Erinnerungen an Erwin Beck

Geschichte: Personen A-K

Erinnerungen an Erwin Beck

Manfred Rexin:
"Er hatte ein starkes Herz. Das hat sein Sterben schwer gemacht und lange währen lassen.
Er hatte ein mutiges Herz. Tyrannischer Gewalt widerstand er und nahm im NS-Staat Verfehmung und Verfolgung auf sich. Seinen Überzeugungen blieb er treu, auch wenn eine Mehrheit ihm darin nicht folgen mochte. Das Geheul der Wölfe hat ihn so manchesmal geängstigt, aber er war nie gewillt, um eines vermeintlich ruhigeren und sicheren Lebens willen in den Chor des Rudels einzustimmen.
Erwin Beck hatte auch ein gütiges Herz. Seine Frau - Ingrid hat das in 38jähriger Ehe erfahren - wie Sohn und Töchter und viele, die ihm nahestanden.
Seine Leidenschaft für das Politische war verbunden mit großer Ehrlichkeit. Masken zu tragen, war ihm fremd und das Instrumentarium taktischer Tricks im Kampf um Einfluss und Macht war nicht sein Werkzeug. Er stand natürlich nicht unbeteiligt jenseits von Fraktionen und Fronten in seiner Partei: er bekannte sich dazu, ein linker Sozialdemokrat zu sein - und das hieß lange Zeit, zu einer Minderheit zu zählen. Aber man wird unter denen, die - als Sozialdemokraten - anderen Sinnes waren, niemanden finden, der ihn je mit unredlichen Mitteln für seine Sache streiten sah.
Es heißt, Politik verderbe einen Charakter. Die Lebensgeschichte Erwin Becks beweist, dass das nicht wahr ist.
Sein Tod - mit 77 Jahren - fällt in eine Zeit, in der Publizisten und Politologen gern und viel vom ‚Ende der Arbeiterbewegung reden, das nun eingetreten sei - in einer gründlich gewandelten sozialen Ordnung. Die alte Arbeiterbewegung habe, so sagt man, ihre Mission erfüllt - ihre Prinzipien, ihre organisatorische Gestalt - das alles tauge nicht mehr für den Rest dieses Jahrhunderts.
Erwin Beck hat das anders empfunden - bis zuletzt, denn er wusste, unter welchem Gesetz diese Arbeiterbewegung angetreten war und dass sie ihre großen Ziele noch längst nicht erreicht hat - den aufrechten Gang jedes Menschen, Freiheit, Gerechtigkeit, Mitverantwortung für eine Republik mündiger Bürger, Selbstbestimmung der Völker, Friede unter den Nationen.
Die Geschichte dieses Lebens ist exemplarisch für das, was die Arbeiterbewegung im 20.Jahrhundert war, was sie bewegte und bewirkte.
Erwin Beck stammte aus einer Berliner Handwerkerfamilie. Schon der Großvater war Sozialdemokrat gewesen. Er hatte noch unter dem Sozialistengesetz an einem Streik für die Einrichtung von Krankenkassen teilgenommen und sich dann in der 80er Jahren des 19. Jahrhunderts selbstständig gemacht. Erwin Becks Vater führte den kleinen Glaserbetrieb weiter. Als der Erste Weltkrieg die Sozialdemokratie spaltete, blieb der Vater in den Reihen der Mehrheitssozialisten, wurde 1918 Mitglied eines Arbeiter- und Soldatenrates - er hat seinem Sohn antimilitaristische Überzeugung vermittelt und in ihm die Hoffnung auf eine bessere Welt geweckt.
Erwin Beck hat oft erzählt, wie er als noch nicht Achtjähriger im Februar 1919 - nach der Ermordung Luxemburgs und Liebknechts - einen leidenschaftlichen Streit in der Familie - zwischen dem Vater und einer zur USPD gehörenden Tante - erlebte - Streit über mögliche Wege zu einer sozialistischen Republik der Deutschen. In der Schule hatte er Lehrer und Mitschüler, die diese Republik schmähten. Das bewog ihn, 16jährig dem Jungbanner Schwarz-Rot-Gold beizutreten, 1927, und im folgenden Jahr wurde er Mitglied der SAJ, der Sozialistischen Arbeiterjugend.
