Draemert, Richard

Geschichte: Personen A-K

Richard Draemert

Porträt Richard Draemert
 

geb. 24.6.1880

gest. 5.8.1957

Richard Draemert kannte Armut aus eigener Erfahrung. Nach dem frühen Tod seines Vaters musste seine Mutter sich und das kleine Kind als Wäscherin und Plätterin ernähren. Nachdem die Mutter erneut geheiratet hatte und der Stiefvater bald pflegebedürftig wurde, konnte der Sohn trotz seiner herausragenden Begabung keine höhere Schule besuchen, sondern musste früh seinen Lebensunterhalt unter schwierigen Bedingungen selbst verdienen.

Richard Draemert, trat 1903 in die Gewerkschaft ein, und wurde 1918, gleich nach dem 1. Weltkrieg, Mitglied der SPD in Berlin, deren erster Zehlendorfer Bezirksvorsitzender - heute Kreisvorsitzender - er wurde. 1920 gründete er die SPD Abteilung Dahlem, und wurde dort der erste Vorsitzende. Seine älteste Tochter Sophie, seit ihrem 16. Lebensjahr 76 Jahre lang Mitglied der SPD, später verheiratet mit dem Sozialdemokraten Willy Reimann, wurde die erste Schriftführerin dieser Abteilung.

Von 1907 bis zu seinem Tod wohnte die Familie im Bezirk Steglitz-Zehlendorf.
Bis 1933 arbeitete Richard Draemert als Verlagskaufmann in leitenden Positionen im Verlags- und Druckereigewerbe, zuletzt als alleiniger Geschäftsführer der Wochenzeitschrift "die Welt am Montag", die je zur Hälfte der Gewerkschaft und der SPD gehörte, bis sie 1933- als letzte sozialdemokratische Zeitung - verboten wurde.

Als Stadtverordnetem waren ihm eine Reihe von Ehrenämtern angetragen, so u.a. auch als Vorsitzender der Pressekommission des "Vorwärts" und des "Der Sozialdemokrat", im Aufsichtsrat der Berliner Messegesellschaft, der Berliner Flughafengesellschaft, Beisitzer im Preußischen Landesfinanzgericht und in anderen Gremien.

Von 1921 bis 1933 war Richard Draemert SPD- Stadtverordneter in Berlin und Bezirksverordneter in Zehlendorf, was damals noch gleichzeitig möglich war. Seiner Initiative und seinem persönlichen Verhandlungsgeschick ist es zu verdanken, dass ab 1926 der Bau der Siedlung Onkel Toms Hütte und die Weiterführung der U-Bahn von Thielplatz bis nach Krumme Lanke gegen den massiven Widerstand anderer Fraktionen erfolgte.

Wegen seiner politischen Tätigkeit und Zugehörigkeit zur SPD kam er 1933 in sogenannte Schutzhaft in die Strafanstalt Plötzensee und 1944, nach dem Attentatsversuch auf Hitler, ins KZ Sachsenhausen, dem er nur mit schweren körperlichen Schäden, fast tot, entkam.

Nach der ersten Inhaftierung 1933 wurde seiner Familie die Wohnung gekündigt und gegen ihn ein Berufsverbot ausgesprochen.

Die 7-köpfige Familie litt große Not. Es gelang ihm aber, 1934 eine kleine Eisdiele mit Bierschankerlaubnis am U-Bahnhof Krumme Lanke zu pachten, in deren Hinterzimmer sich u.a. Widerstandskräfte der Sozialdemokratie und politisch und "rassisch" Verfolgte unauffällig trafen oder kurzzeitig versteckten. 1940 erhielt er aufgrund privater Kontakte eine "Kriegsaushilfsstellung" bei der Wohnungsbaugesellschaft DeGeWo, deren kaufmännischer Direktor er nach dem Krieg wurde. 1949 musste er aus gesundheitlichen Gründen vorzeitig in den Ruhestand treten.

Von 1946 bis 1954 gehörte Richard Draemert wieder für die SPD der Bezirksverordnetenversammlung in Zehlendorf an und wurde dank seiner Kenntnisse auf dem Gebiet der Wohnungswirtschaft Leiter der Wohnungsbaudeputation in der BVV.

Die Amerikaner beriefen ihn zum Leiter der Entnazifizierungskommission, da er als Opfer des Faschismus unbescholten war und in allen Parteien ein hohes Ansehen genoss.

An seinem 75. Geburtstag, am 24.6.1955, ernannte ihn der damalige Regierenden Bürgermeister Otto Suhr zum Stadtältesten von Berlin.

Am 5.8.1957 starb Richard Draemert. Er liegt in einem Ehrengrab auf dem St . Annen Friedhof in Berlin Dahlem begraben.
Anlässlich des bevorstehenden 50. Todestages beschloss die BVV Steglitz-Zehlendorf auf Antrag der SPD Fraktion mit den Stimmen aller Parteien, ihn in die Liste derer aufzunehmen, nach denen eine Straße im Bezirk benannt werden soll.

Ingrid Reimann

 
Richard Draemert und Otto Suhr

Richard Draemert und Otto Suhr.