Erinnerungen von Klaus Bodin: Kindheit & Jugend

Geschichte: Personen A-K

Erinnerungen von Klaus Bodin: Kindheit & Jugend

Dr. Klaus Bodin
Ein Spandauer erzählt..

Ja, ein Spandauer, nicht ein Berliner oder ein Preuße. In meinen Ausweisen steht "geboren in Spandau, jetzt Berlin". Nach fast 80 Lebensjahren, davon 70 als bewußter Zeitzeuge, scheint es mir angebracht, einmal darzustellen, wie sich mir das Leben in diesen vielen Jahren darbot, was ich dabei empfunden habe und wie ich versucht habe, an einer fortschrittlichen Entwicklung mitzuarbeiten und andererseits bemüht war, Rückschritte und Unheil zu verhindern.

Dabei ist besonders die Zeit nach dem zweiten Weltkrieg für mich von Bedeutung: den heute bis zu fünfzig Jahre Alten möchte ich dabei klarmachen, daß die Kompetenz als Zeitzeuge nicht davon abhängt, daß man die Entwicklung über so lange Zeit miterlebt hat und die Untaten des Nationalsozialismus beklagt, sondern daß man versucht zu verstehen, wie es dazu kommen konnte und wie wohl wir trotz aller Erfahrung Gefahr laufen, das Erreichte zu verspielen. Wir sind trotz der ungeheueren Fülle von Informationen heute mehr denn je in Gefahr, der gezielten Desinformation anheimzufallen und an Stelle einer nüchternen Wertung von Erfahrungen und Erkenntnis wieder Illusionen nachzuhängen, die dieses Mal für uns alle das Ende bedeuten würden. Hineingeboren wurde ich in ein Elternhaus durchaus bürgerlicher Herkunft: väterlicherseits stamme ich von einem Freibauernhof in der Nähe von Fehrbellin, die Familie ist hugenottischer Abstammung und seit 1688 über neun Generationen auf dem Hof ansässig bis zur Enteignung 1947 im Zuge der Bodenreform, da der Besitz mit 125 ha zu groß war. Der erste Bodin, damals noch französisch ausgesprochen, heiratete in eine Familie Weber, die den Hof auch schon über 100 Jahre in Besitz hatte. Mein Großvater väterlicherseits war 1883 mit knapp 40 Jahren an Typhus gestorben, und seine Frau, die nach 4 Söhnen im Alter von 8,6,4 u. 2 Jahren ein fünftes Kind erwartete, blieb auf dem großen Hof allein. Sie bewältigte die Aufgabe, den Hof weiterzuführen, mit Hilfe guter Nachbarn, bis der älteste Sohn das Erbe übernehmen konnte; der zweite Sohn wurde Landwirt und war als Inspektor auf verschiedenen Gütern in den Ostprovinzen des Deutschen Reiches tätig, dabei längere Zeit. in Westpreußen, bis er zuletzt in der näheren Umgebung Berlins auch noch als Vertreter der zum Wehrdienst eingezogenen Gutsbesitzer diente. Der dritte Sohn studierte Landwirtschaft und wurde als Ländwirtschaftlicher Lehrer zunächst in Tondern, dann nach der Abtretung Nordschleswigs in Niebüll eingesetzt. Seine Laufbahn führte ihn dann nach Kiel und dann nach Preetz, da Kiel wohl für einen treuen NS-Parteigenossen gebraucht wurde. Er blieb stets in Norddeutschland.
Das fünfte Kind, einziges Mädchen unter vier Brüdern, heiratete einen Sonderschullehrer, der später eine Hilfsschule am Bahnhof Jungfernheide in Charlottenburg leitete und im Krieg mit seiner Frau zu Tochter und Schwiegersohn in den Westerwald zog. Mein Vater als der vierte Sohn wurde Lehrer, ging zunächst in die Gegend von Neuruppin, und als er dann in Spandau beim 5. Garde-Grenadier-Reg. (in der Kaserne hinter dem Hauptbahnhof) seine einjährig-freiwillige Dienstzeit absolviert hatte 