Als 17jähriger war er zum ersten Mal Wahlhelfer der SPD in einer Kampagne unter dem Schlagwort ‚Für Kinderspeisung - gegen Panzerkreuzer'. Dass dann nach der Reichstagswahl von 1928 sozialdemokratische Minister um der Koalitionstreue willen im Kabinett für den Bau des Panzerkreuzers stimmten, war für ihn eine erste schwere Enttäuschung, die Spuren hinterließ.
Er suchte nach Erklärungen für das, was in der zerrissenen Gesellschaft der schwachen Republik geschah. Er fand Antworten, die ihn überzeugten, in Marx'schen Schriften, in Reden Paul Levis , in Seminarvorträgen Karl Schroeders und der Sozialwissenschaftlichen Vereinigung, in der sozialistischen Pädagogik Kurt Löwensteins.
Erwin Beck wäre gern Buchhändler geworden - und er begann auch eine solche Lehre, musste sie aber aus ökonomischen Gründen bald abbrechen und sich für den Beruf des Vaters - für das Glaserhandwerk - entscheiden. Reinhold Walz mag sich erinnern, dass man dem Lehrling Erwin Beck häufig in der Buchhandlung des Partei-/erlages Dietz in der Lindenstraße begegnen konnte - im blauen Arbeitskittel, mit grüner Schürze und einem Glaserkasten auf der Suche nach gedruckten Gedanken.
Der Bildungseifer der Arbeiterbewegung, ihr - zuweilen naives - Vertrauen in die Kraft von Wissen und Wissenschaft, das hat ihn zeitlebens geprägt.
Später war es oft schwierig, Erwin zum Geburtstag ein Buch zu schenken, das er noch nicht hatte, denn er pflegte immer sehr schnell zu beschaffen, was neu und wichtig war auf dem Markt der politisch-historischen Literatur. Von IIse Reichel habe ich erfahren, dass er eine technische Vorrichtung erprobte, die ihn am Einschlafen hindern sollte, wenn er nach den Geschäften eines langen Tages sehr müde war - und dennoch wissensdurstig.
Als die Republik am Ende war, wurde Erwin Beck Werbebezirksleiter der SAJ in Kreuzberg. Zusammen mit anderen versuchte er 1933, Material und Kasse des Verbandes vor dem drohenden Zugriff der braunen Machthaber zu bewahren. Das trug ihm den Groll einer Parteiführung ein, die verzweifelt daran festhielt, dass nur Legalität die Sozialdemokratie retten könne.
Aus der erwähnten Sozialwissenschaftlichen Vereinigung war inzwischen ein Widerstandskreis um Karl Schroeder und Alexander Schwab hervorgegangen - die ‚Roten Kämpfer'. Ihnen schloss sich Erwin Beck an - nicht der Gruppe ‚Neu Beginnen', mit der er auch in Verbindung stand, deren Ideen ihm aber als zu ‚neoleninistisch' erschienen, während er selbst doch unter dem Einfluss Paul Levis rätesozialistischen Konzepten zuneigte.
Er solle aus der Gegend, in der er wohnte, in der Alexandrinenstraße, lieber verschwinden, hatte ihm ein wohlmeinender Polizist schon 1932 geraten. Erwin Beck fand wechselnde Quartiere in Neukölln, und der Glasergeselle konnte gelegentlich auf die Walz gehen - und Kurier sein für die ‚Roten Kämpfer' zwischen den Gruppen in Berlin und denen in Westdeutschland. Erwin Beck erinnerte sich später einer letzten geheimen Zusammenkunft dieses Widerstandskreises 1936 - zur Zeit der Olympischen Spiele in Berlin, als alle Welt dem Hakenkreuz huldigte.
