Begegnung mit Graf Gyzicki

Geschichte: Personen A-K

Begegnung mit Prof. von Gizycki

In Berlin endlich findet sie den Lehrer, der ihren diffusen Gefühlen für soziale Gerechtigkeit Gestalt gibt, den gelähmten Professor für Sozialethik an der Berliner Universität, von Gizycki. Er zeigt ihrer Kritik an der Klassengesellschaft den Weg: die theoretischen Grundlagen des demokratischen Sozialismus scheinen Lily fast vertraut, da sie sie aus ihrem eigenen Erfahrungsbereich vorgedacht hatte: Gleichberechtigung von Männern und Frauen, Freiheit der Überzeugung, Existenzsicherung, Wissenschaft und Kunst sollen Gemeingut aller sein; die Persönlichkeit muss sich frei, ohne Ansehen und Herkunft, des Geschlechts oder der Rasse entwickeln können. Sie trägt zur Gründung einer „Ethischen Gesellschaft“ bei, die, unter Beiseitelassung religiöser Gegensätze, eine gemeinsame ethische Grundhaltung der Menschen postuliert.

Sie heiratet Prof. von Gizycki. Er kann ihr keinen materiellen Wohlstand bieten, aber bei ihm findet sie den inneren Frieden. Die Flucht aus dem Standesdenken ihres Elternhauses ist gelungen. Jetzt besucht sie sozialdemokratische Wahlversammlungen, begegnet Mitglieder dieser Partei, Handwerkern, Fabrikarbeitern, Näherinnen und lässt sich ihr Schicksal und ihren Weg zur politischen Überzeugung schildern. Die Wohnung des Ehepaares wird Treffpunkt führender Sozialdemokraten; auch Bertha von Suttner und amerikanische Frauenrechtlerinnen zählen zu ihren Gästen. Allen gemeinsam ist ihnen die Überzeugung, dass die Klassengesellschaft des 19.Jahrhunderts im Absterben ist und dass er der Hingabe des ganzen Lebens wert ist, die Welt der Zukunft aufzubauen. Lily ist der Überzeugung, dass die Frauen träger der sozialen Bewegung sein müssten. Selbst in der damaligen Gesellschaftsordnung entrechtet, stellen sie sich von selbst auf die stelle aller Entrechteten, die mütterlichen Empfindungen machen sie hellsichtiger für Not und Elend. „Hätten wir die Frauen- wir hätten wir die Welt.“ – „Von der geistigen Inferiorität der Frau höre ich große und kleine Leute sprechen, die unsere Forderung der politischen Gleichberechtigung glauben ablehnen zu dürfen. Erst wenn die Frauen ebenso viele Jahrhunderte lang wie die Männer die Schulung der Wissenschaft und den Sporn des Ruhmes genossen haben werden, wird es an der Zeit sein zu fragen, wie es mit ihrem Verstande steht.“

Nur wenige Jahre erlaubt das Schicksal das Zusammenleben des Ehepaares. Nach dem frühen Tod ihres Mannes, der ihr geistiger Wegbereiter war, entschließt Lily sich, in die Sozialdemokratische Partei einzutreten.

Schon nach wenigen Monaten wird sie zu einem sozialistischen Kongress nach London geschickt. Wie vertraut klingt uns doch heute ihr Bericht: Der Kongress selbst war eine Parade. Die Reden und Berichte waren den Eingeweihten ihrem Inhalt nach aus Büchern und Broschüren bekannt. Der Austausch von Meinungen, der doch am wichtigsten gewesen wäre, blieb sekundär. Als Gewinn allein blieb die Anknüpfung persönlicher Beziehungen. Und diese wirkten auf Lily seht Nachhaltig: Sie kommt mit den Fabiern in Berührung, zumal mit den Gründern, dem Ehepaar Webb und George Bernard Shaw. In diesen werden theoretische und praktische Fragen des Sozialismus ohne Scheu erörtert: Der Hunger der treibt zur Revolte, der Geist allein zur Revolution. Diese Worte G.B. Shaws machen auf Lily einen tiefen Eindruck, ebenso wie die unbekümmerte Atmosphäre des freien Meinungsaustausches. Dort ist man der Ansicht, dass der Arbeiter in seiner Masse nichts verlangt, als ein Bourgeois zu werden, und nur die „Freigelassenen der Bourgeoisie“ sind dazu da, sie zur Aktion aufzurütteln.

In den Proletariervierteln Londons lernt Lily unsagbares Elend kennen und begreift, dass die Einzelaktionen nichts mehr an dieser Not ändern können: Die alte Welt, die ihre eigenen Kinder mordet, muss zerstört werden, um einer neuen Platz zu machen.

Auszug aus:
Das Leben einer Sozialistin
Zum 50. Todestag Lily Brauns - Von Dr. Eleonore Lipschitz
BERLINER STIMME vom 20.10.1966


Recherche: Onur Özturan