1904/5, bemühte er sich anschließend um eine Anstellung in der Stadt Spandau und ist dann bis zu seiner Pensionierung als Schulleiter 1951 (mit Nachdienzeit, da man zunächst zu wenige politisch unbelastete Lehrer nach dem Kriege hatte) in Spandauer Diensten geblieben. Meine Mutter stammte aus einer alten Spandauer Handwerkerfamilie (Glasermeister), ihr Großvater war unter Bgm. Koeltze Stadtrat und dann Stadtältester von Spandau. Ihr Vater war Uhrmacher und "Zivilingenieur" und hatte die Leitung von Junghansfabriken im Schwarzwald und anderswo. Da er sehr umtriebig war, hieß das, daß die Familie häufig umzog, auch innerhalb Berlins. Meine Mutter wurde Lehrerin und lernte meinen Vater kennen, als sie an der 8.(Mädchen) und er an der benachbarten 9. (Jungen) Volksschule Dienst taten. Sie heirateten 1916, ich wurde im Oktober 1919, meine Schwester im November 1923 geboren. Meine Mutter war nach dem Krieg aus dem Schuldienst ausgeschieden, engagierte sich aber im sozialen Bereich. Dabei habe ich den Eindruck, daß diese ehrenamtliche Tätigkeit mit den Erfahrungen in einer reinen Arbeitergegend (Neustadt) zusammenhing. Nach dem verlorenen Krieg und der wirtschaftlichen Katastrophe danach mit steigender Inflation war das soziale Elend in großen Teilen der arbeitenden Bevölkerung nicht zu übersehen. (Es ist nicht im entferntesten mit der Lage nach dem zweiten Weltkrieg zu vergleichen, wo zum wirtschaftlichen Zusammenbruch Besetzung, Vertreibung, Demontage, zerstörte Wohnungen und Hunger hinzukamen Meine Eltern waren sehr früh fortschrittlichen Ideen aufgeschlossen, und die Probleme waren ja nun riesengroß. Sie wollten nach dem verlorenen Krieg der jungen Republik dienen, und so fanden sie eine Aufgabe in den Bereichen Schul- und Bodenreform. Die Bodenreformbewegung eines Adolf Damaschke und der Bund entschiedener Schulreformer unter Paul Oestreich waren ihnen angemessene Betätigungsfelder. Mein Vater hatte sich für die liberale Richtung eines Friedrich Naumann begeistert, und meine Mutter gründete zusammen mit der Frau unseres Hausarztes Dr.Otto, der in der Neustadt praktizierte, und Frau Else Herz, der Frau eines soz.-dem. Stadtrates in Spandau, den 1. Verein Spandauer Kindergärten und Horte, der nach modernen Erziehungsmethoden (Montessori) geführt wurde und unter der Leitung von Fräulein Weihe stand. Er unterschied sich damals deutlich in seinem pädagogischen Ansatz von der üblichen Form der meist unter kirchlicher Leitung stehenden Kleinkinderbewahranstalten.
Meine Eltern sorgten sich um die Durchsetzung sozialer Gerechtigkeit und Chancengleichheit auch unter dem Eindruck der Kriegserlebnisse.

So lebte meine Mutter in Berlin im sogenannten Kohlrübenwinter 1917 ärmlich wie die übrige Normalbevölkerung. Wenn sie ihre Kusine in Königsberg besuchte; erlebte sie dort ein uneingeschränktes Wohlleben in den Offizierskreisen und dem Landadel. Auch mein Onkel auf dem Familienhof nahe Berlin hatte noch Vorteil von der Ernährungslage, vor allem wenn es darum ging, auf dem Landratsamt mit Würsten seine Unabkömmlichkeit bzgl.. des Wehrdienstes nachzuweisen. Nach dem Kriege fanden sich die konservativen Kreise dann im "Stahlhelm-Bund der Frontsoldaten" zusammen, auch wenn sie gar nicht gedient hatten. Hitler überführte sie dann später gleich in die SA.

