Manfred Rexin: Zum 70.Todestag von Eduard Bernstein

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Manfred Rexin: Zum 70.Todestag von Eduard Bernstein

Grabstein für Eduard Bernstein (bis zum Jahr 2007)

ehemaliger Grabstein für Bernstein. Aufnahme aus dem Jahr 2000, drei Tage nach dem 150. Geburtstag Bernsteins. Foto: Hübner

 

Ansprache von Manfred Rexin zum 70.Todestag von Eduard Bernstein

Der Mann, an dessen Grab wir uns hier versammeln – siebzig Jahre nach seinem Tod - , war eine große Gestalt in der Ideen-Geschichte der deutschen Sozialdemokratie, ein Autor, dessen Schriften auch soziale Bewegungen in anderen industriellen Gesellschaften beeinflusst haben, so wie er geprägt worden war von seinen Erfahrungen in den Ländern, in denen er Zuflucht gefunden hatte, als das wilhelminische Deutschland ihm – 22 Jahre lang – mit Haft und Repression drohte. Soll man es als einen glücklichen Umstand werten, das ihm, dem Juden Bernstein, dem Demokraten, dem herausragenden Theoretiker der Reform-Linken, durch sein Ableben am 18.Dezember 1932 erspart blieb, noch einmal über eine Flucht aus Deutschland nachdenken zu müssen ? War es nachgerade sein Glück, dass der kranke Greis nicht mehr Zeuge dessen wurde, was seinen Landsleuten unter der Herrschaft des Hakenkreuzes widerfuhr – namentlich denen, die seine Überzeugungen teilten ?

Eduard Bernstein ist in Berlin zur Welt gekommen – 1850, Anfang Januar – als Sohn eines Lokomotivführers. Er wuchs auf in einer kinderreichen jüdischen Familie, der eine kleinbürgerliche Lebens- und Denkweise zu bescheinigen, wohl irrig wäre – immerhin sorgte dieses Elternhaus dafür, dass der Sohn trotz aller wirtschaftlichen Nöte bis zu seinem 16.Lebensjahr das Gymnasium besuchen und eine Banklehre absolvieren konnte. In Bernsteins Aufzeichnungen über seine Kindheit und Jugend finden sich Erinnerungen daran, dass der „väterliche Stammbaum nach Polen auf eine Reihe von Gelehrten und Rabbinern“ wies , und daran , dass der Großvater in Danzig – „auch er ein Stück Gelehrter“ - in seinem Ladengeschäft eine Leihbibliothek betrieben hatte und Büchern sehr zugetan gewesen war.
Es müssen in diesem Elternhaus fortschrittliches Denken und demokratischer Sinn geherrscht haben, die dazu beitrugen, dass Eduard Bernstein - nach dem deutsch-französischen Krieg und Bismarcks martialischer Reichsgründung – bereits als Zweiundzwanzigjähriger 1872 der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei beitrat, die August Bebel und Wilhelm Liebknecht drei Jahre zuvor in Eisenach gegründet hatten.

1875 – nach dreijähriger Mitgliedschaft - war Bernstein bereits Delegierter des Gothaer Parteitages, der die „Lassalleaner“ und die „Eisenacher“ zusammenführte. Am Gothaer Programm hat er mitgearbeitet, wenn auch nicht in dem Maße wie bei späteren Partei-Konzepten..
Noch vor dem Erlass des Sozialistengesetzes ging Bernstein in die Schweiz, 28jährig . Nach Zürich lockte ihn das Angebot, Privatsekretär von Dr.Karl Höchberg, zu werden, Mitarbeiter eines ethischen Sozialisten, der das „Jahrbuch für Sozialwissenschaft und Sozialpolitik“ herausgab und der Bernstein in der Folgezeit den Weg in die Redaktion des Wochenblatts „Socialdemokrat“ bahnte, das nach dem Erlass des „Gesetzes gegen die gemeingefährlichen Bestrebungen der Sozialdemokratie“ zum wichtigsten Sprachrohr der in Deutschland unterdrückten Sozialdemokraten wurde.

Fast acht Jahre lang hat Bernstein in Zürich dem Blatt Profil gegeben, ein durchaus marxistisches Profil - in engem Gedankenaustausch mit den beiden Alten , Marx und Engels, die in London ihr Exil gefunden hatten. 1888 allerdings musste die Redaktion die Schweiz verlassen – deren Obrigkeit beugte sich dem Druck aus Berlin. Auch Bernstein fand eine neue Zuflucht im britischen Exil – dort setzte er seine trotz mancher Meinungsverschiedenheit in langen Jahren bewährte Zusammenarbeit mit Friedrich Engels fort – bis zu dessen Tod 1895. Engels hatte ihn als seinen Nachlaßverwalter eingesetzt.

Bernstein erfüllte diesen Auftrag getreulich, ging aber in seinen politischen Ideen bald einen anderen, seinen ganz eigenen Weg, den der kritischen Überprüfung und teilweisen Revision Marxschen Denkens. Mancher Schriftgelehrte hat später darüber meditiert, ob der späte Engels nicht mit einigen Thesen ebenfalls eine beginnende Abkehr vom Marxschen Konzept angedeutet hatte.

