Michael Müller. Gedenkrede 2007

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Michael Müller: Gedenkrede 2007

Gedenkfeier am Grab Bernstein 2007: Michael Müller.

Gedenkfeier am Grab Bernstein 2007. Foto: Horb

 

Gedenkrede von Michael Müller, SPD-Landes- und Fraktionsvorsitzender
gehalten auf dem Friedhof Eisackstr. 40 am 19.12.2007

Vor 75 Jahren starb Eduard Bernstein. Er ist einer der herausragendsten Chronisten, Kritiker und Theoretiker der Arbeiterbewegung des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts. Sein Einfluss reichte weit über Berlin und Deutschland hinaus.

Bernsteins journalistisches und wissenschaftliches Werk und seine politische Arbeit in der Stadt sind der Berliner SPD bis heute in Erinnerung geblieben.
Unser Gedenken gilt deshalb auch und ganz besonders dem Berliner Genossen Eduard Bernstein. Dieses Gedenken hat eine lange und gute Tradition, die wir lebendig halten werden.

Im Januar 1950, zum 100. Geburtstag von Eduard Bernstein, veröffentlichte der „Berliner Sozialdemokrat“, (wenn man so will, der Vorläufer der „Berliner Stimme“) einen ungewöhnlichen Geburtstagsgruß. Die Redaktion verband die erste Sitzung des Parteivorstandes in Berlin nach dem Zweiten Weltkrieg und den 100. Geburtstag Bernsteins miteinander.
Sie druckten Bernsteins Vorwort zum ersten Band der „Geschichte der Berliner Arbeiterbewegung“ und kommentierten es folgendermaßen:

„Wir glauben, dass anlässlich der Tagung des Vorstandes der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (…) die Veröffentlichung dieses Vorwortes der schönste Beitrag sowohl zu diesem Ereignis wie zum hundertsten Geburtstag des Mannes ist, der die Berliner Arbeiter lange Jahre im Reichstag vertrat und den sie ihren „Ede“ nannten.“

Diese Verneigung der Berliner SPD wird verständlich, wenn man sich die Bände der „Geschichte der Berliner Arbeiterbewegung“ anschaut. Bernsteins ausgewiesene Fähigkeiten als Journalist und Wissenschaftler waren bereits bekannt. In diesem Buch ist zusätzlich die große Identifikation mit der beschriebenen Berliner Arbeiterbewegung zu erkennen.

Das Vorwort zur Geschichte der Berliner Arbeiterbewegung ist fast auf den Tag genau 101 Jahre alt. Bernstein schreibt darin:
„Sowohl die Umstände, unter denen das Mandat zur Abfassung dieses Buches an mich gelangte, wie die Tatsache, dass es mir vergönnt war, in der Bewegung, die es behandelt, selbst tätig zu sein, haben dazu beigetragen, dass neben dem Bewusstsein der historischen Verantwortung auch ein Gefühl der Erhebung mich bei seiner Abfassung nie verlassen hat.“

Und Bernstein ergänzt feierlich:
„Wie sollte es übrigens anders sein, wo es sich um die Geschichte einer Bewegung handelt, die begeisterte Kämpfer nach Überwindung einer Epoche der ersten Schwierigkeiten in beständigem Aufstieg von Sieg zu Sieg geführt haben.“

In der Art und Weise, wie die Berliner SPD im „Berliner Sozialdemokrat“ an den 100. Geburtstag Bernsteins gedachte, ist auch das weitere Wachhalten der Erinnerung an Bernstein angelegt.

Im Dezember 1957, zum 25. Todestag Bernsteins, erscheint in der „Berliner Stimme“ eine große Würdigung, die fast als ein Versuch der Rehabilitation des auch in der SPD lange verkannten und bekämpften Bernsteins gelesen werden kann. Auch dieser Beitrag endet mit der Würdigung des Menschen Eduard Bernstein: Die „Lauterkeit seines Charakters“ und der Mut, die Erkenntnisse seiner wissenschaftlichen Arbeit „ohne Rücksichten und Kompromisse auszusprechen“, seien beispielgebend. Der Text schließt mit dem Hinweis, dass Bernstein zu den großen Sozialdemokraten gehöre, „deren Vorbild uns Mahnung und Aufgabe ist.“

1981 enthüllte der damalige Regierende Bürgermeister Hans Jochen Vogel vor dem Haus in der Bozener Str. 18, in dem Bernstein von 1918 bis zu seinem Tode lebte, eine Gedenktafel. Seitdem gibt es neben diesem Ehrengrab immerhin einen zweiten Gedenkort.

Und auch zu seinem 70. Todestag vor fünf Jahren hat sich die Berliner SPD an diesem Grab versammelt, um „eine große Gestalt in der Ideen-Geschichte der deutschen Sozialdemokratie“ zu ehren, wie Manfred Rexin Bernstein damals in seiner Ansprache bezeichnet hat.

Ich wünsche mir, dass wir mit unserem Gedenken heute und mit dem neuen, größeren Grabstein die Erinnerung an Bernstein sichtbar und wach halten können. Dabei werden wir auch in Zukunft auf das Engagement unserer historischen Kommission angewiesen sein, für deren Vorarbeiten ich mich herzlich bedanken möchte.

Die Idee des neuen Grabsteins ist vor fünf Jahren an dieser Stelle entstanden.
Holger Hübner, Heiner Wöhrmann, Rainer Sandvoß und Siegfried Heimann haben die Idee weiterverfolgt, Gespräche mit dem Willy-Brandt-Haus und dem Kurt-Schumacher-Haus geführt und Vorschläge für die Gestaltung des Grabsteins eingeholt. Ohne ihren Einsatz wäre die Idee nicht realisiert worden.

Außerdem möchte ich mich bei Hubertus Heil bedanken. Nach unserer Kranzniederlegung im September am Grab von Franz Künstler auf dem Friedhof der Sozialisten nimmt er innerhalb weniger Monate bereits zum zweiten Mal an einer für die Berliner SPD – aber offensichtlich auch für den Parteivorstand - wichtigen Gedenkveranstaltung teil.

Schließlich möchte ich mich auch bei der Tempelhof-Schöneberger SPD bedanken, die die Grabpflege übernommen hat. Das ist aus meiner Sicht ein nicht zu unterschätzender Beitrag zum Gedenken an Bernstein. Außerdem hat auch die SPD Tempelhof-Schöneberg die Initiative für einen neuen Grabstein unterstützt.

Vielen Dank für Eure Aufmerksamkeit

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Gedenkfeier am Grab Bernstein 2007: Dilek Kolat, Hubertus Heil.

Gedenkfeier am Grab Bernstein 2007: Dilek Kolat, Hubertus Heil. Foto: Horb

 
 

Neuer Grabstein für Eduard Bernstein

Grabstein von Bernstein 2007.

Grab von Bernstein 2007. Foto: Horb