Meine Mutter erkrankte vor Kriegsende infolge der allgemeinen Mangelsituation an einer Lungen-Tbc., sie sprach davon, damals bei Prof. Mackenrodt in Behandlung gewesen und schnell wieder gesund geworden zu sein. Aber in der Zeit der Hochinflation brach sie nach der Geburt meiner Schwester wieder aus; sie machte dann eine Kur in Bad Sülzhayn im Harz. Danach blieb die Gesundheitslage stabil, bis im Sommer 1929 beim Urlaub im Riesengebirge eine Lungenblutung eintrat; sie wurde dann in der Hand von Dr.Ballin, dem Leiter der Spandauer Lungenfürsorge, wieder gut geheilt. Eine Sonderheit der Behandlung war, daß Dr.Ballin, da meine Mutter nicht in eine Klinik wollte, erstmals einen Pneumothorax ambulant anlegte. Alles ging gut, auch durch die dann folgenden Belastungen der Nazi- und der Kriegszeit; erst einige Monate nach den physischen und psychischen Belastungen der letzten Kriegs- und ersten Nachkriegszeit erkrankte sie erneut und dann hatte sie keine Widerstandskraft mehr, die Tuberkulose erlebte eine miliare Streuung, der sie im Oktober 46 erlag, vier Tage vor den ersten Kommunalwahlen, die den Anfang für die Bewahrung der Freiheit Berlins bedeuteten. Sie hat sicher besonders darunter gelitten, daß nach dem Ende der einen Diktatur eine neue von Osten heranrückte, um uns zu beglücken. Den Freiheitskampf der Berliner Sozialdemokraten hat sie noch miterlebt, aber den Sieg der SPD bei den einzigen freien Wahlen der Nachkriegszeit in ganz Berlin, der ihr sicher neuen Lebensmut gegeben hätte, nicht mehr. Außerdem hätten wenige Monate nach ihrem Tode die damals neuen Tuberkulostatika zur Verfügung gestanden, mit denen wir dann so schöne Erfolge erzielt haben.

Zusätzliche Belastung für meine Mutter während ihrer Krankheit waren Schwierigkeiten mit der Spandauer Parteispitze, da sie sich immer für Sauberkeit im politischen Leben einsetzte und gewisse Vorgänge im Umfeld des damaligen Bgm. Münsinger ihr Grund zur Kritik gaben, die sie parteiöffentlich äußerte. Man hatte wohl gefürchtet, daß sie selbst eine führende Stellung im Bezirksamt anstrebe; aber Karrieredenken war für sie nie maßgeblich bei politischen Entscheidungen im Gegensatz zu heute, wo vielfach Opportunismus für Politik ausgegeben wird. Diese Überlegungen bewegen mich gerade jetzt bei Betrachtung der aktuellen Situation. Es war ein Verhängnis, daß meine Mutter so früh abtreten mußte, wo sie gerade gehofft hatte, ihren Idealen in, einer neuen politischen Entwicklung dienen zu können. Schon in der Weimarer Republik hatte sie auch in der eigenen Partei immer das Wort für die Gerechtigkeit genommen, wo das Recht des kleinen Mannes gegen die Oberen mangels guter Beziehungen auf der Strecke blieb, und sie erklärte mehrfach daß sie sich nicht wegen der Rektorenzulage für ihren Mann, der damals Schulleiter werden sollte, korrumpieren lasse.

In dieser Umgebung wuchs ich auf, sehr frei erzogen, und lernte früh, mich selbst zu beschäftigen, da meine Eltern wegen der außerberuflichen Interessen abends häufig außer Hause waren. Wir hatten eine reizende ältere Dame über uns wohnen, die in der Zeit, als meine kleinere Schwester und ich uns noch vor dem Alleinbleiben fürchteten, bei uns blieb oder uns zu sich in die Wohnung holte, bis es Zeit war, schlafenzugehen. Das war "Tante" Falkner.

