Gedenkrede von Sigmar Gabriel

Geschichte: Personen A-K

Gedenkrede von Sigmar Gabriel

Mit einer Gedenkfeier in der St. Marien-Kirche hat Berlin am 17. September 2015 Abschied von Egon Bahr genommen. Zu den Redner gehörte der SPD-Vorsitzende Sigmar Gabriel, dessen Rede wir im Wortlaut dokumentieren (Es gilt das gesprochene Wort).

Eine politische Legende ist gegangen, auch wenn sich Egon Bahr so eine Bezeichnung verbeten hätte. Doch es ist wahr: Mit Egon Bahr hat Europa einen historischen Friedenspolitiker, unser Land einen großen Patrioten und die deutsche Sozialdemokratie einen ihrer bedeutendsten außenpolitischen Vordenker verloren.
Sein politischer Rat und seine tiefe Menschlichkeit fehlen uns allen. Dass er stets Staatsmann und Menschenfreund in einem war, machte auch seinen vorbildlichen Charakter und seine Größe aus.
Wir trauern mit Dir, liebe Adelheid, und mit seinen Kindern und Enkeln. Denn Euch wird der Mann, der Vater und Großvater fehlen.
Egon Bahrs einzigartige politische Karriere begann hier in Berlin. Hier wurde Willy Brandt als Regierender Bürgermeister aufmerksam auf den scharf denkenden Journalisten und machte ihn 1960 zu seinem Sprecher.
Es war der Beginn einer kongenialen Freundschaft und Zusammenarbeit zweier außergewöhnlicher Männer, die Europa verändern sollten.
Der politische Stratege Egon Bahr und die Jahrhundertgestalt Willy Brandt wurden der „Architekt“ und der „Baumeister“ einer neuen Politik.
Beide hatten erkannt: Die konfrontative Deutschlandpolitik der Vergangenheit war gescheitert.
Weder die vermeintliche „Politik der Stärke“ noch eine Reformbewegung von unten würden die kommunistische Herrschaft im Osten lockern oder gar überwinden können.
„Diese Folgerung ist rasend unbequem und geht gegen unser Gefühl, aber sie ist logisch.“ analysierte Egon Bahr luzide und treffend 1963 in seiner legendären Grundsatzrede im bayerischen Tutzing.
Egon Bahr hatte den historischen Mut, aus dieser unbequemen Analyse eine neue Strategie zu formen. Erst in Berlin, später in Bonn als Planungschef im Auswärtigen Amt und schließlich im Bundeskanzleramt entwickelte und realisierte er einen kühnen politischen Neuanfang:
Die „neue Ostpolitik“ warf den ideologischen Ballast der Nachkriegszeit ab und baute stattdessen auf einen „Wandel durch Annäherung“.
Die SPD-geführte Bunderegierung wollte fortan die Realitäten in Europa anerkennen, sich aber nicht mit den Verhältnissen abfinden.
Statt auf Ideologie und Illusionen setze sie auf eine „Politik der kleinen Schritte“. Statt des Wunsches machte Egon Bahr die Wirklichkeit zur Grundlage seiner Politik: Die Mauer konnte kurzfristig nicht eingerissen, vielleicht aber durchlässiger gemacht werden.
Es ging Willy Brandt und ihm darum, den Alltag der Menschen im geteilten Europa, vor allem aber im geteilten Deutschland zu erleichtern.
Und es ging beiden darum, die traumatischen Feindbilder abzubauen, die der Vernichtungskrieg Nazi-Deutschlands in Mittel- und Osteuropa, an dem auch Egon Bahr teilnahm, hinterlassen hatte.
Gegen heftigen politischen Widerstand und trotz persönlicher Diffamierungen investierte die von Egon Bahr konzipierte sozialdemokratische Außenpolitik kühn und beharrlich in neues Vertrauen und schlug ein völlig neues Kapitel auf.
Sie baute mit diesem neuen Wurf die Ängste vor deutschem Revanchismus ab und akzeptierte die historische Schuld des Nationalsozialismus.
Mit der Anerkennung der „zwei Staaten in Deutschland“ und nicht zuletzt Willy Brandts historischem Kniefall in Warschau schuf sie so nicht nur politische, sondern auch mentale und moralische Voraussetzungen für die Überwindung der europäischen und deutschen Teilung.
Ohne Egon Bahrs Lebenswerk der „neuen Ostpolitik“ hätten die Staaten Mittel- und Osteuropas 1990 die Deutsche Einheit nicht akzeptiert. Deutschland zu einem guten Nachbarn in Europa gemacht zu haben – das war auch eine historische Leistung des Sozialdemokraten Egon Bahrs.
Fast 60 Jahre bis zu seinem Tod war Egon Bahr Mitglied der SPD. Von 1972 bis 1990 war er Bundestagsabgeordneter. 1972 bis 1976 war er Bundesminister, zunächst für besondere Aufgaben, später für wirtschaftliche Zusammenarbeit.
