Fischer, Wolfgang

Geschichte: Personen A-K

Wolfgang Fischer

geboren 14. August 1928
gestorben 19. Oktober 2004

Sein Herz schlug links

Nach seinem Wiedereintritt in die SPD 1975 – also vor fast 30 Jahren - schrieb Wolfgang Fischer in seiner schriftlichen Kandidatenvorstellung „Wolfgang Fischer; 47 Jahre; - ja: es ist fast dreißig Jahre her -verheiratet; ein Kind; kaufmännischer Angestellter bei der British Airways; Schulausbildung an der 1. Volksschule Steglitz (35-39) und der Paulsenoberschule (39-46); während dieser Zeit 1944: Flak, 1945: Arbeitsdienst und kurz vor Kriegsende Fronteinsatz; nach dem Krieg verschiedene berufliche Tätigkeiten: Lehre als Portraitfotograf, dann: Notstandsarbeiter (Bau), Arbeiter bei Siemens und als Strumpfwirker sowie im Druckereigewerbe, Flugzeugmechaniker bei der PanAm und Techniker bei der BA; Mitglied der SPD von 1952-54 und wieder seit 1975; Mitglied der Gewerkschaft ÖTV.“

Ein damals wie heute eindrucksvoller Lebenslauf. Wer ihn kennt, der versteht vieles besser: Wolfgang wurde entscheidend geprägt durch das Ende des deutschen Faschismus und seines mörderischen Kriegs.

Und Wolfgang ließ uns Jüngere an seinen Erlebnissen und Erfahrungen teilhaben. Dabei verschwieg er nicht, dass er kein geborener, sondern ein gelernter Antifaschist war. Ja, er war sogar in der Marine-HJ gewesen, und es hatte ihm dort gefallen.

Aber dann kamen Flak und Fronteinsatz. Da erlebte er es selbst und erfuhr es von anderen: die Gräuel des Kriegs, die Verbrechen der Nazis, die Verantwortung der Großwirtschaft und die Schuld der Mitläufer. Das ließ ihn nie mehr los. Er sah die Todesmarschierer aus Sachsenhausen und Ravensbrück – und konnte sie nie vergessen.

In seiner Haltung gegen Krieg und Militarismus blieb Wolfgang zeit seines Lebens fest, unbeirrbar und streitbar – gelegentlich auch gegen die Mehrheitsmeinung seiner Partei , als Gegner des Vietnam-Kriegs, des Kriegs gegen Jugoslawien und in Afghanistan.

Ebenso prinzipiell war Wolfgangs Antifaschismus. Auch da gab es für ihn in der Sache keine Kompromisse. Mit jungen Menschen aber, die dabei waren, sich zu verirren, konnte er einfühlsam und freundlich argumentieren. Wann immer er eine Chance dazu sah, ging es ihm darum, aufzuklären und zu überzeugen. Unbelehrbare Nazis dagegen stießen bei ihm auf harte Ablehnung, ja auf Verachtung

Wolfgangs notgedrungen abwechslungsreicher beruflicher Weg hat etwas Besonderes: Das war keine glatte Beamtenlaufbahn oder sonst gesicherte Karriere. Durchgängig war der Wille, Neues anzufangen und sich weiter zu qualifizieren. Sein phänomenales Sprachentalent war dabei sein ganz besonderes Pfund.

Wolfgang war 1975 Mitglied in der Gewerkschaft ötv. Aber schon vorher war er jederzeit in der für seine konkrete Arbeitsstelle zuständigen Gewerkschaft. Und er war immer aktiv, für gewerkschaftliche Ziele und für die Anliegen seiner Kolleginnen und Kollegen. Dazu zwei Beispiele:

Bei der PanAm gelang es ihm in kürzester Zeit, viele Kollegen für die Gewerkschaft zu werben. Das blieb höheren Orts nicht verborgen. Die Einladung zu einer Festivität im Golfclub Wannsee war die Folge. Ein Chef aus den USA war angereist. Wolfgang wurde eine schöne Karriere in Aussicht gestellt, wenn er nur sein gewerkschaftliches Engagement aufgebe. Auch Eva wurde so während eines Tanzes angesprochen. Wie so häufig waren beide derselben Meinung dazu.
Jedenfalls arbeitete Wolfgang dann vorübergehend bei Capitol Airlines und später bis zum Vorruhestand bei Britisch Airways.

Auch dort war Wolfgang aktiv und Mitglied des Betriebsrats. Als dessen Rechte unter Verweis auf alliiertes Besatzungsrecht eingeschränkt werden sollten, setzte sich der Betriebsrat, Wolfgang voran, erfolgreich vor dem Arbeitsgericht zur Wehr.

Eine Aktivität aus der Zeit unmittelbar nach Kriegsende hatte uns Wolfgang seinerzeit unterschlagen. Er war damals gelegentlich auf dem Schwarzmarkt anzutreffen. Eines Tages - es war der 26. Mai 1946 - hatte er sich, trotz Hausarrests, dorthin begeben - weil er Zigaretten brauchte. Auf dem Rückweg traf er – und das mitten auf dem Kurfürstendamm – eine junge Frau.

Und jetzt wird sich keiner wundern: Das war Eva. Es war Liebe auf den ersten - und nicht nur auf den ersten Blick. Als sich dann 1948, um die Familie komplett zu machen, Michael frühzeitig ankündigte, war das nicht ohne Komplikationen. Volljährig wurden Menschen damals erst mit 21. Eva erhielt die erforderliche elterliche Zustimmung zur Eheschließung, Wolfgang nicht. Eine Ehemündigkeitserklärung wurde beantragt, traf aber erst nach der Geburt ein. Und wurde postwendend zurückgeschickt. Nun konnte auch noch der 14. August 1949 abgewartet werden, Wolfgangs 21. Geburtstag.