Kurze Zeit später gelang es der Gestapo, die Wattenscheider Gruppe aufzudecken. Härteste Folter zwang die Verhafteten, ihre Verbindungslinien nach Berlin einzugestehen. Im November 1936 wurde Erwin Beck verhaftet - morgens ganz früh, bevor der Tag dämmerte. Das war so üblich, denn in den Berliner Arbeiterbezirken hatte die Gestapo immer noch Gründe, das helle Tageslicht zu scheuen, wenn sie auf Menschenjagd ging.
Nach fast einjähriger Untersuchungshaft erging im Oktober 1937 das Urteil des Kammergerichts - für Erwin Beck wegen ‚Vorbereitung des Hochverrats zwei Jahre, drei Monate Zuchthaus. Er kam zuerst nach Luckau - in den Kerkerbau, in den man zwanzig Jahre zuvor den Kriegsgegner Karl Liebknecht gesperrt hatte.
In den letzten Jahren seines Lebens, wenn die verschlissenen Gelenke schmerzten und er sich nur mit großer Mühe noch bewegen konnte, dann wusste er sehr wohl, woher das Leiden stammte - aus den Löchern und Lagern der Haft.
Im März 1939 aus dem Zuchthaus entlassen und unter Polizeiaufsicht gestellt, galt er zwar zunächst als ‚wehrunwürdig'. Doch nachdem die Wehrmacht Hitlers Krieg nach Russland getragen hatte, holte sie ihn im November 1942 in ihr ‚Strafbataillon 999'. Über Antwerpen, Südfrankreich, Neapel geriet er nach Tunesien - und dort sehr bald, im Mai 1943, in englische Kriegsgefangenschaft. Von den Briten den Amerikanern übergeben, wurde er von Casablanca in die Vereinigten Staaten transportiert - und zuerst in ein texanisches Kriegsgefangenenlager, in dem stramme Nazi-Offiziere immer noch den Ton angeben konnten. Erst in anderen Lagern im Staate Mississippi, schließlich in der Nähe von Boston hatten antifaschistisch gesonnene Deutsche eine Chance, so etwas wie eine demokratische Jugendarbeit zu beginnen - übrigens auch im Umgang mit jungen SS-Soldaten, denen Erwin Beck half, sich von der mörderischen Ideologie zu lösen, die in ihren Köpfen steckte.
Erst im Juni 1946 kehrte er - auf verschlungenen Wegen - aus der Kriegsgefangenschaft heim - nach Berlin. Es hätte ihn gereizt, sich in der Volkshochschularbeit zu engagieren, aber auf den letzten Werbebezirksleiter der Kreuzberger SAJ konnte und wollte das neue Jugendamt nicht verzichten - und auch im Hauptjugendausschuss des Magistrats von Groß-Berlin waren sein Rat und seine Mitarbeit erwünscht.
Der Sozialdemokrat Erwin Beck widersprach dem Herrschaftswillen der Einheitspartei und der sehr bald in ihr Fahrwasser gelenkten FDJ. Als EIla Kay nach der Teilung der Stadt das neue Hauptjugendamt für die Westsektoren Berlins aufbaute mit jener einzigartigen Tatkraft, die ihr eigen war und die unvergesslich ist, - da wollte sie Erwin Beck als Leiter des Amtes für Jugendförderung an ihrer Seite wissen.
Der Rat der Volksbeauftragten hatte 1918 den Acht-Stunden-Tag proklamiert. EIla Kay , Erwin Beck und ihre Mitstreiter waren nicht geneigt, dies als eine zwingende Vorschrift für sich selbst einzuhalten. Es gab dann halt nächtelang kaum noch ein paar Stunden Schlafs, als z.B. die gesetzlichen Grundlagen des Jugendaufbauwerks in Berlin zu entwerfen waren.