Als ich noch keine vier Jahre alt war, fiel mir ein Exemplar des damaligen Erstlesebuches der Schulen, die sogenannte Bärenfibel in die Hände. Die Bilder und die Schriftzeichen faszinierten mich, und durch Nachfragen lernte ich langsam lesen. Meine Eltern waren nicht gerade entsetzt, aber doch etwas irritiert, als ich ihnen im Alter von vier Jahren auf der Straße über einem Laden die Inschrift "Kolonialwaren" vorlas. Sie hatten überhaupt nichts mit dem Ehrgeiz vieler Eltern im Sinn, den Kindern schon vor der Schule was beizubringen, was erst der Schule vorbehalten sein sollte. Hier hatte ich meinen mehr sportlichen Ehrgeiz befriedigt, hinter den Sinn von Schriftzeichen zu kommen, wie ich es später mit Fremdsprachen auch erlebte. Mit dem "ie" und dem "tz" hatte ich wohl noch Schwierigkeiten, aber auf Fragen bekam ich Antwort, uns so ergab es sich, daß ich nicht nur Druckschrift, sondern auch von den Löschblättern aus den Schulheften meines Vaters Sütterlin Schreibschrift deutsch und lateinisch lesen lernte. 1926 wurde ich eingeschult, nicht in die 1.Volksschule in der Mauerstr., wo ich hingehört hätte, sondern in die 9.Schule, wo mein Vater tätig war. So ergab sich für meinen ersten Lehrer, Herrn Steinke, die schwere Aufgabe, mein Interesse für den Unterricht wachzuhalten, und daraus leitete man die Überlegung ab, mich die nächste Klasse überspringen zu lassen; so kam ich Ostern 1927 nicht in die 7., sondern gleich in die 6.Klasse. Hier lebte ich mich auch schnell ein und hatte keine Mühe mit der Stoffbewältigung unter dem Klassenlehrer Herrn Fitzner. Allerdings mußte ich mir das kleine lxl selbst aneignen, das in der 7. Klasse zu den wichtigsten Themen gehörte. In der nächsten Klasse, der 5., hatte ich wieder einen neuen Klassenlehrer, Herrn Koswig, mit dem ich auch gut zurecht kam, und nun ging es an die Überlegung, welche höhere Schule für mich in Betracht kam. Für meine Mutter kam dabei in Anbetracht meiner Interessen nur die Traditionsschule, das Kant-Gymnasium, in Frage Dabei mußte ich ohne Rücksicht auf den Leistungsstand, als "Springer" eine mündliche Prüfung absolvieren.

Nach Einladung versammelten wir Prüflinge uns im Gesangsaal des Alten Gebäudes in der damaligen Jüden- jetzigen Kinkelstr. 20 Kinder waren wir, die sich mit großem Eifer auf die gestellten Aufgaben stürzten. Mir passierte im Übereifer, daß ich auf den Prüfungsbogen einen großen Tintenklecks praktizierte. Die Bewertung litt darunter jedoch nicht, und ich erhielt die Mitteilung, daß ich bestanden habe. Der spätere Klassenlehrer Herr Dr.Faust bestätigte mir eine "2". Daraufhin ging ich zum Direktor Dr.Becker ins Direktorenzimmer, meine Mutter hatte mich ihm vorgestellt, und bat um die Erlaubnis, zu Hause telefonisch Bescheid sagen zu dürfen, daß ich bestanden habe. Der Chef schnappte erst mal nach Luft ob dieser Unverfrorenheit; half mir dann aber, das Telefon mit einem Hocker in halber Wandhöhe zu erreichen. Dieses Vorkommnis gab er später im Kollegium zum allgemeinen Gaudium zum Besten, ein Zeichen, daß auch schon damals das Gymnasium nicht mehr als autoritär anzusehen war, obwohl das Kollegium außer dem Direktor und einem Studienrat aus durchaus konservativen Lehrkräften alter Schule bestand. In der Sexta hatten wir besagten Dr.Faust als Klassenlehrer von 36-Schülern. Er gab Latein und Deutsch und hat uns als Sprachlehrer für Latein, später auch Griechisch, durch die ganze Gymnasialzeit begleitet. Mir machten Sprachen immer schon Spaß, und so habe ich mich sehr schnell mit der Systematik und Exaktheit des Lateinischen befreunden können. Ich stehe bis heute auf dem Standpunkt, daß Latein bedeutet: entweder man weiß, wie es richtig ist oder man weiß es nicht. Ein Raten oder Drumherumreden, wie es bei anderen Sprachen möglich sein mag, gibt es hier nicht. Die Grammatik und die Formenlehre müssen gepaukt werden, damit sie "sitzen". Und das passiert leichter vor der Pubertät als hinterher. Deshalb sollte Latein so früh wie möglich gelernt werden, möglichst als erste Fremdsprache. Neusprachler und Mathematiker haben mir gesagt, das logische Denken wird durch ihre Fachbereiche genau so gut gelernt. Aus Erfahrung mit anderen sehe ich, was es bedeutet, wenn man sich mit der Formenlehre herumschlagen muß in einem Alter, wo man sich lieber mit den jungen Damen der Lyzeen bei Tanzstundenbällen, Schulfesten o.ä. befaßt.

