Flatau, Erich

Geschichte: Personen A-K

Erich Flatau

Erich Theodor Helmuth Flatau wurde am 9. August 1879 im niederschlesischen Görlitz als Sohn des Kaufmanns Max Flatau und seiner Ehefrau Edwina geboren. Die Familie zog bald nach Dresden, wo er die Volksschule besuchte. Anschließend ging er auf die Realschule, zunächst in Dresden-Johannstadt, dann im nahegelegenen Pirna. Im März 1896 verließ er die Städtische Realschule zu Pirna mit dem Zeugnis der Reife.
Erich Flataus Lebensweg in den folgenden Jahren ließ sich nicht genau klären. Nach dem Handbuch des Vereins Arbeiterpresse von 1927 absolvierte er zunächst eine Ausbildung als Handlungsgehilfe und dann ein künstlerisches Studium. Nach Angaben, die seine Frau nach 1945 in verschiedenen Fragebögen machte, ließ er sich an einer Hochschule für dramatische Kunst zum Dramaturgen ausbilden und war danach als Dramaturg, dramaturgischer Sekretär und Verwalter von Theaterbibliotheken tätig. In den Jahren 1900 bis 1912 war Flatau Gewerkschaftssekretär bei der Genossenschaft Deutscher Bühnenangehöriger.
Im Oktober 1908 heiratete Flatau die aus Gleiwitz stammende Margarete Doliwa. Aus der Ehe gingen keine Kinder hervor. 1909 traten beide Ehepartner der SPD bei. Im Jahre 1915 wurde er zum Kriegsdienst eingezogen, jedoch bereits 1917 als dienstunfähig wieder entlassen. Danach arbeitete er als Angestellter bei der Firma Siemens in Berlin. In der Novemberrevolution 1918 gehörte er zu den Initiatoren eines Arbeiterrates bei Siemens und wurde zum Zentralobmann der Angestellten gewählt.
1919 arbeitete Erich Flatau als hauptamtlicher Sekretär beim Zentralverband der Angestellten (ZdA). Am 1. Mai 1920 wurde er Geschäftsführer des Ortskartells Berlin des Allgemeinen freien Angestelltenbundes (AfA-Bund). Diese Stellung hatte er bis 1933 inne. Daneben war er von 1928 bis 1933 auch Geschäftsführer des Bezirkskartells des AfA-Bundes von Berlin-Brandenburg. Flataus Arbeitsplatz befand sich im Gewerkschaftshaus am Engelufer 24-25 in Berlin SO 16. Als Vertreter des AfA-Bundes übte Erich Flatau außerdem folgende Funktionen aus: Er war Mitglied des Vorstands des Ortsausschusses Berlin des Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbundes (ADGB), des erweiterten Vorstands des Bezirksausschusses Berlin des Allgemeinen Deutschen Beamtenbundes (ADB), des Aufsichtsrats des gewerkschaftseigenen Wohnungsbauunternehmens Gehag, des Kuratoriums der Gewerkschaftsschule, der Filmprüfstelle Berlin, der Verwaltung der Berliner Freien Volksbühne und er gehörte verschiedenen Ausschüssen des Landesarbeitsamtes Brandenburg an.
Neben seinem Hauptberuf als GewerkschaftsangestelIter und seinem Engagement in gewerkschaftlichen Funktionen hatte Erich Flatau eine große Anzahl öffentlicher Ämter inne. Im Jahre 1921 wurde er als Bezirksverordneter in die Bezirksversammlung von Berlin-Schöneberg und auch als Stadtverordneter in die Berliner Stadtverordnetenversammlung gewählt. Beide Ämter übte er bis 1933 aus. Von Anfang 1929 an bis zur nationalsozialistischen Machtergreifung war er Vorsitzender der SPD-Fraktion der Berliner Stadtverordnetenversammlung. Als Stadtverordneter gehörte er unter anderem dem Haushaltsausschuss, dem Ältestenausschuss, der Deputation für das Kunst- und Bildungswesen, der Deputation für das Berufs- und Fachschulwesen und der Deputation für die Durchführung des Wohnungsbauprogramms an. Als Stadtverordneter saß Erich Flatau außerdem im Vorstand der Volkshochschule Groß-Berlin, im Aufsichtsrat der Städtischen Oper, als Stellvertreter im Aufsichtsrat des Berliner Philharmonischen Orchesters, im Vorstand des Deutschen Städtetages, und er war Mitglied des Preußischen Staatsrates.
Als am 2. Mai 1933 die Nationalsozialisten überall im Deutschen Reich die Gewerkschaftshäuser überfielen und Gewerkschafter verhafteten und misshandelten, gehörte auch Erich Flatau zum Kreis der Verfolgten. Drei SA-Männer erwarteten ihn an diesem Tag in seiner Wohnung in der Schöneberger Barbarossastraße (23, Gartenhaus, 4. Etage), als er von der Arbeit zurückkehrte. Erich Flatau wurde zunächst in das berüchtigte SA-Gefängnis in der Tempelhofer General-Pape-Straße verschleppt, wo man ihn bis zum 6. Mai 1933 festhielt. Die SA misshandelte Flatau und ließ ihn hungern. Am 6. Mai wurde er dann in das Polizeigefängnis am Alexanderplatz überführt und aus diesem am 18. Mai 1933 nach Hause entlassen.
Im Zuge der Zerschlagung der Gewerkschaften durch die Nationalsozialisten wurde Erich Flatau am 17. Mai 1933 fristlos aus seiner Stellung als Geschäftsführer des AfA-Bundes entlassen. In der Folgezeit gab es mehrere Haussuchungen beim Ehepaar Flatau, wobei unter anderem sein Sparbuch beschlagnahmt wurde. Als Erich Flatau im Juli 1933 eines Nachts im Radio hörte, dass eine neue Verhaftungswelle bevorstehe, entschloss er sich zu fliehen. Noch in der gleichen Nacht brach er, nur einen Rucksack mit den wichtigsten Habseligkeiten bei sich tragend, in Richtung Tschechoslowakei auf. Über das Riesengebirge gelangte er nach Prag, wo er bis zum September 1933 blieb. Seine Frau blieb in Berlin zurück und war nun, da sie über fast keine Barmittel mehr verfügte, gezwungen, die Dreieinhalb-Zimmerwohnung in Schöneberg aufzugeben und einen Teil der Einrichtung zu versteigern. Sie zog um in eine kleinere Wohnung im Stadtteil Tempelhof (Oberlandgarten 7).