Im Amt gefordert, mit der Not einer Stadt konfrontiert, die nach dem Ende der Blockade 300.000 Arbeitslose zählte, hat Erwin Beck dennoch einen Teil seiner durch Pflicht und Auftrag eingeschränkten Zeit darauf verwandt, im Landesvorstand der Berliner Falken am Aufbau der sozialistischen Jugend mitzuwirken.
1955 wurde er Stadtrat für Jugend und Sport in Kreuzberg, in seinem Bezirk, und er blieb es zwanzig Jahre lang. Nirgendwo existiert eine Strichliste, eine Statistik, deren Ziffern belegen könnten, wie vielen zerstörten Familien - und ihren Kindern - der Stadtrat Beck geholfen hat, wie viele Jugendliche er auf den Weg gebracht hat, der es ihnen erlaubte, ihr eigenes Schicksal zu bestimmen, doch sie sind unter uns in dieser Stadt - in einer unüberschaubar großen Schar. Mag der Name Kreuzbergs, mag die alte Postleitzahl SO 36 heute manchem als Synonym für Unrast, Unglück und den Verlust der Hoffnung auf eine sinnvolle, menschliche Zukunft gelten - das löscht nicht aus, was hier geleistet wurde für bedrängte Menschen in jenem Stadtteil, um den Erwin Beck sich gemüht hat - 20 Jahre lang als Stadtrat, 13 Jahre lang als stellvertretender Bürgermeister bis zu seiner Pensionierung 1975 und dann noch einmal als Parlamentarier im Abgeordnetenhaus - von 1977 bis 1979 - und als Mitglied der Arbeiterwohlfahrt.
Dass ihm das Amt Zwänge auferlegte, dass gesetzliche Normen und Etatschranken seinen Handlungsspielraum eingrenzten, wusste er - und doch hat er Anfang der 70er Jahre - wütend befehdet von einem Teil der veröffentlichten Meinung in dieser Stadt - gezeigt, dass es möglich ist, auch sehr schwierigen Jugendlichen, Trebegängern, einen Ort der Selbstbestimmung und der Hoffnung zu geben.
Erstaunlich, bewundernswert, wie es ihm gelang, trotz der wachsenden Erschöpfung des Alters immer noch Antrieb und Ansporn zu sein für andere - vor allem in der Berliner Sektion der Internationalen Liga für Menschenrechte, einer kleinen Vereinigung mit einer großen verpflichtenden Tradition, auch im Comenius-Club, der neue Brücken nach Osteuropa zu schlagen suchte, im Franz-Neumann-Archiv, das er 1974 mitbegründete, dessen stellvertretender Vorsitzender er bis zu diesem Frühjahr 1988 war, er, der seine Partei immer wieder mahnte, ihre Vergangenheit nicht zu vergessen - ihre Siege nicht, weder Niederlagen noch Irrtümer und schon gar nicht Auftrag und Gesetz, unter dem sie vor 125 Jahren angetreten ist.
Dass er in vier Jahrzehnten Nachkriegszeit so viel zu leisten vermochte, für seine Stadt und ihre Menschen, das hatte er, das haben wir ganz wesentlich auch seiner Frau zu verdanken, Ingrid, die ihm den Rücken freihielt, die ihn stärkte, die ihm mit ordnender Hand aus einem Berg von Papieren zureichte, was er gerade vermisste.
Er hatte ein starkes Herz, sagte ich, ein mutiges Herz, er war ein grundehrlicher und gütiger Mensch - und er verbarg seine Gefühle nicht, wenn er Verse und Töne vernahm, die ihm seit seiner Zeit in der SAJ vertraut waren - wie jenes Lied, das ‚hell aus dem dunklen Vergangenen' eine bessere Zukunft hervorleuchten sah - Leitspruch dieses Lebens: Brüder zur Sonne, zur Freiheit!"

Walter Momper:
"In wenigen Minuten kann ich nicht das würdigen und das benennen, was Erwin Beck für die Sozialdemokratie bedeutet hat. Was ich aber kann, ist zu versuchen, aufzuzeigen, was er für einen Sozialdemokraten meines Alters, meiner Generation, für den Jüngeren in der Partei bedeutet. Was er für mich bedeutet hat.