Einer meiner engsten Freunde aus damaliger Zeit, der für Sprachen nicht viel übrig hatte, wurde für mich ein treuer Begleiters und so konnte ich ihm über manche Klippe hinweghelfen, was er mir auf anderen Gebieten entgalt. Seine Eltern bewohnten die obere Etage eines zweigeschossigen Hauses, in der früher jeweils drei Wohnungen für Arbeiter der Konservenfabrik der preußischen Armee in Haselhorst gewesen waren. Der Garten war nur durch eine niedrige Mauer vom alten Gutshof Haselhorst getrennt, und wir hatten hier eine schöne Jugendzeit. Mein Freund Horst war mehr naturwissenschaftlich orientiert, wir experimentierten mit seinen Kosmos-Baukästen. Als ich ihm zu einem Geburtstag das Buch von Bruno H. Buergel "Aus fernen Welten" schenkte, erwachte seine Liebe zur Astronomie, die ihn ein ganzes Leben nicht mehr verlassen hat. Er fing damit auch im Studium an und wechselte erst zur Jurisprudenz, als sein Vater ihm die Astronomie als brotlose Kunst darstellte. Dieser Vater, war Amtsgerichtsrat in Spandau, selbst Sohn eines Pfarrers, und ich erinnere mich, mit welchem Eifer er mir die Anfänge des Hebräischen beizubringen suchte, das zum gebildeten Humanisten der Oberstufe als Arbeitsgemeinschaft dazugehörte, aber zu dieser Zeit nicht mehr gelehrt werden durfte. Dieser Freundschaft verdanke ich auch frühe Bekanntschaft mit dem Tennis, das wir ja nur als Tischtennis betrieben. Da mein Freund durch eine Hüftgelenkentzündung, die er sich als Folge einer Angina zugezogen hatte, behindert war mit Fehlstellung und Verkürzung des Beines, hatten die Eltern ihm, der ja von Turnen und Sport und später vom Wehrdienst befreit war, an der Ostsee Tennisstunden geben lassen. Nach der Rückkehr wollte er zu Hause weiterspielen und begeisterte auch seine Freunde dafür. Auf dem Grundstück, das zur Wohnung gehörte, wurde mit Holzpfosten und Kaninchendraht das "Netz" hergestellt und dann auf dem "Acker" "gekloppt" mit den alten Schlägern aus den Elternhäusern. Der Platz war eine "Wiese", die immer mehr zum "Sandplatz" wurde, aber wir hatten unseren Spaß und bekamen ein gutes Ballgefühl. In der Quarta bekamen wir mit Englisch die zweite Fremdsprache. heute bedaure ich, daß es nicht Französisch war. Ursprünglich gehörte Französisch zum Gymnasium als Diplomatensprache. Englisch hätte sich leichter nachlernen lassen. So habe ich mich später freiwillig darum bemüht, aber als Hugenottenabkömmling niemals die Sprache meiner Vorväter richtig gelernt. Dazu muß man hierbei auch die Grammatik und Formenlehre pauken, um ein schönes Französisch zu sprechen. In entsprechender Umgebung kann ich mich nach kurzer Zeit verständigen; aber zu einem intellektuell anspruchsvollen Gespräch reicht es nicht. Ein Jahr später war Französisch wieder bei uns 2. Fremdsprache. Beide neuen Sprachen vertrat bei uns Dr. Böhnke. In der Untertertia kam Griechisch hinzu. Aber inzwischen hatte sich die politische Landschaft verändert.