Was Bernstein – beginnend 1896 – in einer Artikelserie in der von Karl Kautzky herausgegebenen „Neuen Zeit“ und dann vor allem in seinem Buch „Die Voraussetzungen des Sozialismus und die Aufgaben der Sozialdemokratie“ ausführte, trug ihm zornigen Widerspruch ein – Empörung nachgerade auf sozialdemokratischen Parteitagen wie denen in Hannover vor der Jahrhundertwende und – besonders erbittert - in Dresden 1903.

Was hatte Bernstein geschrieben – was löste jenen erbitterten „Revisionismus“-Streit in der deutschen Sozialdemokratie aus, in dem Bernstein zunächst zu unterliegen schien und von dem gut 60 Jahre später, als die Sozialistische Internationale in Brüssel ihr hundertjähriges Bestehen feierte, Carlo Schmid sagte : Er, „Eduard Bernstein hat auf der ganzen Linie gesiegt.“ Was veranlasste noch in den 9oer Jahren des XX. Jahrhunderts einst linientreue deutsche Kommunisten, in den Schriften Bernsteins Rat zu suchen, nachdem die reale Geschichte die Dogmen ihres Weltbildes so gründlich demoliert hatte ?

Wenn man ihm vorwerfe, aus seinen Aufsätzen folge der Verzicht auf die Eroberung der politischen Macht durch das politisch und wirtschaftlich organisierte Proletariat, so sei das eine willkürliche Folgerung, deren Richtigkeit er entschieden bestreite, hatte Bernstein in einem Brief an den Stuttgarter Parteitag 1898 geschrieben : Willkürlich und falsch sei „die Anschauung , dass wir vor einem in Bälde zu erwartenden Zusammenbruch der bürgerlichen Gesellschaft stehen und dass die Sozialdemokratie ihre Taktik durch die Aussicht auf eine solche bevorstehende soziale Katastrophe bestimmen, bzw. von ihr abhängig machen soll“ .

Eine Kernthese will ich hier zitieren (verkürzt – eingedenk der Friedhofskälte an diesem Morgen) : „Die Anhänger dieser Katastrophentheorie stützen sich im wesentlichen auf die Ausführungen des Kommunistischen Manifestes. In jeder Hinsicht mit Unrecht.
Die Prognose, welche das Kommunistische Manifest der Entwicklung der modernen Gesellschaft stellt, war richtig, soweit die allgemeinen Tendenzen dieser Entwicklung kennzeichnete. Sie irrte aber in verschiedenen speziellen Folgerungen, vor allem in der Abschätzung der Z e i t, welche die Entwicklung in Anspruch nehmen würde...
Die Zuspitzung der gesellschaftlichen Verhältnisse hat sich nicht in der Weise vollzogen, wie sie das Manifest schildert. Es ist nicht nur nutzlos, es ist auch die größte Torheit, sich dies zu verheimlichen. Die enorme Vermehrung des gesellschaftlichen Reichtums wird nicht von einer zusammenschrumpfenden Zahl von Kapitalmagnaten, sondern von einer wachsenden Zahl von Kapitalisten aller Grade begleitet. Die Mittelschichten ändern ihren Charakter, aber sie verschwinden nicht aus der gesellschaftlichen Stufenleiter...
Politisch sehen wir das Privilegium der kapitalistischen Bourgeoisie in allen fortschrittlichen Ländern Schritt für Schritt demokratischen Einrichtungen weichen. Unter dem Einfluss dieser
und getrieben von der sich immer kräftiger regenden Arbeiterbewegung hat eine gesellschaft-liche Gegenaktion gegen die ausbeuterischen Tendenzen des Kapitals eingesetzt, die zwar heute noch sehr zaghaft und tastend vorgeht, aber doch da ist und immer mehr Gebiete des Wirtschaftslebens ihrem Einfluss unterzieht. Fabrikgesetzgebung, die Demokratisierung der Gemeindeverwaltungen und die Erweiterung ihres Arbeitsgebietes, die Befreiung des Gewerkschafts- und Genossenschaftswesens von allen gesetzlichen Hemmungen, Berücksichtigung der Arbeiterorganisationen bei allen von öffentlichen Behörden vergebenen Arbeiten kennzeichnen diese Stufe der Entwicklung... Je mehr aber die politischen Einrichtungen der modernen Nationen demokratisiert werden, umso mehr verringern sich die Notwendigkeiten und Gelegenheit großer politischer Katastrophen...“

Wer das heute liest, mag sich wundern, warum dagegen so heftiger Widerspruch laut wurde, aber unter dem Regime des Sozialistengesetzes und auch nach dessen Aufhebung weiterhin geknebelt von den Fesseln polizeistaatlichen Versammlungsrechts und vom preußischen Drei-Klassen-Wahlsystem - hatte sich in der deutschen Sozialdemokratie ein Traum behauptet – der Traum vom einem raschen Ende der politischer und ökonomischer Nöte – wie sie etwa August Bebel mit Blick auf die sich häufenden Konjunkturkrisen verheißen hatte : „Schließlich stürzt der ganze Plunder durch einen tüchtigen Ruck wie ein Kartenhaus zusammen“ – das nahe Zeitalter des Sozialismus werde mit historischer Notwendigkeit eintreten.

