Helmut Schmidt: Nachruf auf Fritz Erler

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Helmut Schmidt: Nachruf auf Fritz Erler

Seit der Bildung der Großen Koalition im Dezember 1966 hat der Verfasser anstelle seines schwererkrankten Freundes und Vorbildes Fritz Erler im Vorsitz der Sozialdemokratischen Bundestagsfraktion amtiert. Daher oblag es ihm, für die Fraktion in der Trauerfeier des Deutschen Bundestages am 24. Februar 1967 den Nachruf auf Fritz Erler zu halten; außerdem sprach im Namen des Parlaments dessen Präsident D. Eugen Gerstenmaier.

Verehrte liebe Frau Erler, liebe Kinder!
Herr Bundespräsident,
meine Damen und Herren!

Was einem freien politischen Gemeinwesen nottut, das hat Fritz Erler in seinem letzten Buch mit ganz einfachen Worten umrissen: "Die Demokratie braucht Demokraten: Bürger, die sich um das öffentliche Wohl sorgen, denen Leben und Zukunft der Gemeinschaft am Herzen liegen."
Zwanzig Jahre früher hatte er über die unpolitischen Menschen geschrieben: "Es sind diejenigen, welche nicht kalt und nicht warm sind, die der Herr ausspeit aus seinem Munde . . ." Der unermüdliche Versuch, den aus dieser Einsicht erwachsenden Aufgaben und Pflichten gerecht zu werden, bestimmte sein Leben.
Als Fritz Erler zum erstenmal vor einem Rednerpult stand - ein junger Abiturient, den man zur Abschlußansprache seiner Schulklasse bestimmt hatte -, lautete sein selbstgewähltes Thema: "Bürger und Gemeinschaft". Und als wir ihn zum letztenmal vor unserem Parteitagsforum hörten, in Dortmund im Juni vergangenen Jahres, sprach er über "Parteien, Parlament und Regierung in der pluralistischen Gesellschaft". So hat sich der Kreis geschlossen, der ein zu kurzes Leben um-faßt. Wer dem Berliner Arbeiterviertel "Prenzlauer Berg" ent- stammte und in der Weimarer Epoche dort aufwuchs, der konnte nicht abseits vom politischen Leben bleiben. In Fritz Erlers Kindheit lebten die Eltern in dem Bewußtsein, Bürger minderer Klasse zu sein. In seiner Jugend sah er den tragisch verlaufenen Versuch der Deutschen, eine Demokratie der Freien und Gleichen zu werden. Aus der politischen Tradition seines Elternhauses wuchs Fritz Erler schon von früh an in die deutsche Sozialdemokratie hinein. Mit 16 Jahren ist er Mitglied eines sozialdemokratischen Schülerbundes auf dem Prenzlauer Berg -unser Bundestagskollege Kurt Mattick nimmt ihn damals in die Sozialistische Arbeiterjugend auf. Nach seiner Schulzeit arbeitet er gemeinsam mit unseren Kollegen Frau Schanzenbach und Franz Neumann im Jugendamt, aus jener Zeit datiert auch schon die Verbindung zu seiner späteren Ehefrau, Von Anbeginn hat Erler es weder sich selbst noch seiner Partei leicht gemacht. Er ging nicht den bequemen Weg des Anpassens. Er verstand z. B. nicht, daß die SPD im Reichstag die Regierung Brüning zwar tolerierte, aber dennoch Regierungsverantwortung nicht übernehmen wollte. Er war als junger Mann ein Linker und stand in Opposition zur Parteiführung. Er zählte damals wie viele seiner Generation zu denjenigen, die den Kurs der Führung der SPD als zu "gemäßigt" empfanden, und die den Nationalsozialismus härter und schärfer bekämpfen wollten. Aber er verließ die Partei nicht, denn ihm leuchtete früh schon die Erfahrung älterer Sozialdemokraten ein, die da sagten: Innerhalb der SPD sei genügend Raum für Diskussion und Auseinandersetzung und genug Möglichkeit, einen für richtig gehaltenen neuen Weg durchzusetzen. Er ist schon damals ein Anhänger freier Diskussion - 25 Jahre später sagt er: "Jener Satz von Rosa Luxemburg hat uns damals besonders gefesselt: Freiheit ist auch immer die Freiheit des Andersdenkenden." Diese Toleranz, dieser Respekt vor den gewissenhaften Überzeugungen anderer hat ihn sein ganzes Leben ausgezeichnet - nicht nur innerhalb unserer eigenen Partei, sondern durchaus gegenüber jedermann, der eine ehrenhafte Überzeugung vertrat. Im Gegensatz zu manch einem anderen hat er im politischen Gegner nicht den Feind gesehen - er hat dem anderen die Gesinnung oder die Ehrlichkeit oder die Ehre nicht abgesprochen.

