Erinnerung an SPD-Wiedergründung und Zwangsvereinigung

Geschichte: Personen A-K

Erinnerung an SPD-Wiedergründung und Zwangsvereinigung

Der Nahverkehr funktionierte kaum, die Hunderte ehemaliger SPD-Funktionäre und -Mitglieder, die sich am 17. Juni 1945 im „Deutschen Hof“ in der Kreuzberger Luckauer Straße versammelten, hatten meist kilometerlange Fußmärsche hinter sich. Kurt Exner kam vom Prenzlauer Berg, „vorbei an einer Trümmerlandschaft“.


Am 15. Juni schon hatte der Zentralausschuss der SPD alle „Freunde, Genossen in Stadt und Land„ aufgerufen, „mit der alten Hingabe und neuem Mut sofort mit dem Ausbau der Organisation zu beginnen“. „Im ‚Deutschen Hof’, einem alten Tanzlokal, waren alle versammelt: ehemalige Reichstagsabgeordnete genauso wie einfache Mitglieder“, erinnert sich Kurt Exner. „Der ganze Tenor der Versammlung war, dass man es nicht wieder zu getrennten Arbeiterparteien kommen lassen wollte.“ Die KPD allerdings, gerade sechs Tage vorher wiedergegründet, wollte sich zu diesem Zeitpunkt eher auf die eigene Stärke verlassen.
Auf dem Heimweg begleitet Kurt Exner einen alten Bekannten, den letzten Neuköllner SPD-Kreisvorsitzenden vor 33, Hermann Harnisch, der sich für die von Otto Grotewohl propagierte enge Zusammenarbeit mit den Kommunisten ausspricht. „Wir sind schnell ins Streiten gekommen“, erinnert sich Exner. „Du hast aus der Vergangenheit nichts gelernt, hat Harnisch mir vorgeworfen. Ich sagte, ich will nicht in einer Partei sein, deren Ideen in Moskau entwickelt werden.“
Kurt Exner wurde am 25. Mai 1901 in Kreuzberg geboren. Der Vater ist Holzarbeiter, gewerkschaftlich organisiert. Regelmäßig am 1.Mai wird er ausgesperrt. Kurt Exner macht eine Ausbildung als Handlungsgehilfe, tritt in die Gewerkschaft ein, mit 18 Jahren wird er SPD-Mitglied. Er arbeitet beim „Zentralverband der Angestellten“, später beim Gewerkschaftsbund ADGB. Von 1927 bis 1933 leitet er die zweitgrößte Berliner SPD-Abteilung, die 92. Abteilung in Neukölln, die Ende 32 noch 1400 Mitglieder hat und 120 bis 150 ständige Funktionäre.
Von 1933 bis 1935 arbeitet Kurt Exner – gemeinsam mit wenigen anderen Sozialdemokraten - für die Wochenzeitung „Blick in die Zeit“, ein Blatt, das mit Presseausschnitten auch ausländischer Zeitungen noch ein Stück Meinungsvielfalt erhalten konnte. Nach deren Verbot arbeitete er als Prokurist für eine elektrotechnische Firma. Die letzten Monate vor dem Einmarsch der sowjetischen Truppen bleibt er im Untergrund, um nicht zum Volkssturm eingezogen zu werden.
„Der erste Genosse, den ich nach dem Einmarsch der sowjetischen Truppen sprach, war Theodor Leipart, vor 33 Vorsitzender des ADGB. Bei ihm in Zehlendorf kam ich für eine Nacht unter. Auch in unseren Gesprächen ging es schon um die Vereinigung der Kommunisten. Es war ja auch verständlich bei denen, die mit Kommunisten im KZ gesessen hatten und dort Zusammenarbeit geschworen hatten.“

Frau und Kinder sind noch in Thüringen, er selbst versucht, zu ihnen zu kommen, muss an der Elbe aber umkehren. Schließlich kehrt er in die Wohnung am Prenzlauer Berg zurück. „Von den Russen waren Hausobleute eingesetzt worden. In meiner Straße war es ein Sozialdemokrat. Ende Mai hatten wir zehn, zwölf ehemalige Sozialdemokraten rings um den Wasserturm ausfindig gemacht. Anfang Juni gründeten wir die alte SPD-Abeilung wieder.“ Kurt Exners Parteibuch weist den 15. Juni 45 als Eintrittsdatum aus, eine wohl eher willkürliche Festlegung.
Während im Zentralausschuss von Grotewohl und anderen die Vereinigung mit der KPD verfolgt wird, lädt Exner in seine Abteilung auch Gegner des Zusammenschlusses, wie Scharnowski, ein. „In den Versammlungen“, erinnert sich Kurt Exner, „saßen meist polnische Dolmetscherinnen aus einem verständlichen Hass auf alles Deutsche noch verschärft.“ Kurt Exner löst Werner Rüdiger als Kreisvorsitzenden im Prenzlauer Berg ab. Am 31. März 1946 findet in den Westsektoren die Urabstimmung der Sozialdemokraten über die Vereinigung mit der KPD statt, in den Ostsektoren wird sie untersagt. Dennoch arbeitet die SPD hier weiter, stellt nach der Wahl vom Dezember 1946 in allen Bezirken den Bürgermeister.

Am Prenzlauer Berg ist es Ella Kay . Sie wird – wie die anderen SPD-Bürgermeister – von den Sowjets abgesetzt. Ihr Nachfolger und letzter sozialdemokratischer Bürgermeister in den Ostsektoren wird bis zum November 48 Kurt Exner, zuvor Preiskommissar in der sowjetischen Besatzungszone. Im Januar 49 von den Neuköllner Sozialdemokraten und den Bezirksverordneten schon zum neuen Bezirksbürgermeister gewählt, zieht er im März 49 unter dem Druck der Sowjets in den Westteil der Stadt.
Ulrich Horb

aus: Berliner Stimme, Juni 1985