Erwin Beck ist einer gewesen, der immer gegen den Strom geschwommen ist. Er war nie bei den großen Mehrheiten. Er war immer auf Seiten der Kritischen, der Unbequemen, der mahnenden, kämpfenden Minderheiten. Er war auf der Seite der Jugend. Er war in den 60er Jahren auf Seiten der Studenten. Er war auf der Seite der Rüstungsgegner. Er war immer auf der Seite der Politik von morgen, die noch Minderheit war. Gegen Berufsverbote, gegen Kernenergie, für den Aufbruch der Studenten 1968, für die Kinderladenbewegung, als sie noch nicht populär war. Für das selbstverwaltete Jugendwohnhaus. Für das besetzte Jugendwohnhaus.
Sein Name ist verbunden mit der Wilhelmstraße, mit dem Georg-von-Rauch-Haus. Und er stand für die Aussöhnung mit dem Osten, als das noch nicht populär und sehr umstritten war. Er hat dabei viele Niederlagen einstecken müssen. Und andere mit ihm. Ich selbst war nach solchen Niederlagen manchmal verzweifelt, weil ich mir sagte, wofür eigentlich? Aber dann sagte ich mir, was ist das gegen Erwins Niederlagen, gegen Gefängnis, gegen Heuberg, gegen Strafbataillon. Selbst die Niederlagen in der Gefangenschaft noch, was waren das für Niederlagen. Auch aus den Niederlagen lernt man: die Niederlagen enthalten schon immer Elemente der Politik von morgen, der Siege und Erfolge von morgen.
Ich habe von Erwin Beck gelernt, dass die Arbeiterbewegung, dass die SPD ein Kind der Aufklärung ist. Dass sie in den Traditionen der Aufklärung als politische Bewegung steht. Das kam bei ihm im Bildungswillen, in der Liebe zu den Büchern, in seinem nie endenden Diskussionseifer zum Ausdruck, aber auch in seinem Zukunftsglauben. Er war immun gegen Bewegungen des deutschen Idealismus, auch wenn sie im Gewand der Grünen einherkamen. Er kannte keine Technikfeindlichkeit, keinen Kulturpessimismus, er war immun gegen den Konservatismus, auch immun gegen den Dogmatismus. Er konnte glaubhaft begründen, warum für ihn Kommunismus stalinistischer Prägung tief konservativ war, bewahrend, erhaltend, nicht zukunftweisend. Er hat mir die Einsicht vermittelt, dass gute Ausbildung, politische Einsicht, bessere politische Einsicht, auch immer die Verpflichtung zu politischer und gesellschaftlicher Arbeit beinhaltet. Er war immer auf Seiten der Schwachen, der Benachteiligten, eben der Minderheit. Er verkörperte die Verpflichtung der SPD, auf Seiten der Minderheit zu sein. Auf Seiten derjenigen, die die Einsichten noch nicht haben, derjenigen, die sich selbst nicht wehren können. Er hat mir vermittelt, dass das für die Akademiker innerhalb der Partei besonders gilt. Er hat mir einmal gesagt, er habe im Laufe seines Parteilebens viele Akademiker, gut ausgebildete Sozialdemokraten kommen sehen, große Reden halten und wieder gehen sehen. Ab in die bürgerliche Karriere, in den Beruf.
Erwin zählt zu denen, die für die Sozialdemokraten meiner Generation das Vorbild sind, dass man Kraft braucht, das Unabänderliche zu ertragen, aber das Veränderbare auch wirklich zu verändern. Er ist persönliches Vorbild gewesen. Er hat in all den Jahren, die ich ihn kenne, sich selbst alles abverlangt. ‚Gutes Leben' im herkömmlichen Sinne, das hat er sich nicht mal als Rentner erlaubt. Glaubwürdigkeit, das war es, was ihn als Orientierung für junge Menschen so wichtig machte. Er gab sich mit den Alltagssorgen der Menschen ab.
