Erinnerungen an Jürgen Egert

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Erinnerungen an Jürgen Egert


"Ihr habt mir diesen Traum erfüllt"

Erinnerungen von Monika Buttgereit. Als stellvertretende Landesvorsitzende hielt sie am 8. Januar 1993 die Trauerrede für Jürgen Egert.

Heute nehmen wir Abschied von Jürgen Egert. Für jede und jeden von uns hatte er eine eigene Bedeutung. Als Partner, Vater und Großvater, als Freund und Genosse - immer schöpfte er seine Kraft aus der Liebe zu den Menschen.
Die meisten der hier Anwesenden lernten ihn als Gewerkschaftskollegen oder Genossen kennen, vielen wurde er ein Freund. Mehr als zwei Jahrzehnte nahm Jürgen Egert zum Teil prägenden Einfluss auf die Berliner Sozialdemokratie. Er war Landesvorsitzender der Jusos, kam bereits in jungen Jahren in das Abgeordnetenhaus und zog nur wenig später als Berliner Abgeordneter in den Deutschen Bundestag ein. Als Sozial- und Gesundheitspolitiker machte er sich einen Namen und war in der Regierung Helmut Schmidts kurze Zeit parlamentarischer Staatssekretär. Er krönte seine Parlamentskarriere als Vorsitzender des Ausschusses für Arbeit und Sozialordnung.

In seiner Abschiedsrede als Landesvorsitzender vor dem Berliner SPD-Parteitag am 21.11.1986 sagte Jürgen: "Mein Traum war, Landesvorsitzender der Berliner SPD zu werden. Ihr habt mir diesen Traum erfüllt." Diese Sätze sagen viel über den Politiker Jürgen Egert. Er begriff Parteiarbeit und Parteiämter nicht als notwendiges Übel, um zum eigentlich Erstrebten, dem öffentlichen Mandat oder dem Amt in der Regierung zu gelangen. Die Berliner Sozialdemokratie inhaltlich und organisatorisch voranzubringen und zu stärken, das war sein Traum, weil er die Sozialdemokratie als bestimmende gesellschaftliche Reformkraft begriff. Er hat dadurch, dass er Landesvorsitzender wurde, auch für viele von uns einen Traum erfüllt: Den Traum von einer SPD, mit der man sich identifizieren kann, in der streitige Diskussionen möglich und erwünscht sind und in der eine fortschrittliche Politik für die Menschen dieser Stadt formuliert wird. Und dann kamen 512 Tage, in denen zuvorderst Jürgen die Agonie der Ex-Regierungspartei beendete und die SPD erneuerte und damit politikfähig gemacht hat. Er belebte die Beziehung zu den Gewerkschaften neu; er ermöglichte den Dialog zwischen SPD und Friedensbewegung, er begann die Diskussion um die Kampagnefähigkeit der SPD; er legte den Grundstein für die rot-grüne Koalition und vor allem: Er brachte die Gleichstellungspolitik in der SPD ein großes Stück voran.

Wir Frauen hatten in ihm einen vortrefflichen Mitstreiter. Auf einer Funktionärskonferenz Ende der siebziger Jahre zum Thema "Gleichstellung von Frauen" sagte er zu mir -und dies war ein Angebot an alle frauenpolitisch Engagierten: "Gut gebrüllt Löwin! Und nun laß uns zusammen handeln." Das war der Beginn einer politischen, vertrauensvollen Zusammenarbeit, aus der schnell Freundschaft wurde. Jürgen war einer der wenigen Genossen, der die Gleichstellung von Frauen wirklich ernst nahm, ja, er machte sie zu seiner Herzenssache. So war er es, der als Landesvorsitzender die Einrichtung einer Gleichstellungskommission durchsetzte. Ohne Jürgens Engagement in der Frauenpolitik wären manche Diskussionen in diesem SPD-Landesverband wohl anders gelaufen. Die Durchsetzung des Landesparteitagsbeschlusses zur ersatzlosen Streichung des § 218 ebenso wie die statutarische Verankerung der Quotierung verdanken wir nicht zuletzt seinem unermüdlichen Einsatz. Er war ein Vorkämpfer für die Gleichstellungspolitik der Berliner SPD, lange bevor andere aus gewachsener Überzeugung oder auch aus Opportunismus sich dieses Themas annahmen. Wir Frauen konnten immer mit seiner Unterstützung rechnen. Er führte diese Diskussionen nicht nur theoretisch, sondern setzte sie auch in praktische Politik um. So verlor er sein Bundestagsmandat bei der Wahl am 2. Dezember 1990, weil er seinen 7. Listenplatz -einen Männerplatz -einer Frau zur Verfügung stellte und selbst auf den 8. Platz ging. Die Liste kam bis zum Platz 7 zum Zuge.