Nach dem Schwarzen Freitag an der New Yorker Börse setzte die Weltwirtschaftskrise ein, und das Deutsche Reich mit der eben von den Kriegsfolgen etwas erholten, aber von den restlichen Kriegslasten stark geforderten Wirtschaft erlebte eine Regierungskrise nach der anderen. Die Zahl der Arbeitslosen stieg in die Millionen, die Beamtengehälter wurden gekürzt, auf den Straßen lieferten sich die Rechts- und Linksextremisten Tag für Tag Straßenschlachten; sie waren sich nur einig, wenn es gegen die verhaßte Weimarer Republik und ihren Schutzbund, das Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold, ging. Zu der Zeit war meine Mutter im Elternbeirat unserer Schule Mitglied und hatte Mühe, ihre Anschauung gegen die sehr konservativen anderen Mitglieder zur Geltung zu bringen. Nur die Achtung, die man ihrer Persönlichkeit entgegenbrachte, einmal weil sie als Frau ihren Mann stand (ohne Quotenregelung !), zum anderen, weil sie in ihrer politischen Überzeugung echt war. Auch im Kollegium begannen sich die politischen Spannungen im Sinne der späteren "nationalen Revolution" herauszubilden. Es gab auch schon Schüler, die sich in den Klassen offen zur NS-Ideologie bekannten. Ob sie damals schon zur HJ gehörten, weiß ich nicht, jedenfalls hatte ich auch Anpöbeleien und Schlägereien durchzustehen, da man ja meine Einstellung kannte. Mein guter Leistungsstand in der Schule kam mir allerdings dabei zugute, da die, die außerschulisch politisch aktiv waren, meist in der Klasse zum letzten Drittel gehörten und bei der Versetzung in die nächste Klasse zurückblieben. Dafür kamen aber mit den Sitzenbleibern aus der nächsthöheren Klasse andere ähnlicher Couleur hinzu, die bei uns versuchten, ihr höheres Alter und ihre grössere körperliche Kraft zum Einsatz für den Sieg Adolf Hitlers zu bringen. Der Papenputsch Juli 1932 schaltete die Preussen-Regierung als wichtigsten Hüter der Demokratie in Deutschland aus, Paul Löbe war nicht mehr als Vertreter der stärksten Fraktion Reichstagspräsident, seinen Platz nahm Hermann Göring ein. Im Herbst 32 beim BVG-Streik traten Goebbels und Ulbricht Arm in Arm gegen den Staat auf. Die Arbeitslosigkeit betrug über 6 Mio., Hindenburg als Reichspräsident war der Lage nicht gewachsen und ließ sich gegen seinen erklärten Willen von "nationalen" Kreisen dazu drängen, Hitler zum Reichskanzler zu ernennen. Sie hofften, in einem Kabinett mit nur drei Nat.-Soz. gegenüber einem knappen Dutzend Konservativer Hitler nach Beseitigung der Weimarer Republik schon zähmen zu können, notfalls mit der Reichswehr. Die Nat.-Soz. hatten Dezember 32 bei der Reichstagswahl erstmals einen deutlichen Stimmenrückgang hinnehmen müssen. General Schleicher als Reichskanzler hatte versucht, mit den Arbeiterparteien und den Gewerkschaften in Kontakt zu kommen, um die Nazis zu verhüten, vor allem wegen ihrer halbmilitärischen Organisationen, der SA und SS; aber er war beim "alten Herrn" in Ungnade gefallen, und so kam Hitler in allerletzter Minute, bevor sein Stern zu sinken begonnen hatte, an die Macht mit Hilfe des Rechtskartells. Nach