Beese, Hertha

Geschichte: Personen A-K

Hertha Beese

Hertha Pauline Ernestine Beese, geb. Scholz ist am 10.9 1902 geboren und am 15.10.1987 in Berlin gestorben.
Sie war Lehrerin in Lichtenberg und Reinickendorf. 1945/46 hat sie das sozialpädagogische Seminar in Cottbus geleitet und 1946 die Leitung der Sozialen Frauenschule Potsdam übernommen.
Ab 1916 war sie Mitglied der SAJ, ab 1919 der SPD und Mitglied im SPD-Kreisvorstand Neukölln sowie Mitbegründerin der Jungsozialisten. Im selben Jahr wurde sie Mitglied im Vorstand der Berliner Arbeiterjugend und außerdem Mädelsekretärin im Reichsvorstand der Arbeiterjugend und in dieser Funktion beratendes Mitglied im SPD-Parteivorstand.1945 ist Hertha Beese in den SPD-Vorstand Cottbus gewählt worden. Sie wurde Landtagsabgeordnete und Vertreterin der SPD im Antifa-Ausschuß. 1946 ist sie nach Berlin umgezogen und dort in den SPD-Kreisvorstand Wilmersdorf gewählt worden. 1947 wurde Hertha Beese hauptamtliche Referentin der SPD-Berlin und ab 1947 ist sie in den AWO Landesvorstand gewählt worden. Von 1975 bis 77 bekleidete sie die Funktion der stellvertretenden Landesvorsitzenden. 1947/48 war sie Beisitzerin im SPD-Landesvorstand. Von 1949 bis 1965 hatte sie die Funktion als Bezirkstadträtin für Jugend in Reinickendorf inne, in dieser Zeit leitete sie auch den Arbeitskreis Jugend der SPD.
Ab 1950 wurde sie zusätzlich stellvertretende Bezirksbürgermeisterin und außerdem 1950 und 1957-1958 als SPD-Landesparteitagsdelegierte aufgestellt. Von 1964 bis zu ihrem Tod war sie AWO-Kreisvorsitzende von Wilmersdorf, Vorsitzende des Jugenderholungswerkes und Stadtälteste von Berlin.

