Ephraim, Hilde

Geschichte: Personen A-K

Hilde Ephraim

Porträt Hilde Ephraim

Hilde Ephraim. Foto: Gedenkstätte Deutscher Widerstand

 

(1905-1940)

Am 1. April 2005 jährte sich der 100. Geburtstag einer Antifaschistin, deren Schicksal allgemein eher unbekannt ist: Hilde Ephraim, geboren 1905 in Charlottenburg.
Tätig als Fürsorgerin – im heutigen Sprachgebrauch: Sozialarbeiterin – und engagierte Anhängerin der politischen Linken der Weimarer Republik, stieß sie 1931 zur Sozialistischen Arbeiterpartei Deutschlands (SAPD), einer kleinen Abspaltung oppositioneller Sozialdemokraten, die mit dem Kompromisskurs ihrer Partei gegenüber dem bürgerlichen Lager unzufrieden waren. Diese Kritiker hatten vor allem die Einhaltung des Wahlversprechens (1928) „Kinderspeisung statt Panzerkreuzer“ verlangt. Der Streit geriet zu einem innerparteilichen Sprengsatz und trieb vor allem zahlreiche Funktionäre der Arbeiterjugend aus der SPD. In Berlin – um ihre Sprecher Edith Baumann und Willi Kressmann – waren es einige Hundert. Doch die große Abspaltung blieb aus.

In der Stadt Brandenburg soll es dagegen zu einem wahren Aderlass gekommen sein. Zu den aktiven Kräften dort zählte Hilde Ephraim, die im lokalen Parteivorstand für die Bildungsarbeit verantwortlich war. 1933 aus politischen und „rassischen“ Gründen aus dem Staatsdienst geworfen, siedelte sie nach Berlin über und schloss sich dem Untergrundkampf der SAP an. Die hatte um die Jahreswende 1933/34 viele Aktive in der Hauptstadt durch Verhaftungen verloren. (Besonders mehrere junge Frauen erlitten entsetzliche Verhörqualen durch die SA.)

Hilde Ephraim rückte in der illegalen SAP schnell in eine wichtige Vertrauensstellung auf. An der Seite des Reichsinlandsleiters Herbert Heerklotz (1911-1999) wirkte sie u.a. als Verantwortliche für die „Rote Hilfe“ und war bemüht, das bittere Los von Familien Verhafteter, denen der Staat die Unterstützung verweigerte, etwas zu lindern In dieser Funktion konnte die Sozialistin, von der Statur her eine kleine zarte Frau, ihre große Menschlichkeit und Anteilnahme entfalten.

Im Juli 1936 verhaftet, verurteilte sie der Volksgerichtshof am 25. Juni 1937 zu vier Jahren Zuchthaus, die sie in Lübeck und Amberg (Bayern) verbüßte. Im Juni 1940 sollte sie entlassen werden.

Wie mir ihre Freundin Elise Tilse (1915-2005) berichtete, litt Hilde Ephraim unter der Haft und den allgemeinen politischen Verhältnissen eines scheinbar unerschütterlichen Hitlerregimes.
Schließlich in geistige Umnachtung gefallen, zog sich die Schlinge des SS-Staates immer enger um die Wehrlose. Als Elise Tilse sie letztmalig im August 1940 in einer Anstalt bei München besuchte, wurde sie schon nicht mehr erkannt. Obwohl aufgrund von Nahrungsaufnahmeverweigerung nicht mehr transportfähig, wurde sie - im Rahmen der NS-"Euthanasie"-Aktion T4 - schon im Monat darauf in die  Tötungsanstalt Hartheim verschleppt und kam dort am 20.9.1940 ums Leben.



Im Februar dieses Jahres verstarb ihre Freundin und SAP-Genossin Elise Tilse kurz vor dem 95. Geburtstag. Noch zur Jahreswende hatte sie mir vom Widerstand und Leidensweg der früheren Gefährtin, deren Andenken sie bewahrt wissen wollte, geschrieben. Schade, dass es ihr nicht mehr vergönnt war, diesen Artikel zu lesen.

Hans-Rainer Sandvoß, Historische Kommission der Berliner SPD

 

(letzte Änderung: 22.5.2009)