Nachruf: Unbequemer Demokrat

Geschichte: Personen A-K

Zum Tod von Fritz Eberhard

Unbequemer Demokrat

(aus Berliner Stimme, 3.4.1982)

Wo immer ein Professorenprotest gegen den Radikalenerlaß formuliert wurde, wo Journalisten gegen die Beschlagnahme von Fotos und Filmmaterial durch die Staatsanwälte protestierten, wo es um den Bestand des öffentlich-rechtlichen Rundfunks ging, wo Hochschullehrer das wohnungspolitische Anliegen der Hausbesetzer durch symbolischen Einzug in besetzte Wohnungen unterstützten - einer war fast immer dabei: der Publizistik-Professor Fritz Eberhard.
Der Protest wurde dem Professor Fritz Eberhard nicht in die Wiege gelegt. Er wurde 1896 als Sproß einer niedersächsischen Landadelsfamilie geboren. Nach Kriegsende schloß Hellmut von Rauschenplat, so hieß Eberhard damals noch, mit einer Dissertation über den Luxus sein Studium ab, lernte als Angestellter im Wohnungsamt Dresden Verwaltung und ging für drei Jahre als kaufmännischer Leiter zu einer Gold- und Silberscheideanstalt nach Schwäbisch Gmünd. In dieser Zeit war er schon Mitglied der SPD.
Der Genosse von Rauschenplat gehörte nicht zu den studierten Marxisten, die den Weg von der Ausbeutung der Arbeiterklasse ins Zukunftsland von Freiheit und Gerechtigkeit als historischen Prozeß von mechanistischer Notwendigkeit sahen. An der Universität Göttingen hatte er Vorlesungen und Seminare bei dem Philosophen Leonard Nelson besucht, der den Sozialismus vornehmlich ethisch begründete. Es gelang Nelson, eine Gruppe junger, politisch Interessierter um sich zu sammeln, mit denen er den Internationalen Jugend-Bund (ISK) gründete. Der ISK war Keimzelle des Internationalen Sozialistischen Kampfbundes (ISK), der sich ab 1925 am linken Rand der SPD als eigene Partei formierte. Für diese Partei war Hellmut von Rauschenplat Bildungsleiter und Publizist, bis die Machtübernahme durch die Nazis ihn 1933 in den Untergrund trieb.
In diesem Jahr wurde aus Hellmut von Rauschenplat Fritz Eberhard. Doch auch das war zuerst nur ein Name in einem der vielen Pässe, mit denen Eberhard als Inlandsleiter des nunmehr illegalen ISK durch Deutschland und ins Ausland reiste, um den Widerstand des Kampfbundes zu organisieren, bis ihn die Nazis Ende 1937 enttarnten und ihm in letzter Minute die Flucht nach Großbritannien gelang.
Für den Emigranten Fritz Eberhard gab es nie einen Zweifel, ob er nach dem Krieg wieder in die Heimat zurückkehren sollte. Ein amerikanischer Offizier fuhr ihn und den späteren DGB-Vorsitzenden Ludwig Rosenberg 1945 durch das zerstörte Köln. Fritz Eberhard blieb.
Er wurde SPD-Abgeordneter im Landtag von Württemberg-Baden, Staatssekretär, Mitglied im Parlamentarischen Rat. Der Verfassungspolitiker wollte ein Deutschland, in dem der Mensch - wie Eberhard es gern mit Marx sagte - kein „erniedrigtes, geknechtetes“, kein „verlassenes und geächtetes Wesen“ mehr sei.
Von 1949 bis 1958 war Eberhard Intendant des Süddeutschen Rundfunks. „Was mich heute immer öfter beschäftigt“, erinnert sich Martin Walser, „ist Fritz Eberhards demokratische Ausstrahlung. Fast kommt es mir vor, als wäre er der einzige Demokrat, den ich unter den Chefs, die ich hatte, je traf.“
Hinter seinen politischen Positionen stand seine Biographie. Wen wundert's, daß Fritz Eberhard - zur Zeit des Radikalenerlasses Professor für Publizistik an der Freien Universität Berlin - als einer der ersten seine Stimme zur Gegenrede erhob: Wir brauchen Radikale im öffentlichen Dienst, nämlich Männer und Frauen, die den Übeln des Kapitalismus - heute bei uns sind Inflation und Arbeitslosigkeit deutlich sichtbar - an die Wurzeln gehen.“
Ernst Elitz