Hertha Beese stammte aus einem sehr politisch aktiven Elternhaus. Ihre Mutter war die Bezirks- und Stadtverordnete Gertrud Scholz, spätere Haß. Ihr Vater war der Neuköllner Bürgermeister und Lokalredakteur des Vorwärts Alfred Scholz und ihr späterer Stiefvater der Gewerkschaftsvorsitzende Johannes Haß.
Mit vierzehn Jahren hat sich Hertha Pauline Ernestine Scholz der Jugendgruppe des so genannten „Neuköllner Elternvereins“, einer Tarnorganisation der sozialistischen Bewegung während des Ersten Weltkrieges angeschlossen. Früh bekleidete sie bereits leitende Funktionen, zunächst in der Arbeiterjugend, und später auch in der SPD.
In der Weimarer Republik erarbeitete sie das erste Jugendwohlfahrtsgesetz mit, schrieb bis 1921 für die proletarische Frauenzeitschrift „Gleichheit“, war Funktionärin bei den „Freidenkern“ und „Naturfreunden“ und Mitglied bei den „Kinderfreunden“ und der AWO.
Während der Zeit der nationalsozialistischen Herrschaft arbeitete sie weiter in der Illegalität, wie auch der letzte Berliner Parteivorsitzende Franz Künstler. Sie versteckte Juden und verkaufte Möbel, um das Geld für die illegale Arbeit verwenden zu können. Hertha Beese war des öfteren Hausdurchsuchungen ausgesetzt. Weil sie sich weigerte ihre Tochter in eine Munitionsfabrik zu schicken, versuchten die Behörden ihr die Erziehungsberechtigung über ihre beiden Kinder zu entziehen. Zum Glück ohne Erfolg.
1943 wurde Hertha Beese ausgebombt und nach Cottbus dienstverpflichtet. Hier knüpfte sie sofort erneut Kontakte zu Aktiven in der illegalen Szene. Nach dem Krieg hat sie daran gearbeitet diese Verbindungen zu den ehemaligen Helfern bei der Arbeit im Untergrund, die in alle Länder der Welt ausgewandert waren, aufrecht zu erhalten.
Nach dem Zusammenbruch des Hitlerregimes half Hertha Beese am Wiederaufbau der SPD mit und wurde in den Vorstand des Ortsverbandes Cottbus, in den Brandenburgischen SPD-Vorstand und in den ersten Landtag gewählt. Von 1945 bis Ende 1946 war sie Direktorin des Sozialpolitischen Seminars der Provinzialregierung, das zu einem Teil Kriegsversehrte zu Fürsorgern umschulte.
In dieser Zeit unterhielt Hertha Beese ständig Kontakt zu Franz Neumann, Otto Suhr und Louise Schroeder .
Als nach Kriegsende die SPD in Cottbus wie in der gesamten sowjetisch kontrollierten Zone in die SED gezwungen wurde, verließ Hertha Beese die Stadt, zog nach Berlin um, und übernahm 1946 die Leitung der zunächst in Zehlendorf beheimateten und dann nach Potsdam verlegten sozialen Frauenschule. Weil sie sich auch hier weigerte in die SED einzutreten, versuchte man sie unter Druck zu setzen, indem man ihr nazistische Umtriebe an ihrer Schule vorwarf. Sie belegte die Unhaltbarkeit dieser Vorwürfe, indem sie in einer Erklärung auf ihre illegale Arbeit unter den Nazis hinwies und verließ die Schule. In Berlin widmete sie sich bis zu ihrem Tod ganz der Arbeit in der SPD.
Hertha Beese hat die Entwicklung Reinickendorfs und den Wiederaufbau einer handlungsfähigen und bürgernahen Kommunalverwaltung mitgestaltet und mitgeprägt. Nach der Zulassung eigenständiger Jugendreferate begann sie inmitten der Blockade-Zeit ihre Arbeit als Jugendstadträtin in Reinickendorf. In dieser Zeit blühte der Schwarzmarkt. Vor allem auch die Jugendlichen und Kinder waren am „Organisieren“ von Waren und Gütern und dem Klauen von Kohle beteiligt.
Ein Teil der Jugendarbeit fand in notdürftig hergerichteten Kellern statt, da die meisten Jugendheime in dieser Zeit schwer beschädigt waren.
Hertha Beese setzte sich für mehr Kindertagesstätten ein, gegen den politischen Gegner, der durch ein verknapptes Angebot die Frauen lieber an Heim und Herd binden wollte.
Im Heim- und Pflegebereich bekämpfte Hertha Beese Massenunterbringung der Kinder und schuf familienähnliche Einrichtungen. Später prägte sie durch ihren Einsatz für präventive Drogenarbeit und Hilfen für jugendliche Trebegänger über sechzehn Jahre die jugendpolitische Praxis der SPD.
Nach der Beendigung ihrer Stadträtinnenzeit stand sie der Ziegner-Stiftung vor, die Ausbildungs- und Arbeitsplätze für straffällige und haftentlassene Jugendliche anbot. Sie arbeitete außerdem weiterhin in der AWO und in einer Stiftung für Behinderte. Bis in ihre letzten Lebensjahre blieb sie politisch aktiv. Für ihre besonderen Verdienste ist Hertha Beese zum Dank zur Stadtältesten ernannt worden. Ihr die Marie-Juchacz-Plakette und die Ernst-Reuter-Plakette verliehen worden. In einem Kondolenzschreiben der SPD an die Familie Beese wird der Mut, die Menschlichkeit und die Gradlinigkeit von Hertha Beese, „dieser großartigen Frau“, hervorgehoben.

Quellen:

Bettina Michalski, Louise Schroeders Schwestern, Bonn, 1996 S. 87-91,
Kondolenzschreiben des SPD Landesverbandes Berlin, von Oktober 1987
Walther G. Oschilewski, „Voller Tatkraft“, Berliner Stimme vom 10.09.77
Pressemitteilung des Landespressedienstes aus dem Abgeordnetenhaus vom 29. Oktober 1987

Karin Müller