Bebel, Julie

Geschichte: Personen A-K

geboren am 2. September 1843. Verlobung mit August Bebel im Herbst 1864, im selben Jahr Tod ihrer Mutter. 9.April 1866 Heirat von August und Julie Bebel. 16. Januar 1869 Geburt der einzigen Tochter Friederike. Gestorben am 22.November 1910.

Sie war die Ehefrau von August Bebel. Julie Bebel hatte als sechstes Kind eines Leipziger Erdarbeiters oder Transportarbeiters (die Quellen sind sich da uneins), eine entbehrungsreiche Jugend hinter sich. Sie verlor früh ihren Vater und ihre Mutter. Ende der sechziger, Anfang der siebziger Jahre gründete August Bebel die revolutionäre marxistische Arbeiterpartei in Deutschland, die Eisenacher Partei.
Im Februar 1867 ist August Bebel in den Norddeutschen Reichstag gewählt worden. 1870 protestierten Bebel und Liebknecht im Reichstag gegen die Fortführung des preußisch-deutschen Krieges und die schon offen geforderte Annexion Elsass-Lothringens. Daraufhin wurden August Bebel und Wilhelm Liebknecht am 17. Dezember des gleichen Jahres verhaftet und mussten 3 ½ Monate im Leipziger Bezirksgefängnis verbringen.
Etwa fünf Jahre insgesamt waren die Eheleute getrennt, weil August Bebel wegen "Verbreitung staatsgefährdender Lehren", "Majestätsbeleidigung", "Hochverrat" oder anderer ähnlicher Delikte hinter Gittern verschwand. Seine längste Haft dauerte vom 8. Juli 1872 bis zum 1. April 1875, als Bebel - im Leipziger Hochverratsprozess zu zwei Jahren Festung und kurz darauf noch zu neun Monaten Gefängnis verurteilt- auf den Festungen Hubertusburg und Königstein sowie im Landesgerichtsgefängnis Zwickau inhaftiert war. Auf Hubertusburg konnte Julie ihren Mann monatlich besuchen. Zu dieser Zeit hatte sie als offizielle Geschäftsinhaberin die Firma Bebel übernommen, um einer gerichtlichen Schädigung des Geschäfts vorzubeugen.
Während ihrer Besuche im Gefängnis erörterte Julie Bebel nicht nur familiäre und geschäftliche Fragen mit ihrem Mann sondern übermittelte auch politische Aufträge und Informationen. Die Briefe ihres Mannes aus der Festungshaft enthielten oft ganze Passagen für das Zentralorgan der Partei, den "Volksstaat". Julie übermittelte diese Passagen den Redakteuren der Parteizeitung. Sie stand übrigens u.a. auch im Briefwechsel mit Friedrich Engels, dem Mitbegründer des wissenschaftlichen Sozialismus.
Aufgrund der langen Gefangenschaft ihres Mannes übernahm sie nicht nur immer mehr geschäftliche Aufgaben von ihm, sondern unterstützte ihn auch immer mehr bei seinen Parteiaufgaben, z.B. bei der Korrespondenz, bei der Beratung Hilfesuchender und vertrat ihren Mann in Leipzig.
Nach dem Erlass des Ausnahmegesetzes gegen die Sozialdemokratie und der Mitte 1881 erfolgten Ausweisung August Bebels aus Leipzig, trat Julie erstmals auch an die Öffentlichkeit.
August Bebel ist in dieser Zeit Kassier der SPD geworden. Er organisierte Solidaritätssammlungen innerhalb der Partei und unter Sympathisanten, um mit dem Geld die im Reich um ihre Existenz gebrachten Parteiredakteure und ausgewiesene Genossen zu unterstützen. Das Geld wurde unter dem Namen und der Adresse von Julie verteilt.
Als am 29. Juni 1881 August Bebel, Wilhelm Hasenclever, und Wilhelm Liebknecht aus dem Deutschen Reich ausgewiesen wurden, übertrug die Parteileitung die Kasse der Solidaritätsgelder den Ehefrauen Julie Bebel, Clara Hasenclever und Natalie Liebknecht. Die Hauptaufgaben der Geschäftsführung und Buchhaltung übernahm Julie Bebel. Damit wurde sie auch zur Zielscheibe für polizeiliche Schikanen und Ausweisungsandrohungen, von denen sie sich aber nicht einschüchtern ließ.
1884 zog die Familie Bebel nach Dresden, um hier wieder zusammen leben zu können. Hier befreundete sich Julie Bebel u.a. mit Paul Singer.
1890 wurden die Sozialistengesetze vor allem durch die Popularität der SPD nicht verlängert. Bald darauf wurde Bismarck gestürzt. Die SPD avancierte am 27. Februar zur stärksten Partei und am 1. Oktober 1890 war sie wieder eine legale Partei. August Bebel ist in dieser Zeit zum anerkannten Führer und Repräsentant der revolutionären deutschen Arbeiterbewegung geworden. Im selben Jahr zog der Sitz der Parteiführung, also auch die Familie Bebel, in die Hauptstadt des Reiches, nach Berlin um. Hier beteiligte sich Julie Bebel weiter an der Parteiarbeit. Sie unterstützte z.B. die Tätigkeit ihres Mannes als Parteikassierer und bei der Korrespondenz.
In der ersten Hälfte der 90 er Jahre des 19. Jahrhunderts war sie eine der Gründerinnen des Bildungsvereins für Frauen und Mädchen in Berlin. Durch ihre kurze Mitgliedschaft im Vorstand dieses Vereins trug sie maßgeblich dazu bei, dass die Organisation überhaupt ins Leben gerufen werden konnte.
Die Wohnung der Bebels in Berlin und Zürich, ihr zweiter Wohnsitz ab Mitte der 90 er Jahre, wurde zu einem Treffpunkt führender Sozialisten und anderer Intellektueller aus den verschiedensten Ländern. Zu ihren Gästen gehörten die Familie Kautsky, Paul Singer, Franz Mehring, Clara Zetkin, Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg.
Als Julie Bebel im November 1910 starb, wurde sie in Zürich in der Nähe des Dichters Gottfried Keller beerdigt, dessen Werke sie hoch schätzte. Der Berliner Vorwärts schrieb in einem Nachruf an Julie Bebel, sie war "…ein Stück Parteimutter, und alle, die zur Partei gehörten, gehörten auch ein wenig zu ihr, durften ihren Rat und ihren Beistand - und nie vergeblich - erbitten."
Heinrich Gemkow "Biographische Skizzen" in: Beiträge zur Geschichte der Arbeiterbewegung 31,1989.
Karin Müller