Demmning, Martha

Geschichte: Personen A-K

Martha Demmning

Martha Demmning geb. Wloch
*25.11.1875 - +Berlin 15.4.1924

Ein zufälliger Fund in einer alten "Vorwärts"-Ausgabe führte zu Martha Demmning. In der Ausgabe vom 23.11.1930 befindet sich eine Sonderseite über den "Ehrenhain der deutschen Sozialdemokratie" auf dem Zentralfriedhof Friedrichsfelde in Lichtenberg. Auf dieser Seite ist ihr Grabstein abgebildet und im Artikel wird sie die "gütige Förderin der Arbeiterwohlfahrt" genannt. Lebensdaten fehlen, auch bei der AWO ist sie unbekannt. Niemand scheint mehr ihren Namen zu kennen. Auf dem Foto ihres Grabsteins liest man eingraviert einen Satz von Marie von Ebner-Eschenbach: Wenn man nicht aufhören will / die Menschen zu lieben / darf man nicht aufhören / ihnen Gutes zu tun
Das klingt ganz so, als sei sie - wie so viele - zu Unrecht vergessen. Weitere Funde bei der Recherche nach weiteren Spuren bringen (zunächst) nur wenig mehr zu Tage: Sie war verheiratet mit dem Schlosser Max Demmning, wohnte (1923) in O 34 (Friedrichshain), Boxhagener Straße 114, und starb als hochengagierte Frau mit jungen Jahren (ihr Mann zog nach ihrem Tod - Ende der 20er Jahre - nach Köpenick [Elsengrund], Heidekrugstraße 12). Alles, was wir bisher sonst über sie wissen, entstammt wenigen zeitgenössischen Zeitungsberichten über ihren Tod und über die Trauerfeier im Stadthaus (auf der Arthur Crispien, Klara Weyl, Minna Todenhagen, Mathilde Wurm und Julius Moses sprachen!) und im Krematorium Wedding. Deshalb seien diese Artikel zur Erinnerung an Martha Demmning hier wiedergegeben.

Vorwärts, Abendausgabe, 16.4.1924:
Martha Demmning.
Wieder hat der Tod eine Lücke in die Reihen der sozialdemokratischen Stadtverordneten gerissen. Unsere Genossin Martha Demmning, die seit langer Zeit schwer herzleidend war, ist in der Nacht zu Mittwoch verstorben. In der Partei hatte der Name Demmning einen guten Klang, und viele Tausende von Genossinnen und Genossen werden Martha Demmnings in Liebe gedenken. Sie ist in weiten Kreisen bekannt geworden durch ihre Tätigkeit im Kinderschutz, die sie als langjährige Obmännin der Kinderschutzkommission ausübte. Zu einer Zeit, wo sie mit der Forderung eines Schutzes der Kinder vor Ausbeutung durch Erwerbsarbeit die Sozialdemokratie ziemlich allein dastand, wurde unserer Genossin Martha Demmning zu einer Vorkämpferin für diesen Gedanken. Martha Demmning, die am 25. September 1875 geboren war, lebte in glücklicher Ehe, aber Kinder waren ihr versagt. In der Sorge für fremde Kinder suchte und fand sie Ersatz für das Mutterglück, das ihr selbst nicht beschieden war. Als sie 1920 in die Stadtverordnetenversammlung eingetreten war, widmete sie auch hier ihre auf Erfahrung gestützte Arbeitskraft besonders den Fragen der Jugendpflege. Im Verwaltungsbezirk Friedrichshain wurde sie 1921 Stadträtin und sie übernahm dann die Leitung der Jugendpflege des Bezirkes. Genossin Demmning ließ sich durch ihr schweres Leiden nicht hindern, die Pflichten ihres Amtes bis zuletzt in unermüdlicher Gewissenhaftigkeit und Treue zu erfüllen. Erst auf wiederholtes Drängen des Bezirksbürgermeisters nahm sie Urlaub, um durch eine Kur den Fortschritt des Leidens aufzuhalten, aber ärztliche Kunst war hier machtlos. Noch auf ihrem Sterbebett im Cöpenicker Krankenhaus sprach sie, als sie den Tod bereits nahen fühlte, immer wieder von "ihren Kindern" und war erfüllt von Sorge um sie. Der rastlosen Arbeit und dem reichen Wirken dieser echt mütterlichen Frau hat nun der Tod Halt geboten. Die Erinnerung an sie wird in der Partei lange fortleben.