Nie war er nur für sein Amt da, er war immer für alles da. Er, fühlte sich immer für alle Fragen der Politik im Bezirk und der Politik unserer Partei verantwortlich.
Ich habe mich oft gefragt: Wo hatte er die Kraft dazu..., nach allem, was er schon hinter sich hatte. Ich glaube, er hatte die Kraft dazu, weil er die Menschen wirklich liebte. Er hat für die Menschen gearbeitet, nicht für sich selbst, nicht für irgendeine abstrakte Idee, sondern für die Menschen. Das ist es wohl auch, was man letzten Endes als Politiker braucht.
Viele von uns haben von Erwin Beck unendlich viel gelernt. Dafür sind wir ihm dankbar, dem Erwin, und wir sind stolz darauf, einer Partei anzugehören, die Persönlichkeiten wie Erwin Beck zu ihren Mitkämpfern zählen durfte und weiter zählen darf."

Günter König:
"Bezirksverordnetenversammlung, Bezirksamt Kreuzberg von Berlin, alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter trauern um Erwin Beck. Er war ihr Stadtrat für Jugend und Sport von 1955 bis 1975, in den letzten Jahren auch Stellvertretender Bezirksbürgermeister.
Als er dieses Amt antrat, 1955, eilte ihm bereits der Ruf des engagierten Jugendpolitikers voran. Seine Tätigkeit im Hauptjugendausschuss, im Hauptjugendamt unter Ernst Reuter, mit Ella Kay , Ilse Reichel und vielen anderen, hatte dafür gesorgt. Für mich und viele Freunde, Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, war Erwin einer - und das war auch sein Wort, das er immer benutzte -, der ein Gespür hatte für Wichtiges und ein Gespür hatte für Entwicklungen. Seine wichtige Tätigkeit bei der Gründung des Jugendaufbauwerkes zur Bekämpfung der damaligen Arbeitslosigkeit, insbesondere der Jugendarbeitslosigkeit, ist hier schon genannt worden.
Aber es gab auch einige ganz wichtige andere Felder, auf denen er arbeitete - mit großer Energie, großem Nachdruck und Hartnäckigkeit. Er erkannte früh die Gefahr, dass unsere Gesellschaft sich dahin entwickeln könnte, den Neonazismus zu verniedlichen, und er setzte ganz konkret in seiner Arbeit als Leiter des Jugendamtes hier einen wichtigen Schwerpunkt.
Er erkannte frühzeitig Entwicklungen, die man heute so leichthin als neuen Lebensentwurf, als neuen Lebensstil Jugendlicher bezeichnet. Ausdruck dieser Betrachtungen und Einsichten war die wesentliche Beteiligung an der Gründung selbstverwalteter Jugendkollektive in Kreuzberg, insbesondere dem Rauch-Haus am Mariannenplatz. Er erkannte früh eine moralische Veränderung in der Jugend, die darauf hinauslief, nicht mehr alles hinzunehmen, was Ältere und Erwachsene sagten.
Er engagierte sich gegen den Koreakrieg, er engagierte sich gegen den Vietnamkrieg und nahm hier auch existentielle Folgen in Kauf.
Aber er war auch über sein enges Amt hinaus aktiv. Er erkannte früh und hatte ein Gespür dafür, dass die Stadtpolitik sich fehlzuentwickeln drohte. Sein Kampf z.B. gegen die Osttangente in Kreuzberg ist unvergessen.
Aber er war auch der Vater einer ganzen Künstlergeneration in Kreuzberg: Alles was sich um die damalige kleine Weltlaterne, oder den damaligen Kreuzberger Bildermarkt rankte, Bildende Künstler, Maler, Bildhauer - er war ihnen ein liebevoller Vater, wie wir damals sagten.
