Breitzke, Frieda

Geschichte: Personen A-K

Frieda Breitzke

Porträt Frieda Breitzke
 

"So blau ihre Augen sind, so treu ist sie ihrer Partei" Als Frieda Breitzke, Sekretärin eines Abteilungsleiters im BMW-Werk in Spandau, diesen Satz hörte, rutschte ihr fast das Herz weg. Ihr Chef war Mitglied der NSDAP und sagte ihn zu einer noch höheren Nazicharge, nicht vergessend zu erwähnen, daß Friedas Partei - trotz Verbots - die SPD war.
Das ist sie nun auch schon für 75 Jahre. Frieda ist jetzt 94 Jahre alt, und als sie 18 war, trat sie der SPD bei. Warum? Eltern Sozialdemokraten, der Onkel, viele Freunde der Familie - da war man alter sozialdemokratischer Adel.
Ihre Kindheit verlebte sie in Reinickendorf - damals noch gar nicht Teil Berlins. Im Mietshaus wohnten SPD-Leute, auch Kommunisten. Als Frieda 10 war, luden Letztere ihre Eltern ein, gemeinsam eine weltliche Schule zu gründen, frei von religiöser Bevormundung und - wie sich herausstellen sollte - von Beginn an frei von Prügelstrafe. Hier nahm sie später an der Jugendweihe teil und wurde Mitglied einer sozialistischen Jugendgruppe. Sie traf sich regelmäßig mit gleichgesinnten Schulkameraden und einem Lehrer, der am Ende von vier Jahren Jugendarbeit mit Heranwachsenden sagte: "Jetzt seid Ihr bereit, in eine politische Partei einzutreten." Für Frieda war es die SPD, der sie 1928 beitrat.

Die Zeit der Nazi-Riekes
Und was für Zeiten erlebte sie: 1933 sah sie, wie SA-Horden durch Spandau zogen, während sich die Sozialdemokraten im "Volkshaus" trafen. Wenig später wurde die SPD verboten. Für Frieda und Genossen kein Grund auseinanderzugehen: 12 Jahre lang trafen sie sich in Privatwohnungen. Den einen von ihnen, den die Nazis ins Gefängnis steckten, vergaßen sie nicht. Sie besuchten ihn und zeigten offen ihre Solidarität mit ihm. Aber 12 Jahre lang hatte Frieda auch Angst: Vorgesetzte, die sie noch heute verächtlich "Nazi-Riekes" nennt, drohten ihr, indes ihr Chef - jenes NSDAP-Mitglied, das nicht nur ihre blauen Augen lobte, hielt die Hand über sie. Auch, als die von Frieda organisierte Weihnachtsfeier einer weiteren Nazi-Rieke zu wenig "im Sinne Adolf Hitlers" verlief. Nach dem Kriegsende hatte Frieda keine Probleme, Zeugen beizubringen, die beteuern konnten, daß sie unter den Nazis treu zur Sache der Sozialdemokratie gestanden hatte.
1946 wurde für Frieda ein Jahr schwieriger Entscheidungen. Die Urabstimmung über eine Vereinigung mit der KPD oder wenigstens eine Zusammenarbeit mit den Kommunisten war für sie eine zwiespältige Sache. Einerseits erinnerte sie sich an die, die ihren Eltern die Gründung einer freien Schule vorgeschlagen hatten, auch an eigene sehr gute Freunde in der KPD. Andererseits mußte sie nur wenige Jahre später erfahren, wie es ist, bei Nacht und Nebel persönliche Sachen vom Grundstück in der Fachinger Straße in West-Staaken nach West-Berlin zu bringen, um - im wahrsten Sinne des Wortes - Stück für Stück "abzuhauen".

Füreinander einstehen

Sie blieb Sozialdemokratin mit Herz und Verstand. Ein Dutzend Jahre vertrat sie die SPD in der Spandauer BVV, erst als Bürgerdeputierte, dann als Bezirksverordnete. Als Sekretärin des Kreuzberger Sozialstadtrates half sie dessen Frau, die Unterlagen für deren Arbeit als Mitglied des Abgeordnetenhauses in Ordnung zu halten. Frieda mochte diese Zeit sehr, weil der Zusammenhalt so eng war. Das bedeutet nicht, daß sie als Verordnete nicht auch gut mit der CDU kooperieren konnte, aber sie lächelt so verschmitzt wie wir es tun würden, wenn man sie auf den Wahlkampf anspricht. Sie sagt: "Da haben wir unseren Standpunkt vertreten" und man ahnt, welch großen Spaß ihr das gemacht haben muß.
Frieda Breitzke sitzt heute im Rollstuhl. Nicht wegen der spinalen Kinderlähmung, die sie mit fünf Jahren erlitt, sondern eher wegen ihres hohen Alters. Ihre Sehkraft hat stark nachgelassen, so daß sie keine Zeitung mehr lesen kann. Das Gehör ist auch nicht mehr taufrisch, doch, wenn man sie erzählen hört, kann man einfach nicht glauben, ihr fehlte nur noch wenig für ihre ersten 100 Jahre. Sie hat ihr Leben lang angepackt, so auch in der Arbeiterwohlfahrt in Staaken, die sie 10 Jahre lang führte - zuletzt mit etwa 300 Mitgliedern, wo sie doch mal bei sechs Mitstreitern angefangen hatte.
Auf meine letzte Frage, wie sich die Partei in den mehr als 75 Jahren, die sie ihr angehört, verändert habe, kommt die prompte Antwort: "Die SPD ist nicht mehr so einig." Das bedauert sie, und es erzürnen sie jene, die, einmal eine gute Position erklommen, "nur noch die Nase hoch tragen". Füreinander einstehen ist offenkundig ihr Motto, und da muß nun mal ihrem Chef bei BMW zu Nazis Zeiten Recht gegeben werden: So blau ihre Augen sind, so treu ist sie unserer Partei. Frieda: In Respekt, Freude, Freundschaft, Solidarität und in großer Zuneigung gratulieren wir, Deine Staakener Genossen und auch die anderen, Dir zu 75 Jahren Mitarbeit in der SPD!

Matthias Judt, März 2003, in: Berliner Stimme 6/2003