Aber der Gewaltherrschaft hat er sich nie gebeugt. In der Niedergangsphase der ersten deutschen Demokratie und zu Beginn der Diktatur finden wir ihn an führender Stelle der Widerstandsgruppe "Neu Beginnen".
Der Name ist ein Programm: Fritz Erler und seine Freunde schauen voraus, 10 oder 12 Jahre, wie sie meinen, in die Zeit nach dem Kriege und nach der Katastrophe, die beide sie schon 1932 unvermeidlich kommen sehen. Sie sind keine Phantasten. Sie glauben nicht, das Gewaltregime aus eigener Kraft stürzen zu können. Ihnen kommt es darauf an, Gedanken und Programme, Menschen und menschliche Verbindungen bereitzuhalten für den Tag, an dem der Aufbau eines demokratischen Deutschland neu begonnen werden würde. Er und seine Freunde riskieren dabei täglich ihr Leben.
So finden wir Erler als Kurier und Verbindungsmann zu den Gruppen derjenigen Genossen, die ins Ausland emigrieren muß-ten. 1937 trifft unser Kollege Schoettle in Paris mit dem "Genossen Grau" zusammen, wie Fritz Erlers Deckname damals lautet. Kurt Mattick, unser bayerischer Landtagskollege v. Knoe-ringen und der jetzige Berliner Professor Richard Loewenthal gehören zur gleichen Organisation. Sie hat nach dem Krieg tatkräftig den Neuaufbau der deutschen Sozialdemokratie mitgetragen.
Davor aber liegt die schlimmste Zeit: Verurteilung zu zehn Jahren Zuchthaus und siebenjährige Haft. Fritz Erlers charakterliche Disziplin und seine Energie befähigen ihn, die seelischen und körperlichen Belastungen durchzustehen und sich die Kraft zu bewahren, sofort nach geglückter Flucht aus einem Gefangenentransport - das KZ Dachau war das Ziel - am Neubeginn in Deutschland mitzuwirken. Lange davor aber kommt es in einer Zelle der Prinz-Albrecht-Straße schon zur ersten Begegnung mit Kurt Schumacher.
Der Landrat in Biberach an der Riß - in einer Zeit der Not und des Elends, da weniger Schreibtischarbeit als vielmehr Tatkraft, Improvisationstalent und Initiative nötig sind - beweist aufs neue seine persönliche Tapferkeit, als es gilt, geflüchtete deutsche Fremdenlegionäre vor der Auslieferung zu bewahren. Die Besatzungsmacht ist es diesmal, die ihn ins Lager sperrt. Nach dem Freispruch des französischen Militärgerichts ist es
schließlich Carlo Schmid, der ihn in die Politik und Verwaltung des Landes Südwürttemberg-Hohenzollern holt. Welch ein Weg, welch ein Kampf, bis schließlich die eigentliche Arbeit und das eigentliche Leben beginnen können! Wir anderen, die wir in jenen Jahren als Soldaten dienten, haben nur von ferne ahnen können - und manche konnten es nicht einmal ahnen! -, was alles solche Deutschen auf sich zu nehmen hatten und welche Wagnisse sie bewußt auf sich nahmen, die früher als wir anderen erkannt hatten, worauf es ankam, wenn das Schicksal der Nation gewendet werden sollte -und die früher als wir anderen daraus Konsequenzen zogen. Dieses Hohe Haus kennt seinen weiteren Lebensweg und seine Lebensleistung. Der Präsident des Deutschen Bundestages hat sie gewürdigt, wir Sozialdemokraten sind ihm dafür dankbar. Er hat aus der Sicht des Hohen Hauses gesprochen und aus der Sicht des ganzen Volkes. Die Zeugnisse der Bestürzung und der Trauer auf der ganzen Welt machen deutlich, daß Fritz Erlers Tod nicht nur für uns Sozialdemokraten - nicht nur für uns Deutsche, sondern für viele anderen draußen auch - ein Verlust ist, den niemand wettmachen kann.