Im September 1933 kehrte Erich Flatau aus Sorge um seine Frau nach Berlin zurück. Er war nun mehr als zwei Jahre lang arbeitslos. Erst ab November 1935 bekam er eine Stelle als Lektor bei der Firma Schustermann, einem kleinen Annoncen-Büro. Ende 1937 wurde er beim Reichsinnungsverband des Buchbinderhandwerks angestellt, zunächst als Büroleiter, später als stellvertretender Geschäftsführer.
Zu Beginn des Zweiten Weltkriegs wurde Erich Flatau - wie auch viele andere politische Linke - verhaftet. Am 2. September 1939 holte ihn die Gestapo an seinem Arbeitsplatz ab. Flatau wurde am 5. September 1939 gemeinsam mit etwa 40 weiteren Gewerkschafts- und SPD-Funktionären in das Konzentrationslager Sachsenhausen gebracht. Zu dieser Zeit war er 60 Jahre alt. Dennoch wurde er gleich bei der Ankunft in Sachsenhausen von einem SS-Mann geschlagen, wie verschiedene Aussagen von Mithäftlingen belegen. Als der gemeinsam mit Flatau ins KZ eingelieferte Gewerkschafter Lothar Erdmann sich spontan über die Misshandlung Flataus empörte und auf dessen Alter hinwies, wurde er selbst zur Zielscheibe der sadistischen Attacken der SS-Männer, die ihn in den folgenden Wochen auf grausame Weise zu Tode quälten. Erich Flatau bekam in Sachsenhausen die Häftlingsnummer 1695 und wurde in Block 37 im so genannten Kleinen Lager untergebracht. Am 24. September 1939 wurde er aus dem Konzentrationslager nach Hause entlassen, mit der Auflage, sich sofort bei der Stapo-Leitstelle Berlin zu melden.
Erich Flatau konnte nun seine frühere Stellung beim Reichsinnungsverband des Buchbinderhandwerks wieder antreten und blieb dort bis zu seiner neuerlichen Verhaftung im August 1944. Die ganze NS-Zeit hindurch hielt er Kontakt zu freigewerkschaftlichen Gruppen, die sich illegal trafen. Der Gewerkschafter Bernhard Göring, der nach dem Gewerkschaftshistoriker Beier zum illegalen Führungskreis der Gewerkschaften gehörte, bescheinigte Erich Flatau im Oktober 1945 unter anderem Folgendes: "Koll. Erich Flatau [ ] hat sich [ ] sofort der illegalen Arbeit unserer Angestelltengruppen zur Verfügung gestellt. In den ersten Jahren gehörte Koll. Flatau der Aktivgruppe im Bezirk Neukölln an. Dabei war ihm die Aufgabe übertragen, sich der durch das Hitler-Regime arbeitslos gewordenen Funktionäre und der Familien der in Haft genommenen anzunehmen. Etwa vom Jahre 1936 an hat Koll. Flatau einer zentralen Aktivgruppe angehört. [ ] Koll. Flatau wurde bei Kriegsausbruch erneut verhaftet und hat nach seiner Entlassung, trotz eindringlichster Verwarnung von Seiten der Gestapo, die Verbindung zu uns wieder aufgenommen, die aus Gründen der Vorsicht sich auf gelegentliche informatorische Zusammenkünfte beschränkte. Er ist dann wieder in einer unserer Westgruppen (Lankwitz) im engeren Mitarbeiterstab tätig gewesen." (OdF-Akte Erich Flatau, LA Berlin, C Rep. 118-01, 19692, Bl. 6)
Im Zuge der "Aktion Gitter" wurde der mittlerweile 65-jährige Erich Flatau Anfang August 1944 erneut von der Gestapo festgenommen und in das KZ Sachsenhausen gebracht. Diesmal erhielt er die Häftlingsnummer 91894. Am 8. September 1944 wurde er nach Hause entlassen, wieder mit der Auflage, sich sofort bei der Stapo-Leitstelle Berlin zu melden. Diese zweite KZ-Haft setzte Erich Flatau nach dem Bericht seiner Frau besonders schwer zu. Sie schrieb darüber 1952 unter anderem: "Als er nach Hause kam, waren an einem Fuß die Zehen blutunterlaufen, so dass an einigen Zehen nach und nach die Nägel abgingen. Ebenso waren an den Schienenbeinen und am Körper blaue und grüne Flecken. An einem Knie war außenseitlich eine faustgroße weiche Geschwulst, die nie mehr wegging [ ]. Seitdem war mein Mann etwas gehbehindert, so dass er an einem Stock gehen musste. Sein Gesundheitszustand war sehr schlecht; er klagte über Herzschmerzen. Auch äußerte er Selbstmordabsichten." (Schreiben Margarete Flataus an das Entschädigungsamt Berlin vom 27.10.1952, Landesverwaltungsamt Berlin, Entschädigungsamt, Akte 927, Bl. A 25-A 27)
Trotz seines angeschlagenen Gesundheitszustandes beteiligte sich Erich Flatau, der nach Kriegsende im Bezirksamt Tempelhof eine Stelle als Abteilungsleiter für das Büchereiwesen bekam, mit Enthusiasmus am demokratischen Neuaufbau. Ende Juni 1945 traten er und seine Frau wieder der SPD bei, und Ende Oktober 1945 hatte er bereits wieder folgende gewerkschaftliche Funktionen inne: Mitglied im Bezirksausschuss Tempelhof des Freien Deutschen Gewerkschaftsbundes (FDGB), Erster Vorsitzender im Bezirksvorstand Tempelhof des Verbandes der kaufmännischen, Büro- und Verwaltungsangestellten, Erster Vorsitzender des Betriebsvorstandes dieses Verbandes im Bezirksamt Tempelhof, Erster Vorsitzender des Ausschusses der gewerkschaftlichen Vertrauensleute im Bezirksamt Tempelhof. Im Januar 1946 war Erich Flatau bereits Vorsitzender der Bezirksverbandsleitung Tempelhof des FDGB.
Jedoch war ihm nach dem Ende der NS-Zeit nur noch eine kurze Lebenszeit vergönnt. Am 28. Januar 1946 kam er schwerkrank in das Tempelhofer Krankenhaus und wurde dort an einem Tumor operiert. Diese Operation überlebte er aufgrund seiner während der NS-Verfolgung entstandenen Herzkrankheit nicht. Am 4. Februar 1946 verstarb Erich Flatau 67-jährig im Krankenhaus in Berlin-Tempelhof.
Ingrid Fricke

