brauchen. Ich könnte gut einen Kollegen brauchen, der mich bei den Lehrabenden unterstützt. Alfred Bernstein hatte aufgrund einer Idee von Dietrich die Sache in die Tat verwandelt.
 Als Aufgaben der Partei auf ihn zukamen, hat er mir den letzten Schliff gegeben und sich dann vom Kursus verabschiedet. Das war im April 1891, also vor vier Jahren. Hast Du Lust, als Arzt im Samariter-Kursus (so nennen wir uns seit dem 1. April) mitzuwirken? Überlege Dir das bitte. Wenn Du willst, schau doch mal am Montag, dem 29. April, ab1/2 9 Uhr in den Arminhallen, Kommandantenstraße 20 (Höhe Beuthstraße), vorbei. Da beginnt unser Sommer-Lehrgang.
Beste Grüße
Dr. Paul Christeller,
C, Alexanderstraße 1


Herrn Dr. med. Raphael Friedeberg
Berlin S, Brückenstraße 10a                                                                                   

Berlin, 30. April 1895
Lieber Paul,
eigentlich wollte ich mit Dir und den Samaritern nach Schluß Eurer Lehr- und Übungsstunde noch zusammensitzen. Es waren nicht die Termine des nächsten Tages, die mich von dieser Unterhaltung abgehalten haben, sondern die schon beinahe sommerliche Wärme. Ich habe es einfach nicht mehr ausgehalten vor Hitze und Mief in dem ansonsten durchaus sauberen Lokal. So kommt es eben per Post, welche Gedanken mich während meines Einstandes und danach als Dein Adlatus bewegt haben.
Du weißt, daß ich an Sonntagen gerne raus ins Grüne fahre. Das ist ja das Verrückte, das Reizvolle an Berlin, daß diese Millionen-Ansiedlung umgeben ist von vielen Seen, Parks, Wiesen und Wäldern...Als wir nun am Montagabend in dem Backofen von Lokal saßen, hatte ich zwischendurch einen kleinen, wunderschönen Traum; ich sah eine grüne Wiese vor mir. Dabei stellte ich mir vor: inmitten dieser Wiese, umgeben von schattigen Bäumen, betört vom Duft bunter Blumen - sitzen wir im Kreise, unterhalten uns, lachen, essen unsere mitgebrachten Stullen, freuen uns, daß über dem Feuer der Kaffeetopf singt. Wir unterhalten uns über Gott und die Welt, und irgendwann reden wir auch über den Kursus. Zuerst Klatsch und Klagen, dann Fragen: Wieviele Knochen hat eine Hand? Wo ist das Schienbein, wo das Wadenbein? Sitzt der Blinddarm links oder rechts? Wie war das eigentlich mit der Leber? Du sitzt da mittendrin, hörst zu, erklärst zunächst dem einen oder anderen, wo was im menschlichen Körper Sache ist. Schließlich hebe ich die Hand, bitte die schnatternde Schar um Ruhe, gebe die Antworten nicht an einen einzelnen Fragenden weiter, sondern an alle! Und so döste ich weiter, träumte: die Leute bleiben ruhig, quatschen nicht über die neuesten Liebesromane der "Gartenlaube" oder über bewegende Gewerkschaftsdinge. Nein - sie lauschen, den Kopf zur Seite geneigt, stellen fachbezogene Fragen und erhalten von mir Antworten. Und wenn ich sie was frage, überlegen sie erst und versuchen dann, richtig zu antworten.  Ich erwachte aus dieser Döserei, machte weiter im Kursus mit. Irgendwie ging ich dann mit der Idee schwanger: Spielend lernen, nicht montagabends zwischen acht und Mitternacht in der Kneipe, sondern draußen, sonntags, zwischen Mittagbrot und Abendessen! Plätze gibt es dafür genug. Warst Du schon mal im Bürgerpark von Pankow? Oder im Park von Friedrichsfelde? In den Anlagen von Buch oder Niederschönhausen? Oder am Schlachtensee, am Karpfenteich im Treptower Park? Bestimmt. Aber der Arbeiter? Wahrscheinlich nur bedingt. Laß uns deshalb Erste Hilfe leisten, draußen auf der grünen Wiese, unter schattigen Linden eines Gartenlokals! Spiele, lebe, lerne! Ausserdem halten wir uns so einen Abend in der Woche frei. Die Wirte werden zwar mit saurer Miene zur Kenntnis nehmen, daß wir zwischen Mai und August nicht so oft ihre Gäste sein werden - dafür haben sie für andere Gruppen ihre Räume frei. Das wäre meine Vorstellung über künftige Zusammenarbeit.

Laß von Dir hören!
Dein Raphael Friedeberg

 

Der Briefwechsel ist mit freundlicher Genehmigung des Autors Konrad Beck dem Buch "Die Sache des Gustav D." entnommen. Dort finden sich auch weitere Informationen über Raphael Friedebergs Wirken. Bestellungen beim Pharus-Verlag Berlin, Preis 10,00 €. (e-Mail: pharus@pharus-plan.de.)