1976 bis 1981 diente Egon seiner Partei als Bundesgeschäftsführer und war Organisator des SPD-Erfolgs bei den Bundestagswahlen 1980 – dem letzten für 18 lange Jahre.
Auch nach seinem Ausscheiden aus der aktiven Politik blieben Friedens- und Sicherheitspolitik die Lebensthemen für Egon Bahr.
Als Direktor des Hamburger Instituts für Friedensforschung und Sicherheitspolitik (1984-1994), Autor zahlreicher Publikationen und Mitgründer des „Willy-Brandt-Kreises“ hatte seine Stimme als elder statesman auch international Gewicht.
Bis in seine letzten Tage arbeitete Egon Bahr, mit großer Disziplin fast täglich in seinem Büro im Willy-Brandt-Haus. Hätte ihm jemand etwas vom Ruhestand oder vom „Kürzertreten“ im gesegntene Alter erzählt, dann wären die Lacher von Egon unüberhörbar gewesen.
Nein, Egon Bahr verfasste Bücher, Analysen und Positionspapiere bis in die letzten Tage seines fast biblisch langen Lebens, gab Interviews zur politischen Lage oder berichtete von der großen Zeit an der Seite Willy Brandts.
Egon Bahrs politisches Lebenswerk hat unseren Kontinent, unser Land, und die SPD tief geprägt. Er war es, der seiner Partei den Weg wies, um in der Bundesrepublik Regierungsverantwortung zu übernehmen.
Die außenpolitische Kompetenz, die Egon Bahr konzipierte und Willy Brandt so unvergleichlich verkörperte, war die historische Ergänzung zum Godesberger Programm.
Mit ihr wurde die SPD endgültig zu einer Regierungspartei, der die Deutschen mehrheitlich tief vertrauten. Fortan war die Sozialdemokratie immer dann am stärksten, wenn sie Egon Bahrs Prinzip von Zuversicht und Realismus zur Grundlage ihrer Politik gemacht hat.
Zuversicht in die Gestaltungskraft demokratischer Politik für Freiheit, Gerechtigkeit und Solidarität - und Realismus mit Blick auf ihre Voraussetzungen. „Auf Wunder warten, ist keine Politik.“ hat Egon Bahr es einst auf den Punkt gebracht. Politik hieß für ihn stets: gestalten wollen!
Dieses politische Vermächtnis sollte uns auch heute Orientierung bieten.
Für mich war Egon Bahr eine beeindruckende Gestalt der Zeitgeschichte und schon zu Lebzeiten eine Legende, die aber vielen von uns, auch mir, menschlich nahe war.
Bei unserer ersten Begegnung war das etwas anders: 1979 gehörte er für mich als Mitglied der „Falken“ zum Establishment der Partei.
Mit viel jugendlichen Überschwang habe ich ihn damals mit Anfang Zwanzig in einer Rede leidenschaftlich kritisiert – und bekam von ihm postwendend rhetorisch die Ohren langgezogen.
Das hielt mich übrigens nicht davon ab, mir heimlich ein Autogramm von ihm abzuholen. Ich halte es bis heute in meinem Falken-Ausweis in Ehren.
Sein historischer Erfahrungsschatz und sein fast weltweites Netzwerk politischer Kontakte, seine sorgsam gehüteten und gepflegten „backchannels“, waren einmalig. Auf sie konnte er auch in schwierigen Zeiten vertrauen.
Ich habe es als großes Privileg empfunden, dass er mich daran hat teilhaben lassen.
Vor allem aber war er für mich immer wieder ein wichtiger Ratgeber. In den vielen offenen Gesprächen mit ihm habe ich oft von seiner analytischen und strategischen Weitsicht profitieren dürfen. Geistig hellwach, profund in seiner Lageeinschätzung und klug wie abwägend in seinem Rat hat er bis zuletzt viele von uns fasziniert und begeistert!
Egon Bahrs Blick auf die Weltpolitik, aber auch auf die Lage der Partei war dabei immer klar und unverstellt. Unabhängig, wie er war, hat er mir auch kritische und unbequeme Einschätzungen nicht vorenthalten. An sie erinnere ich mich bis heute.
Gerade diese Gradlinigkeit machte ihn zu einem ungemein wertvollen Gesprächspartner, der gleichzeitig über einen wunderbaren Sinn für Humor verfügte. Mit ihm konnte man ebenso leidenschaftlich diskutieren wie herzlich lachen. Gelegentlich schroff und direkt und einen Augenblick später warm und anteilnehmend – ein echter Berliner, wenn auch zugezogen!
Egon Bahr hat sich um Europa, sein Land und seine Partei verdient gemacht. Das schaffen nur wenige! Und es schaffen nur die ganz Großen. Egon war einer von diesen Großen. Er fehlt mir. Und er fehlt vielen von uns. Aber er auch vieles in uns allen hinterlassen, das uns niemand wird nehmen können.