Bernsteins Rückkehr aus dem Exil wurde nach dem Beginn des neuen Jahrhunderts möglich - bei der Aufhebung von Haftbefehlen, die das Ende des Sozialistengesetzes lange überdauert hatten, spekulierten die Herrschenden, Bernstein werde der etablierte Parteiführung einen offenen Machtkampf aufnötigen. Dazu hatte er weder den Willen noch das rhetorische Talent für Massenversammlungen. Er entschied sich für parlamentarische Arbeit – als Reichstagsabgeordneter , gewählt in Breslau-West bereits 1902, nach fünfjähriger Unterbrechung wiedergewählt für die Jahre von 1912 bis 1918.

Ein jüngerer Zeitgenosse, der auch einen Breslauer Wahlkreis vertrat und später in der Weimarer Zeit Reichstagspräsident wurde , Paul Löbe, hat ihm bescheinigt, einer der rührigsten Abgeordneten gewesen zu sein – wirksam auf vielen Feldern, „Verfassungsfragen, Steuerfragen, Wirtschaftsfragen, die Auswärtige Politik wurden seine Hauptgebiete, doch hat er neben ihnen manches andere Feld fleißig beackert und auch den lokalen Wünschen und Schmerzen seiner Breslauer Wähler vernehmlichen Ausdruck gegeben... Fast seherisch muten die Reden Bernsteins an, in denen er auf die verhängnisvollen Wirkungen der deutschen Flottenpolitik hinwies – zuletzt noch im Mai 1914 – in denen er die deutsche Regierung warnte, sich von der Habsburgischen Politik Österreichs ins Schlepptau nahmen zu lassen.“

Als jene Befürchtungen sich wenige Monate später bestätigten, gehörte er zu den Abgeordneten, die zunehmend an einer „Politik des Burgfriedens“ zweifelte. Er nahm Konflikte mit engeren politischen Freunden vom rechten Flügel der Partei in Kauf . 1917 schloss er sich der USPD an. Als deren Mehrheit einen leninistischen Weg einschlug, kehrte er in die Mehrheitssozial-demokratie zurück. Er vertrat sie – nun als Berliner Abgeordneter bis 1928 – wieder im Reichstag, anerkannt als einer der prägenden Verfasser ihres Görlitzer Programms von 1921, unermüdlich auch im Widerspruch zu denen, die jeden deutschen Anteil an der Kriegsschuld leugneten und damit den Nazis den Weg zu deren Wahlerfolgen in den frühen 30er Jahren bahnten. Der Bernstein von 1914, der im Taumel kurzschlüssiger Kriegsbegeisterung für eine Politik internationaler Verständigung geworben hatte, blieb sich auch darin treu – bis zu seinem Tod – heute vor 70 Jahren.

Warum ist er unvergessen, wie ein Blick in jede halbwegs gut ausgestattete Volksbibliothek lehrt?
Die Antworten auf strittige Fragen zu einem menschlicheren, sozial gerechteren Leben, die er am Ende des 19. Jahrhunderts fand, taugen nicht allesamt für den Beginn des 21. – für unsere Zeit mit ihren Schlagworten Globalisierung, Kommunikationsvernetzung, Massenmedien, Umwelt-verschmutzung, demografischer Wandel, Klima-Umbruch, Terrorismus, Fundamentalismen, alte Krisen, neue Kriege.

Es gab ein Wort von Bernstein, dass vielen seiner Zeitgenossen auf den ersten Blick als Ärgernis erschien – jenes Wort, dass der Weg, die Bewegung, wichtiger sei als das Ziel, ein missverständlicher Satz, den ich daher noch einmal in seinem Original zitieren möchte :

„Ich gestehe es offen, ich habe für das, was man gemeinhin unter ‚Endziel des Sozialismus’ versteht, außerordentlich wenig Sinn und Interesse. Dieses Ziel, was immer es sei, ist mir gar nichts, die Bewegung alles. Und unter Bewegung verstehe ich sowohl die allgemeine Bewegung der Gesellschaft, d.h. den sozialen Fortschritt, wie die politische und wirtschaftliche Agitation und Organisation zur Bewirkung dieses Fortschritts.“

Und an anderer Stelle (in einem Brief an den österreichischen Sozialisten Victor Adler 1899) : „Wenn wir uns genauer prüfen, so ist es nicht der hypothetische Zukunftsstaat, der uns zu Sozialisten macht, auch nicht der Ausblick auf die große allgemeine Expropriation, sondern unser Rechtsgefühl. Dieses aber, das Streben nach Gleichheit und Gerechtigkeit ist, soweit ideelle Kräfte in Betracht kommen, das dauernde Element in der Bewegung, das alle Wandlungen der Doktrin überlebt, aus dem sie zu allen Zeiten immer wieder neue Kraft schöpft.“