Für Sie, verehrte liebe Frau Erler, und für Ihre Kinder greift dieser Verlust in die Tiefe Ihrer menschlichen Existenz. Ihnen Trost zu geben ist einem Freunde Ihres Mannes, der seinem toten Kameraden und Genossen salutiert, ein wohl unerfüllbares Amt. Im Auftrage von 215 sozialdemokratischen Abgeordneten des Bundestages und von ungezählten Mitgliedern und Funktionären und Freunden der Sozialdemokratie draußen im Lande darf ich Ihnen eines jedoch sagen: Wir wissen, daß Fritz Erlers Lebensleistung nur möglich war, weil Sie zu Hause der Familie vorgestanden und gedient haben, weil Sie dem Fritz - wie Erich Ollenhauer es einmal ausgedrückt hat - ein Heim erhielten, in dem er immer wieder Atem schöpfen, sich ausruhen, sich zu Hause fühlen und wo er neue Gedanken fassen konnte. Wir schulden Ihnen großen Dank. Wir möchten Ihnen das heute sagen dürfen. Ich weiß, daß Trost nur bei Gott ist. Aber, bitte, nehmen Sie unseren Dank an.
Fritz Erler hat unserer Fraktion seit Beginn des Bundestages angehört, seit 1949. Aus jenem Jahr datieren die Freundschaft mit Willy Brandt und mit vielen anderen von uns, für die ich hier spreche. Seit damals haben uns seine Fähigkeiten fasziniert und beeinflußt und geführt, die er aus eigener Kraft und Arbeit an sich selbst entwickelt hat.
In den 5oer Jahren stand er in unserer Fraktion - gemeinsam mit Herbert Wehner - in vorderster Front derjenigen, die eine Erneuerung und Reform der Sozialdemokratischen Partei und ihrer Programmatik betrieben. Der Weg von der Klassenpartei zu einer Partei für die Überwindung von Klassen, für eine Gesellschaft ohne Vorrechte und Privilegien ist nicht von Fritz Erler allein gewiesen worden; aber wir Sozialdemokraten hätten ohne Fritz Erler diesen Weg nicht beschreiten können. In seinen Reden auf jenem historischen Parteitag von 1959 in Bad Godesberg klingt das Grundmotiv seines Lebensweges, das Motiv vom Bürger und der Gemeinschaft, von Regierenden und Regierten, wieder an.
Unsere Fraktion und Partei hat diesem Manne keinen leichten Weg bereitet: Ich erinnere mich sehr gut, wie er noch 1954 auf dem Berliner Parteitag bei den Vorstandswahlen nicht gewählt wurde. Er war eben nie bequem mit seinem rasch vorwärts-drängenden politischen Urteil.
Fritz Erler war zu jener Zeit von uns und von seinem eigenen Scharfsinn für politische Notwendigkeit auf das schwierigste Gebiet verwiesen, das es damals zu bearbeiten gab: das Feld der Wehrpolitik und des Verhältnisses der Sozialdemokratie zur neu geschaffenen Bundeswehr. In einer Zeit, in der die SPD in diesem Hause nicht einmal die verfassungsrechtliche Sperrminorität besaß, trug er entscheidend zu jener Grundgesetzänderung bei, die das Leitbild des Bürgers in Uniform überhaupt erst ermöglichte.
In den letzten zehn Jahren hat sich das Schwergewicht der politischen Arbeit Fritz Erlers immer mehr auf das Feld der Außenpolitik verschoben. Er hätte schon zu Beginn der Bundesrepublik ein guter Innenminister sein können; er wäre später ein hervorragender Verteidigungsminister gewesen; er war in seinen letzten Jahren prädestiniert für die noch schwierigere Außenpolitik. Und viele von uns wußten sehr genau, daß er alle Fähigkeiten zum höchsten Amte besaß: Leidenschaft, Verantwortungsbewußtsein und Augenmaß im höchsten Grade - und im inneren Gleichgewicht zueinander.