Für uns alle war er ein Lehrmeister, für uns alle war er ein Vorbild. Für uns alle war er ein Motor. Für mich selbst, für meine Entwicklung war er wichtig, weil er mir den Mut zum Unpopulären einimpfte, zu Entscheidungen, die nicht jeder Mann und jede Frau unbedingt mittragen mussten. Mochte der politische Gegner noch so wütend reagieren, mochten die politischen Freunde Furcht vor seinem Tempo haben, dies alles konnte ihn nicht beeindrucken. Und er hatte die Fähigkeit, dies anderen und uns zu vermitteln.
So ist es auch kein Wunder, dass aus seiner Schule, aus seinem Jugendamt Männer hervorgingen, die kommunalpolitische Spitzenämter erklimmen konnten. Aus seinem Jugendamt kamen unsere früheren Bezirksbürgermeister Rudi Pietschker und Waldemar Schulze.
Er wird nicht nur in unseren Herzen unvergessen bleiben. Er wird auch in unseren Köpfen unvergessen bleiben. Mit Erwin Beck geht ein Stück unseres Lebens, auch meines Lebens. Erwin, wir danken Dir, dass es Dich gab."

Prof. D. Helmut Gollwitzer:
"... Er konnte eigentlich nicht reden, er war kein geborener Redner, und dennoch freuten wir uns immer auf seine Ansprachen am Tage der Verleihung der Carl-voh-Ossietzky-Medaille. Denn da war alles ehrlich, persönlich und echt: ein in unsere Generation hineinreichender Vertreter der deutschen Arbeiterbewegung, wie wir ihn uns nicht besser denken konnten. Darum hatte er auch das Vertrauen der Jungen. In seinen Ämtern vertrat er ihre Interessen, gerade auch in jenen aufregenden Jahren vor und nach 1968. Er konnte zuhören, Rat geben - und dies nie hochmütig oder schlau berechnend, nie von oben nach unten, sondern als ein wirklicher Genosse: solidarisch, bescheiden und aufrichtig.
So haben wir ihn geliebt und ihm vertraut; so denken wir an ihn und so danken wir ihm, viele, die jetzt hier sind, und viele, die nicht hier sind, und besonders auch viele, die nicht mehr unter uns sind.
Ich denke, Erwin, der distanziert zur Kirche stand, wird es mir nicht übelnehmen, wenn ich jetzt beim Abschied von ihm das Gebet der Christenheit spreche, und wer es innerlich mitsprechen kann, möge es tun, und die anderen mögen an ihn denken, weil für ihn und für uns alle das gilt, was in diesem Gebet gesagt ist, und besonders dann, wenn wir hinübergerufen werden aus dieser Welt: Unser Vater, der Du bist im Himmel. Geheiligt werde Dein Narre. Dein Reich komme. Dein Wille geschehe - wie im Himmel so auch auf Erden. Unser täglich Brot gib uns heute, und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern. Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen. Denn Dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen.
Wie befehlen unseren Freund, Vater und Genossen Erwin Beck der ewigen Liebe. Amen.

Weiterhin dokumentiert finden sich Zeugnisse von Ella Kay (ehem. Senatorin für Jugend und Sport, aus dem Jahr 1972)...:
"Auf Erwin Beck wurde ich aufmerksam, als ich 1949 die Umorganisierung des Hauptjugendamtes vornah. Erwin Beck war ein guter Inspirator und Helfer beim Aufbau der reuen Jugendförderung in Berlin.
Er war nicht immer bequem. Seine Art, alles zu lesen, was es Lesenswertes gab, hatte er beibehalten: Er hatte immer Pakete von Lesesachen unter dem Arm oder auf dem Schreibtisch, aber trotz der Fülle des Lesestoffes wusste er sehr genau, aus dem Material den zweckmäßigen Extrakt zu ziehen. Er war Theoretiker und Praktiker zugleich, hatte keine Scheu vor neuen Modellen und war auch Tag und Nacht bereit, daran zu arbeiten ...