dem Reichstagsbrand wurde die KPD verboten, und die NSDAP glaubte, nun für sich den Weg zur absoluten Macht freizuhaben. Sie hofften dabei auch auf ehemalige KPD-Anhänger, da diesen ja totalitäre Anschauungen und solche Politik nicht so fremd waren. Die Wahl vom 5.März 33 brachte für die NSDAP insofern eine Enttäuschung, als sie nicht die absolute Mehrheit (trotz Wegfalls der KPD) erreichte, sondern nur 47%. Sie brauchte also die Rechtsparteien mit ihren 5,2%. Diese fühlten sich als Zünglein an der Wage, zumal wie oben aufgeführt, zunächst nur 3 NS-Leute im Kabinett saßen. Sie halfen bei der Beseitigung der Rechtsstaatlichkeit wacker mit, z.B. mit dem berüchtigten § 4 des Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums. Damit wurde missliebige Leute in Pension geschickt; meinem Vater wurde diese Zwangspensionierung auch angedroht. Seine Rechtfertigung für seine politische Anschauung, die ihn von der Demokratischen Partei dann zur SPD geführt hatte, war so deutlich ohne Kotau vor den neuen Herren, wie diese ihn in jener Zeit gewohnt waren, daß man sich wohl seiner langen Berufserfahrung und seines untadeligen Rufes in der Spandauer Kollegenschaft erinnerte und die Androhung zurückzog. Wie weit hier die speziellen Spandauer Verhältnisse eine Rolle spielten, kann ich leider nicht mehr feststellen, ich hatte versäumt, mir nach seinem Tode seine Personalakte aushändigen zu lassen, aus der sicher manches Interessante herauszulesen gewesen wäre. Um das Jahr 1930 war mein Vater von dem ihm befreundeten Dr.Herz, der in Spandau Stadtrat gewesen war und dann als Bgm. nach Kreuzberg ging (1926), für eine Schulleiterstelle vorgesehen worden und hatte sich dazu nach Kreuzberg versetzen lassen. Als die Nazis dann Dr. Herz unter unwürdigsten Umständen aus dem Amt jagten, ließ sich mein Vater sofort wieder nach Spandau zurückversetzen, wo er sich seit so vielen Jahren im Schuldienst zu Hause fühlte und glaubte, besser über die Nazizeit hinwegzukommen. Das bewahrheitete sich dann ja auch. Da man wußte, zu welcher Aufgabe er nach Kreuzberg versetzt worden war, versuchte man sogar, ihn in Spandau für sich "einzukaufen". Der Schulrat bot ihm an, ihn auch ohne Mitgliedschaft in der NSDAP zum Schulleiter zu machen, wenn er nur eine Funktion im NS-Lehrerbund, in den hinein sein Berliner Lehrerverein gleichgeschaltet worden war, übernehmen würde, z.B. Beitrag kassieren. Mein Vater lehnte dankend ab und überstand die Nazizeit für seine Einstellung am besten, als er sich immer die untersten Klassen zuteilen ließ, in denen noch kein politischer Stoff zu vermitteln war. Es wurde ihm sogar positiv angerechnet, daß er als älterer Lehrer sich der Erziehung der Jüngsten unterzog, was pädagogisch eine der schwierigsten aber auch wichtigsten Aufgaben war.

Der letzte Schulrat vor der NS-Zeit in Spandau hieß Pott, der erste 1933 hiess Topp, was in Spandau Anlass zu manchen Wortspielereien gab. Übrigens war eine Tochter dieses Schulrats mit dem Pfarrer Schlez, einem wüsten Nazi, verheiratet. Ihre Tochter ist die bekannte Schauspielerin Elke Sommer.