Vorwärts, 23.4.1924:
Martha Demmnings Bestattung.
Das Andenken der Stadtverordneten und Stadträtin Martha Demmning, unserer verstorbenen Genossin, wurde gestern im Stadthaus durch eine Trauerfeier geehrt. Den Lichthof des Stadthauses füllte jene große Trauergemeinde, hauptsächlich Genossen und Genossinnen, Mitglieder unserer Partei, aber auch Bürgerliche, deren Achtung Martha Demmning durch ihr Wirken in der Gemeindeverwaltung erworben hatte. An der Feier beteiligten sich Mitglieder des Bezirksamts und der Bezirksversammlung Friedrichshain, der Stadtverordnetenversammlung und des Magistrats. Beamte, Angestellte und Arbeiter des Verwaltungsbezirks, besonders aus der Jugendpflege, Vertreter des Berliner Ausschusses für Arbeiterwohlfahrt und Kinderschutz, Vertreter der Arbeitsgemeinschaft der Kinderfreunde, auch eine Gruppe von Kindern des Bezirks. Den aufgebahrten Sarg bedeckten leuchtende Blumen, ein Hintergrund von dunklem Grün umrahmte ihn. Kränze wurden niedergelegt unter anderem von der Parteiorganisation im fünften Kreis, vom Bezirksamt Friedrichshain, von Beamten Angestellten und Arbeitern des Verwaltungsbezirks und des Bezirksjugendamts, vom Berliner Ausschuß für Arbeiterwohlfahrt und Kinderschutz usw.
Trauermusik des Maibaumschen Bläserchors und Gesänge des Sozialdemokratischen Männerchors Friedrichshain leiteten die Feier ein. Die Gedächtnisrede des Genossen Crispien zeichnete das Lebensbild Martha Demmnings, die aus einer Proletarierfamilie hervorgegangen war, die Not der arbeitenden Proletarier kennenlernte und dem Proletariat in heißer Liebe und unerschütterlicher Treue gedient hat. Das Wirken dieser Genossin, die auch den Kampf der Partei um die Gleichberechtigung mitgekämpft hat, ist ein glänzendes Beispiel dafür, dass Frau und Mann einander ebenbürtig sind. Was sie dem Bezirksamt Friedrichshain bedeutete, schilderte Bezirksbürgermeister Genosse Mielitz. Die Sorge für die Jugend war ihr Arbeitsgebiet. Als Vertreterin des Jugendamtes der Stadt gedachte Stadträtin Genossin Weyl dankbar der treuen Mitarbeit Martha Demmnings. Ihre Tätigkeit in der Stadtverordnetenversammlung würdigte Stadtverordneter Genosse Kayser. Genossin Todenhagen, die Vertreterin des Ausschusses für Arbeiterwohlfahrt und Kinderschutz, wies auf das Vermächtnis hin, daß Martha Demmning mit ihrem Wirken hinterlassen hat. In treuer Arbeit für das Wohl der Bedrückten werden wir ihr Andenken am ehesten ehren. Die Genossen Dr. Moses und Mathilde Wurm sprachen gleichfalls. Musik des Bläserchors schloß die an die Herzen greifende Feier. Dann wurde der Sarg hinausgetragen und nach dem Krematorium in der Gerichtstraße geleitet. Dort nahm die Trauergemeinde in einer kurzen Feier voll Wehmut letzten Abschied von Martha Demmning. Unsere greise Genossin Fahrenwald mahnte, im Geist der Verstorbenen zu wirken. Stadtverordnete Genossin Lungwitz gedachte der Verdienste Martha Demmnings um den Kinderschutz. Auch diese Feier wurde von Musik eröffnet und geschlossen. Unter ihren Klängen sank der Sarg in die Tiefe.

Wohlfahrtsblatt der Stadt Berlin, 2. Jg., Nr. 3/6 März/Juni 1924, S.10:
Am 16. April verstarb die Stadtverordnete und Stadträtin Martha Demmning im 49. Lebensjahre. Frau Demmning gehörte der Stadtverordnetenversammlung seit 1920 an und war Mitglied der Deputation für Jugendwohlfahrt und unbesoldete Stadträtin für Jugendpflege im Bezirk Friedrichshain. Schon vor dem Kriege war sie in der Kinderschutzbewegung tätig und erwarb sich große Verdienste um die Organisation von Kindertransporten nach dem Ausland. Frau Demmning war allseits beliebt und immer hilfsbereit; trotz ihrer schweren Erkrankung war sie noch bis zuletzt tätig.

Holger Hübner, 18.2.2003