 

Hinweis zur Regieassistenz von Erich Flatau

Aus der Bibliothek von Erich Flatau stammen zwei schmale Bände in Privatbesitz, die auf den ersten Seiten mit Bleistift mit seinem Namen gekennzeichnet sind. Es handelt sich um
1. Frank Wedekind, Die Büchse der Pandora, zweite Auflage, Verlag von Bruno Cassirer in Berlin, ohne Erscheinungsdatum mit Signatur " Erich Flatau".
2. Arthur Schnitzler, Liebelei, Schauspiel in drei Akten, Dritte Auflage, Berlin, S. Fischer Verlag, 1899 mit Signatur "Flatau"
Beiden Büchern ist gemeinsam, dass in der linken oberen Ecke der Innenseite des Umschlags ein Blanko-Etikett eingeklebt ist mit blau-gemusterten Umrandung. 
Vor allem das letztere Buch ist deshalb so interessant, weil handschriftlich auf dem inneren ersten Blatt - in Sütterlin geschrieben - die Requisiten für die drei Akte genauestens angegeben sind. Des weiteren sind bei dem Verzeichnis der handelnden Personen die Darstellerinnen und Darsteller aufgeführt. Wobei der Name Flatau als Hauptdarsteller ausgestrichen und durch Nowack ersetzt ist. Als Regisseur der damaligen Aufführung wird Dr. L'Arrange und als Datum Oktober 02 angegeben. Dabei handelte es sich offenbar um eine Aufführung im Berliner Lessingtheater. Hans L'Arrange war 1902 dort Regisseur. Auf der Seite mit dem Beginn des 1. Aktes und entsprechend des 2. Aktes ist jeweils eine Skizze der Szene mit den eingezeichneten Requisiten vorhanden. Im Text sind zahlreiche Regieanweisungen eingetragen, eindeutig mit Flataus Handschrift.
(2014)