Im Jahre seiner schweren Krankheit konnte er nur aus der Ferne miterleben, was ihm Erfüllung lebenslanger Arbeit bedeutete. Mit Leidenschaft hatte er sich zwei Jahrzehnte lang gegen alle Versuche gewandt, die deutsche Sozialdemokratie an den Rand des Staates zu drängen. Nun, da sie als Regierungspartei verantwortlich das Schicksal Deutschlands mitgestaltet, hat er selbst keinen Teil mehr daran.
Das Parlament und die Öffentlichkeit haben Erler als einen glänzenden Parlamentarier erlebt, als einen staatsmännischen politischen Führer und als einen ritterlichen Gegner. Wir, seine Fraktionsgenossen, haben ihn auch in mancher inneren Auseinandersetzung gekannt und geliebt. Auch innerhalb einer Fraktion wird gekämpft und gestritten. Aber auch hier hat Fritz Erler die Grenzen zwischen Leidenschaft und Demagogie nie verletzt. Was er sagte, war oft scharf und deutlich, oft witzig oder ironisch - aber es war stets sorgsam auf seinen Gehalt geprüft, und es war nie verletzend.
Fritz Erler war für uns ein demokratischer Führer, der seinen eigenen Leitspruch stets befolgte: "Democracy is government by discussion."
Von dem Vorsitzenden der Sozialdemokratischen Bundestagsfraktion gingen Führungswille und Führungskraft aus, die in gleichem Maße von der Klarheit der Zielsetzung und der Überzeugungskraft des Arguments ausgezeichnet waren. Er hatte in seiner Jugend noch Rudolf Breitscheid und Otto Wels gekannt. Für uns Sozialdemokraten gehört Fritz Erler zu jenem Span-nungsbogen großer sozialdemokratischer Parlamentarier, der von Bebel über Breitscheid zu Wels, von Schumacher über Ollenhauer bis zu ihm selbst führt.
Er bleibt uns ein Vorbild - so wie er uns jüngeren Kollegen schon ein Vorbild war, noch ehe wir ihn persönlich näher kannten. Er hatte Autorität über uns, "auctoritas" im ursprünglichen Wortsinn.
In seinem ganzen Leben war es sein Amt, ein Bürger zu sein, der sich um seine "res publica" kümmert. Wohl ist ihm das hohe Staatsamt als Krönung seines politischen Lebens erschienen, aber die Kollegen des Deutschen Bundestages wissen es: Er bezeugte in seiner Person, daß protokollarische Einordnung in die staatliche Hierarchie das Öffentliche Amt eines Mannes nicht ausmacht. Fritz Erlers Amt war ihm nicht vom Staate, sondern von seiner Partei gegeben - er übte es gleichwohl, Kraft eigener Autorität, als ein ganz hohes öffentliches Amt aus, im Dienste an unserem Volk. Er hat uns einen Maßstab und ein Vorbild gesetzt - für den Beruf des Politikers und für die Berufung zur Politik.
Wir verneigen uns in Dankbarkeit.
Wir sind tief getroffen von seinem Tode.
Und wir sind doch zugleich sehr stolz auf unseren tapferen Freund.

Quelle: Helmut Schmidt - Beiträge, Stuttgart 1967
Recherche: Konrad Beck April 2004