Ehrenbürgerwürde für Egon Bahr

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Ehrenbürgerwürde Berlins für Egon Bahr

 

Am 18. März 2002 verlieh Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit die Ehrenbürgerwürde der Stadt an Bundesminister a. D. Professor Egon Bahr. In seiner Rede im Großen Festsaal des Roten Rathauses sagte Klaus Wowereit:

Berlin ehrt heute einen Mann, der sich große Verdienste um diese Stadt erworben hat.


Lieber Egon Bahr, wir freuen uns, Sie heute zum Ehrenbürger Berlins ernennen zu können – heute, an Ihrem 80. Geburtstag, zu dem wir alle Ihnen von Herzen gratulieren. Wir wünschen Ihnen Gesundheit, Glück, weiterhin Schaffenskraft und ein langes Leben.
Mit Egon Bahr ehren wir einen deutschen Patrioten, den Vordenker und Architekten der Ost-, Entspannungs- und Friedenspolitik Willy Brandts. Wir verneigen uns vor einem Berliner mit Leib und Seele, mit Herz und Verstand – einem Berliner, der – wo immer er gewirkt hat – für unsere Stadt gearbeitet hat.
Lieber Egon Bahr, seit Sie als Sechzehnjähriger von Thüringen nach Berlin kamen, wurde und blieb Berlin Ihre Stadt. Sie gingen aufs Friedenauer Gymnasium, nach der Rückkehr aus dem Krieg absolvierten Sie eine Lehre bei Rheinmetall Borsig. Anschließend verschlug es Sie – statt in die Musik - in den Journalismus: Zunächst zur „Berliner Zeitung” und zur „Allgemeinen Zeitung”, dann zum „Tagesspiegel” und schließlich zum RIAS, wo Sie 1950 eine fast zehn Jahre dauernde, bei vielen bis heute unvergessene Tätigkeit als Chefkommentator begannen.
Es war im Jahr 1960, als Sie der Regierende Bürgermeister Willy Brandt an die Spitze des Berliner Presse- und Informationsamtes berief. Das war der Anfang einer jahrzehntelangen, intensiven und fruchtbaren Zusammenarbeit. Sie wurde zu einer Freundschaft, die auf hoher gegenseitiger Achtung beruhte.
Einen tiefen Einschnitt in der Geschichte unseres Landes und Berlins, aber auch in der Biographie Egon Bahrs bildet der 13. August 1961. Nachts gegen drei Uhr wurde Egon Bahr, der sich in Nürnberg aufhielt, in seinem Hotel durch einen Telefonanruf aus Berlin geweckt. Dietrich Spangenberg, damals Chef der Senatskanzlei, bat ihn, sofort nach Berlin zu kommen – „die sperren den Ostsektor ab”, sagte er.
Der Bau der Mauer war ein Schock. Er stürzte Berlin in ein Gefühl tiefer Ohnmacht. Egon Bahr ahnte, dass ein nunmehr langer Weg zur Überwindung der Teilung bevorstand. Den Mauerbau verstand er als äußeres, brutales Zeichen – als ein Zeichen für das Scheitern der Konfrontationspolitik.
Der Bau der Berliner Mauer wurde zur Geburtsstunde der Ostpolitik. Und „Wandel durch Annäherung” – dieses von Ihnen geprägte Wort wurde zur Leitidee des Berliner Regierenden Bürgermeisters und späteren Bundeskanzlers Willy Brandt.
Die erste Passierschein-Übereinkunft war ein erster, wichtiger Erfolg dieser neuen Politik, die im Schöneberger Rathaus erdacht und begonnen wurde. Zu Weihnach-ten und Neujahr 1963 durften erstmals West-Berliner Verwandte in Ost-Berlin besuchen. Mehr als zwei Jahre hatten die Berliner darauf gewartet. „Wenn die Mauer schon nicht wegzukriegen ist, müssen wir sie durchlässiger machen.” Nach dieser Devise verfuhr Egon Bahr: Es war sein Erfolg. Und es war ein Schritt nach vorn für die Berlinerinnen und Berliner.
Die erste Passierschein-Regelung von 1963 war der Anfang einer Serie von spürbaren Erleichterungen. Dazu zählte später auch das Transitabkommen, das als erste deutsch-deutsche Vereinbarung im Rahmen des Vier-Mächte-Abkommens von 1971 den Personen- und Güterverkehr zwischen dem übrigen Bundesgebiet und West-Berlin regelte. Es schuf für die Menschen im Westteil einen sicheren Weg von der „Insel” zum „Festland”. Und es schuf zusammen mit der Berliner Vereinbarung über den Reise- und Besucherverkehr, das den Berlinern Zugang nach Berlin (Ost) und in die DDR gewährte, völlig ungeahnte Möglichkeiten. Immer ging es um die Menschen in beiden Teilen Deutschlands. Immer ging es um Berlin. Immer war Egon Bahr der Verhandler. Von seinen großen Verhandlungserfolgen wird später Herr Bräutigam berichten.
In die politische Debatte der 60er und 70er Jahre griff Egon Bahr streitbar ein und er war – wie sollte es bei einem eigenen Kopf wie ihm anders sein? - umstritten. Viele Vorwürfe waren hart und verletzend, aber sie konnten ihn nicht wirklich treffen. Denn er wusste immer, wofür er eintrat. Er wollte in einem scheinbar unveränderbar starren internationalen Umfeld Spielräume schaffen, zuvorderst für menschliche Erleichterungen. Was als „Geheimdiplomatie” kritisiert wurde, war in Wirklichkeit die notwendige Diskretion in heiklen Missionen zugunsten der Menschen und im wohlverstandenen Interesse seines Vaterlandes.
Egon Bahr hat die Politik der Konfrontation in Frage gestellt, weil er nach dem Bau der Mauer nicht mehr an ihren Erfolg glaubte. Viele wollten aber zunächst nicht verstehen, dass es nicht das Ziel war, das er in Frage stellte, sondern die Mittel und Wege. „Wer Bahr mangelnden Willens zur Einheit und Freiheit der Deutschen zieh,“ so hat es einmal Richard von Weizsäcker gesagt, „tat es ohne ihn in der Aktion miterlebt und sein Konzept verstanden zu haben.”
Heute belasten Egon Bahr keine öffentlichen Ämter mehr, seine Stimme findet aber nach wie vor Gehör. Als Wegbereiter der deutschen und damit auch der Berliner Einheit ist sein Anliegen heute und für die Zukunft: Die Innere Einheit zu vollenden, indem Ostdeutschland eine neue Zukunftsperspektive gewinnt.
Verehrter Egon Bahr, Sie haben sich große Verdienste um Berlin erworben – Sie haben mit Weitblick eine neue Politik entwickelt. Durch Ihr Wirken wurden eine Vielzahl von Erleichterungen für die Menschen im geteilten Deutschland erreicht und für die Aussöhnung mit unseren östlichen Nachbarn entscheidende Weichen gestellt. Sie haben mit Ihrem Werk dazu beigetragen, den Frieden zu sichern. Diesem großen Ziel – den Frieden zu bewahren - haben Sie sich bis heute verschrieben.
All das ist es, was die Berlinerinnen und Berliner nicht vergessen werden. Die Verdienste, die Sie sich um Deutschland erworben haben, sind immer auch Verdienste um Berlin – Verdienste um Ihre Heimatstadt.

Abgeordnetenhaus und Senat von Berlin ernennen Sie, Herr Professor Bahr, zum Ehrenbürger dieser Stadt."