Zurück ins Jahr 1976. Wolfgang wurde SPD-Funktionär: erst Beisitzer und Kassierer, später Kreisdelegierter, auch Abteilungsvorsitzender und Landesparteitagsdelegierter. Eva trat in die Partei ein. Und wir lernten, dass es emanzipierte Beziehungen schon weit vor der Studentenbewegung gegeben hatte.

Es entwickelte sich eine intensive politische Zusammenarbeit. Nicht nur in Abteilung, Kreis und Land. Fischers fuhren zu Juso-Kongressen, zu Tagungen der Zeitschrift spw, zur großen Friedensdemonstration in Bonn 1981. Er verband konsequent die Parteiarbeit mit der außerparlamentarischen Arbeit.

Wolfgang Fischer war für viele wichtig; er war jemand, der immer knackig kommentierte und auch zurecht kritisierte. Daraus ergab sich für Wolfgang eine enge Zusammenarbeit in der Parteilinken und im Marxistischen Arbeitskreis ergeben. Aber auch darüber hinaus hatte er guten Kontakt zu anderen Menschen, in der Partei. Wolfgang war ehrlich und zuverlässig, berechenbar.

Taktik war nicht immer seine Stärke, Wolfgang hielt die Linie und die Position. Opportunismus und Anpassung waren ihm immer ein Gräuel. Eva und Wolfgang waren immer dabei. Er war verlässlich, er war nachhaltig. Daraus hat sich eine intensive politische und persönliche Verbundenheit und Freundschaft ergeben. Froh waren wir mit Evas Unterstützung gegen seinen anfänglichen Willen seinen 75. Geburtstag im engsten Freundeskreis zu feiern.

Eva und Wolfgang waren immer dabei:
O Bei Aktivitäten der Parteilinken
O im Engagement gegen Berufsverboten
O bei den Sommerfesten
O gegen den Parteiausschluss von Klaus-Uwe Benneter
O für den Erhalt gewerkschaftlicher Rechte
O Gegen den Faschismus
O Bei den Herbstfahrten
O gegen den Krieg z.B. gegen den NATO-Raketenbeschluss, gegen den Krieg im Irak und in Afghanistan, auch wenn das rot-grüne Regierung seiner Meinung nach völkerrechtswidrig betrieb
O wenn es galt, Mehrheiten gegen die CDU zu schmieden

Wolfgang und Eva waren Verbindungsglied beim schweren Zusammenwachsen der Parteilinken in Steglitz und Zehlendorf. Eva und Wolfgang waren immer dabei. Als es nicht mehr ging, trafen wir uns nach der Demonstration auf der Kundgebung. Im Geiste war er immer dabei.

Wolfgang hatte keine Berührungsängste, es gab eine gute Zusammenarbeit neben der SPD – egal ob in der Friedensbewegung der 80er mit anderen, auch mit Kommunisten. Nach 1989 förderte er das Zugehen auf die PDS und andere Ostlinke, z. B. mit der Hellen Panke. Früh führten wir Veranstaltungen mit Gregor Gysi, Hans Modrow u.a. – als rot-rot noch verfemt war. Wolfgang sah in vielen Ossis echte Sozialdemokraten.

Wir haben sehr viel gelernt in diesen Tagen. Bei den Herbstreisen in viele europäische Hauptstädte : als Dolmetscher in London, unsere Gespräche mit den Spitzen der tschechischen Gewerkschaften in Prag, in Paris bei den Eurolinken. Wenn andere dem Tourismus nachgingen, Wolfgang war immer dabei.

Als er nicht mehr richtig konnte, war er immer noch dabei. Z.B. motivierte er die AG 60plus im Land und in Steglitz-Zehlendorf und hinterlässt ein gewaltiges Loch. Wolfgang war immer herzlich und rau. Das gab ihm eine gute Resonanz bei Kindern und Jugendlichen. Erinnert sei an seine Solidarität mit den britischen Bergarbeiterkindern , die er in Berlin betreute, sowie seine Solidaritätsfahrt mit dem LKW in die sich auflösende Sowjetunion.

Sein Herz schlug links – kein Verständnis hatte Wolfgang für den Neoliberalismus in seinen verschiedensten Schattierungen. Oskar Lafontaine war ihm sympathisch, er sah in ihm aber keine Alternative, obwohl Oskar in vielem recht hatte/hat.

Neoliberalismus jedweder Schattierung hasste er, den Abweichlern in der Bundestagsfraktion gehörte sein Herz. Sie stützte und förderte er, wo er es nur konnte. Das Senken des Spitzensteuersatzes bei gleichzeitigem Sozialabbau zulasten der Armen verletzte ihn.

Angebliche Ausweglosigkeit hat ihn nicht überzeugt. Otto Schilys Ausländerpolitik und der Weg in den Überwachungsstaat ärgerte ihn massiv. Auch wenn Hartz IV und Alg II für einige wenige Verbesserungen brachte, was er sah, verabscheute er politisch diesen Sozialabbau und sah elementare Mängel und den Abbau sozialer Errungenschaften durch rot-grün, dessen was die Arbeiterbewegung einst erkämpft hat.

Burkhard Zimmermann