Ich erinnere mich an viele Gespräche mit Jürgen - ob in der Kneipe oder im Auto vor seiner Haustür. Ich habe in diesen Gesprächen viel gelernt, viele Anregungen bekommen. Jürgen hatte so viele Ideen für politisch sinnvolle Aktionen, Kampagnen und Projekte, daß so mancher Abend lang wurde. Sie alle wären es wert gewesen, realisiert zu werden.

In diesen Gesprächen, liebe Barbara (Stolterfoht, Lebensgefährtin von Jürgen Egert, Anm. der Red.), hat er immer auch von Dir und von der Bedeutung, die Eure Beziehung für ihn hatte, gesprochen. Ihr habt eine ungewöhnliche, durch häufige räumliche Trennung gekennzeichnete Beziehung gehabt. Doch Ihr wart Euch -trotz räumlicher Distanz. immer sehr nah. Eure täglichen Telefonate bedeuteten ihm viel. Und er ließ sich auch aus der wichtigsten Veranstaltung herausholen, wenn Du anriefst. Mochten irgendwelche wichtigen Menschen denken, was sie wollten, Du, seine Liebste, wie er Dich liebevoll nannte -Du gingst vor.

Über Harry Ristock hat Jürgen in seiner Abschiedsrede vor dem Landesparteitag gesagt: "Ich hätte gewünscht, in den Augen so manch jüngerer Genossin und jüngeren Genossen den gleichen Glanz zu entdecken, der Harrys Leidenschaft und Engagement kennzeichnet". Diese Leidenschaft, diesen Glanz in den Augen, den hatte auch Jürgen, wenn er von seinen politischen Vorstellungen sprach. Hätten wir mehr Politikerinnen und Politiker wie ihn in unseren Reihen, ich bin sicher, die Diskussion über Politikverdrossenheit hätte nicht den Stellenwert, den sie heute hat.

Jürgen Egerts Politik und sein Einsatz waren kraftvoll, sie gingen schließlich über seine Kräfte. Wie oft entschuldigte er sich am Ende eines Diskussionsbeitrags, wenn sein Engagement wieder einmal auch seine Lautstärke bestimmte.
Es fällt nicht schwer, uns vorzustellen, mit welcher Ausdruckskraft, welcher Bissigkeit, welcher Scharfzüngigkeit er den derzeitigen Anschlag auf die sozialen Fundamente unserer Gesellschaft bewertet hätte. Sozialpolitik war für ihn nicht nur die Gesetzgebung. Viel Kraft hat ihn sein Kümmern um die vielen Anliegen gekostet, die Bürgerinnen und Bürger an ihren Abgeordneten herangetragen haben.
Obgleich er wusste, dass zur Gestaltung In der Politik in der Regel die Regierungsmacht gehört, wollte er sie weder persönlich noch für die Partei um jeden Preis.

Prinzipienlosigkeit, die sich hinter sogenannten Sachzwängen versteckt, war ihm ein Gräuel. Mit zynischer Schärfe hat er seine Verbl!1erung angesichts der Prinzipienlosigkeit in der bundesdeutschen Linken bei der Asyldeba!1e ausgedrückt, indem er von der Angst der Linken vor den Stammtischen sprach.

Uns fehlt Jürgen als kraftvoller, scharfsinnig analysierender, mitreißender Genosse, Freund und Ratgeber. Wir trauern um ihn. Der gemeinsame Anspruch an eine humane und soziale Gesellschaft der Gleichen aber ist geblieben. Jetzt müssen wir alle gemeinsam versuchen, Jürgens Part mit zu übernehmen.

 

Andreas Wehr, langjähriger Mitarbeiter von Jürgen Egert, über ihn:

Jürgen Egert war bereit zuzuhören und Anregungen wirklich aufzunehmen.
Er sprach die Sprache der kleinen Leute. Es ging ihm immer nur, um die “Sache“
Eine Aussage ist für Jürgen Egert bezeichnend, dass er: „für jede Funktionärin und für jeden Funktionär eine Aufgabe finden werde“. Er fand sie!
Man konnte von ihm lernen, genau hinzusehen, die Eingriffsmöglichkeiten für die politische Arbeit in der auf den ersten Blick so banalen Alltäglichkeit zu entdecken.