Erwin Beck vergaß nie, dass zu einer guten Facharbeit auch eine gute Ausbildung gehört, und er war auch auf diesem Sektor stets zu vorwärtsdrängenden Methoden bereit. Nicht nur er selbst unterzog sich noch der Ausbildung als Jugendpfleger mit abschließender staatlicher Anerkennung, sondern er interessierte auch junge Kollegen für diese Ausbildung, die erst die Möglichkeit gab, fachlich fundierte Arbeit zu leisten. Erwin Beck gehört zu den Menschen, die nicht nur eine Theorie vertreten, sondern auch nach den von ihr behaupteten Grundsätzen leben. Trotz aller Aufgaben hat Erwin Beck nie die Pflichten gegenüber seiner Familie vernachlässigt. Und hierher gehört auch ein Dank an seine stets hilfsbereite, verständnisvolle und talentierte Sekretärin, Ehefrau Ingrid Beck. Wenn sie nicht gewesen wäre, wäre manche Stellungnahme zu Gesetzentwürfen so schnell nicht Wirklichkeit geworden."

...und von Eleonore Kujawa (Präsidentin der Internationalen Liga für Menschenrechte, Sektion Berlin):
"Erwin Beck war von 1974 bis 1986 Präsident der Internationalen Liga für Menschenrechte Berlin (West), seit 1986 Ehrenpräsident.
Er gehörte zu der Generation, die ihre Erfahrungen aus der Weimarer Republik, aus der Verfolgung durch die Nationalsozialisten und aus den Nachkriegsjahren in ihr politisches Engagement und in ihre Arbeit einfließen lassen kann. Auf Fragen von uns Jüngeren konnte er umfassend Auskunft geben. So profitierten wir von seinem Wissen, von seinen Erzählungen aus der Zeit vor 1933, von seinen vielfältigen Hinweisen und Anregungen. Besonders eindrucksvoll waren seine verehrenden Worte für Paul Levi und Rosa Luxemburg. Er sprach viel häufiger von seinem aktiven politischen Leben in der Weimarer Republik als von den Verfolgungen, denen er in der Nazizeit ausgesetzt war. So ist es nicht verwunderlich, dass er vorbildlich und mit großem Engagement in der Internationalen Liga für Menschenrechte anknüpfte an das politische Selbstverständnis, das ihn von Jugend an geprägt hatte. Er gab Denkanstöße und unterstützte die Aktivitäten zur Aufklärung über die nationalsozialistische Vergangenheit und ihr Hineinreichen in die Gegenwart und zu den aktuellen politischen Problemen.
Erwin Beck war immer selbst dabei, als wir z.B. öffentlich gegen die Verjährung der Naziverbrechen oder für den Rücktritt Filbingers Unterschriften sammelten, als wir öffentlich an die DDR appellierten, Rudolf Bahro freizulassen, als wir gegen die Kandidatur des Franz Joseph Strauß für das Amt des Bundeskanzlers demonstrierten, als wir immer wieder bei vielen Anlässen versuchten, die Lebensqualität unserer ausländischen Mitbürger zu verbessern, bei Veranstaltungen, Diskussionen und Demonstrationen. Erwin Beck schonte in seinen Redebeiträgen keine Partei, wenn es darum ging, Einschränkungen demokratischer Freiheiten aufzuzeigen und anzuprangern. Auch seinen eigenen Parteifreunden warf er oftmals vor, nicht konsequent genug für mehr Demokratie zu wirken.
So bleibt mir Erwin Beck im Gedächtnis: aufgeschlossen, ungeduldig mahnend, für eine bessere Zukunft handelnd, jungen Menschen ein Vorbild in seinem unermüdlichen Engagement. Als es Erwin Beck gesundheitlich nicht mehr gut ging, als seine Kräfte nachließen, war er dennoch immer dabei, ließ keinen Termin aus, die schwere Tasche voller Papiere und Bücher umgehängt, mit seinen lebhaften Augen das Geschehen kritisch beobachtend. Bei meiner Arbeit für die Liga begleitet mich diese Erinnerung."

Recherche: Holger Hübner