Nachruf von Manfred Rexin

Geschichte: Personen A-K

Nachruf von Manfred Rexin

Manfred Rexin, Mitglied des Vorstandes der Internationalen Liga für Menschenrechte Berlin ( West ), im RIAS-Kulturreport am 1.4.1982:

Nur wenige Tage vor seinem Tode hat Fritz Eberhard noch einmal - wie so manches Mal in den vergangenen Jahren - zur Verteidigung des Grundgesetzes aufgerufen, das er vor einem Drittel-Jahrhundert mitverfaßt hat. Gemeinsam mit vier anderen noch lebenden Mitgliedern des Parlamentarischen Rates gab er eine Erklärung zum 10. Jahrestag des sogenannten Radikalenerlasses ab - es ist das letzte Dokument geworden, unter das der 85jährige seine Unterschrift setzte - und wörtlich hieß es darin: „Wir ehemaligen Mitglieder des Parlamentarischen Rates, die wir am 23. Mai 1949 das von uns erarbeitete Grundgesetz unterzeichnet haben, sehen in der Berufsverbotspraxis, wie sie durch den sogenannten Radikalenerlaß vom 28. Januar 1972 ausgelöst wurde - auch nach den inzwischen erfolgten Korrekturen - , eine Gefahr für die von uns gewollte freiheitlich demokratische Grundordnung“.
Diese Gefahr - so Eberhard und seine vier ehemaligen Fraktionskollegen - diese Gefahr erwachse nicht nur aus dem „vom Grundgesetz unseres Erachtens nicht gedeckten Ausschluß einzelner Personen vom öffentlichen Dienst“, sondern darüber hinaus aus der „allgemeinen Verunsicherung, insbesondere der Jugend, durch die inzwischen entwickelte Verfassungsschutzpraxis“.
Eingedenk des Machtmißbrauchs im Dritten Reich hätten die Schöpfer der neuen bundesrepublikanischen Verfassung die Entscheidung über die Verfassungswidrigkeit politischen Handelns bewußt dem Bundesverfassungsgericht überlassen - und es sei, gemessen am Grundgesetz, schlechthin unzulässig, wenn nun wieder die Organe der Exekutive - am Verfassungsgericht vorbei über Verfassungsfeindlichkeit oder Verfassungswidrigkeit zu urteilen suchten.
Eberhard verdient es, ein streitbarer Demokrat, ein unermüdlicher und unverdrossener Verteidiger der Republik in Deutschland genannt zu werden - er hat selbst jahrzehntelang erfahren, was Republik-Gegner und Demokratie-Feinde diesem Land angetan haben und anzutun drohen. Dieser Weg war nicht durch das Elternhaus vorgezeichnet - er kam 1896 in Dresden zur Welt - als Kind einer alten Adelsfamilie und hieß Hellmut von Rauschenplat. Fritz Eberhard - das wurde sein Deckname, sein Tarnname in der Zeit des Widerstandes gegen den NS-Staat - und er hat diesen Namen noch dem Untergang der braunen Barbarei behalten.
In Baden-Baden hatte er vor dem 1. Weltkrieg ein Gymnasium besucht und daß er dort, in der Oberprima, von einem Lehrer mit den Büchern von Lassalle und Marx vertraut gemacht wurde, war ein ungewöhnlicher Umstand in den gymnasialen Lehranstalten jener Zeit. 1914 Abitur - dann Soldat. Der schlechte Gesundheitszustand ersparte es ihm, in der Front verheizt zu werden - Sonderaufträge aber, die er zu verrichten hatte, zuletzt als Unteroffizier, gerieten zum gesellschaftlichen Lehrstück - er habe, berichtete er später, die Klassengesellschaft der Armee erlebt und sei so zum Sozialisten geworden.
Nach dem Kriege Studium der Rechts- und Wirtschaftswissenschaften in Frankfurt, Heidelberg und Tübingen, wo er Zeuge des Kapp-Putsches wurde, für den sich die meisten seiner Kommilitonen begeisterten - er nicht. Er schloß sich 1920 dem Internationalen Jugendbund an, einem kleinen linken Verband, den der Göttinger Philosoph Leonhard Nelson gegründet hatte - und Nelsons sozialistische Ethik hat Eberhards politisches Weltbild entscheidend mitgeformt. 1925 aus der SPD ausgeschlossen, wurde er Mitglied des Internationalen Sozialistischen Kampfbundes, einer jener linkssozialistischen Gruppen, die in der Verfallsphase des Weimarer Staates verzweifelt gegen die von rechts anbrandende Flut Dämme zu errichten suchten und frühzeitig - für den Fall des verheerenden Dammbruchs - den Übergang in die Illegalität vorbereiteten.
Bis Ende 1937 hat er - nun den Namen Fritz Eberhard verwendend - in Deutschland gelebt und der Übermacht des NS-Staates zu trotzen versucht - dann blieb ihm kein anderer Ausweg mehr als die Flucht ins englische Exil. Anfang der vierziger Jahre vernahm man seine Stimme fast täglich in den für Deutschland bestimmten Sendungen einer mit britischer Hilfe betriebenen Rundfunkstation, die sich „Europäische Revolution“ nannte - der Funkkommentator Eberhard verstummte 1941, nachdem sowjetische Diplomaten den Briten bedeutet hatten, daß Moskau die Argunente unabhängiger linkssozialistischer Hitler-Gegner nicht besonders schätzte.
Aus dem Exil kehrte Eberhard schon 1945 ins besetzte Süddeutschland zurück nach Stuttgart. Er half mit beim Aufbau eines demokratischen Rundfunks, wurde 1946 SPD-Abgeordneter im Landtag von Württemberg-Baden, Staatssekretär der Landesregierung und 1947 Leiter eines „Deutschen Buros für Friedensfragen“, das die Länderregierungen der US-Zone in außenpolitischen Fragen zu beraten hatte. Mit den außenpolitischen Verfassungsnormen und mit dem Grundrechtskatalog des Bonner Grundgesetzes hat Eberhard sich 1948/49 im Parlamentarischen Rat besonders eingehend befaßt. Zu der Zeit, als die Bundesrepublik Deutschland ihre Staatsorgane bildete, im Herbst 1949, übernahm Eberhard die Leitung des Süddeutschen Rundfunks - bis ihn 1958 ein von der CDU favorisierter Intendant des Senders in Stuttgart ablöste. Es folgte ein letzter - gut zwei Jahrzehnte währender - Lebensabschnitt in Berlin, als Publizistik-Professor an der Freien Universität, als Forscher und Lehrer - und immer als leidenschaftlicher Republikaner, dem für sein beispielhaftes Engagement 1979 die Carl-von-Ossietzky-Medaille der Liga für Menschenrechte verliehen wurde - nicht die einzige Auszeichnung, die er empfing, aber eine, die ihm besonders wertvoll war, weil sie den Namen eines Mannes trug, den er seinen Publizistik-Schülern als Vorbild in einer an glaubhaften Vorbildern armen Epoche vorzustellen pflegte. Er habe, sagte Eberhard bei der Entgegennahme der Ossietzky-Medaille, er habe sich ein Leben lang darum bemüht, beharrlich und unbequem zu sein.