Baader, Ottilie

Geschichte: Personen A-K

Ottilie Baader

Porträt Ottilie Baader
 

Geboren am 30.5.1847 in Raake Kr. Oels (Oberschlesien; heute Raków zwischen Wroclaw [Breslau] und Olesnica. Der Geburtsort Frankfurt/Oder findet sich häufig, ist aber nicht richtig.)
Gestorben am 23. Juli 1925 in Berlin. Die Trauerfeier fand im Krematorium Wedding, Gerichtstraße, statt.

Ottilie Baader wurde am 30. Mai 1847 geboren, ihr Vater war Zuckerscheider in einer Zuckerfabrik und sie besuchte zunächst die Mittelschule. Im Alter von 13 Jahren zog sie nach Berlin. Dort arbeitete sie zunächst als Wäschenäherin in einer Nähstube, in einer Wollfabrik und schließlich als Heimarbeiterin. In der Zeit des Sozialistengesetzes schloss sie sich zunächst dem bürgerlichen Arbeiterinnenverein Lina Morgensterns an. Eine Reihe schlecht bezahlter Anstellungen hatten ein unerschütterliches Klassenbewusstsein in ihr hervorgerufen. 1866 beteiligte sie sich am Kampf der Berliner Mantelnäherinnen gegen eine drohende Erhöhung der Nähgarnzölle und fand so Kontakt zur Gewerkschaft - dem Schneiderinnenverband - und zur SPD. Zusammen mit ihrem Vater studierte sie das Kapital, und stand bald in der Berliner Arbeiterinnenbewegung an führender Stelle. 1870/71 erreicht Ottilie Baader mit 50 streikbereiten Nähmaschinennähe- rinnen in der Berliner Kragen- und Manschettenfabrik, dass die vorgesehene Lohnreduzierung um die Hälfte zurückgenommen wird.
1891 entstehen Agitationskommissionen, um Frauen trotz des Vereinsgesetzes politische Tätigkeit zu er- möglichen. 1894 wurde sie Vertrauensperson der Sozialdemokratinnen des 4. Berliner Wahlkreises. 1895 formulierte die Berliner Agitationskommission einen Antrag: "In Erwägung, daß e," keinen sichtbaren Grund gibt, der ein mündig geworden es menschliches Wesen von Bürgerrechten und Freiheiten aus- schließt, wie es dem weiblichen Geschlecht geschieht (..), fordern die Frauen nachdrücklichst (..) die Gewährung des allgemeinen, gleichen, direkten und geheimen Wahlrechts. " Auf einer Großveranstaltung vertraten August Bebel, Wilhelm Liebknecht, Ottilie Baader und Emma Ihrer öffentlich diese Forderungen. Kurz darauf verfügte der Berliner Polizeipräsident gegenüber der Frauen-Agitationskommission als Veranstalterin: "Es wird Ihnen hiermit eröffnet, daß die Berliner Frauen-Agitationskommission aufgrund des § 8 des Vereinsgesetzes vom 11. März 1850 vorläufig geschlossen ist, weil dieselbe nach ihrer bisherigen Tätigkeit, insbesondere wegen der (..) in Versammlungen betriebenen Agitation für das Wahlrecht der Frauen als politischer Verein (..) erscheint, politische Vereine aber Frauen nicht als Mitglieder aufnehmen dürfen."
Bis 1896 hatten die weiblichen Agitatoren gleichermaßen für die Gewerkschaften als auch für die politische Bewegung gearbeitet, doch begann sich jetzt eine Trennung der Funktionen herauszubilden. Ottilie Baader gehörte mit Clara Zetkin und Luise Zietz zu denen, die einen wachsenden Anteil ihrer Zeit auf rein politische Tätigkeiten verwandte.
Das politische Vereins- und Versammlungsrecht billigte in den meisten deutschen Ländern den Frauen noch nicht einmal das Recht zu, sich politisch zu organisieren. Sie durften in der Regel noch nicht einmal schweigend an Veranstaltungen derartiger Organisationen teilnehmen, eine Parteimitgliedschaft war bei Strafe verboten. Wobei der Begriff "politischer Verein" sehr dehnbar und nach Gutdünken ausgelegt wurde, im allgemeinen bestimmte ein Gendarm was "politisch" und was ein " Verein" war. Frauen durften natürlich auch derartige Vereinigungen nicht gründen, wirklich betroffen waren davon aber nur die Linken, denn die bürgerliche Frauenbewegungen, ausgenommen ihr radikaler Flügel, konnte ungehindert Politik treiben. Die "Oberen" maßen mit zweierlei Maß, niemand unter den Führerinnen der proletarischen Frauenbewegung blieb von Verfolgung verschont Versammlungsverbote, Vereinsauflösungen, Gerichtsverfahren, Bußgelder, Gefängnisstrafen hatten sie alle vorzuweisen.

Ottilie Baader in ihren Erinnerungen: "Immer schärfer ging man gegen die Frauen vor (...) Jede, die in öffentlichen Versammlungen (...) das Wort ergriff, mußte dem überwachenden Beamten Name und Adresse mitteilen (...) Vom Vor- stand des sozialdemokratischen Volksvereins Elberfeld verlangte die Polizei ein Verzeichnis der Mitglieder mit ausgeschriebenen Vornamen, weil sonst die Geschlechtseigenschaft nicht zu unterscheiden sei. Die Frauen sollten vor dem sozialistischen Gift bewahrt werden (...) Bei der Auflösung des Ronsdorfer Frauenvereins wurde als Begründung angegeben, der Verein habe bezweckt, politische Gegenstände zu behandeln. Diese Absicht sei ausreichend, um sich strafbar zu machen."
Die sozialistischen Frauen gründeten Tarnorganisationen: Agitationskommissionen, Sterbekassen, Bildungszirkel, Nähstuben, um sich trotzdem treffen, informieren und schulen zu können. Sie wurden auch dort beobachtet, bespitzelt, denunziert. Die Arbeiterinnenbewegung griff darauf- hin zu einem Trick und wählte über- all Vertrauenspersonen, denn einzel- ne Personen konnte man schließlich weder verbieten noch auflösen.
Ottilie Baader warnte wiederholt die proletarischen Frauen sich von den bürgerlichen Frauenorganisationen fernzuhalten, damit vertrat sie eine andere Meinung als Lily Braun, die Ottilie Baader später vorwarf, nur das Sprachrohr Clara Zetkins zu sein.
Ottilie Baader wurde 1899 Vertrauensperson der Sozialdemokratinnen in Berlin. 1900 fand in Mainz eine erste Konferenz von Sozialdemokratinnen statt, dort wurde sie zur "zentralen Vertrauensperson der Genossinnen Deutschlands" gewählt. Sie fungierte somit als Kommunikations- und Informationsstelle für die aktiven Frauen der Arbeiterbewegung. Viele Frauen-Agitationskommissionen hatten sich, seit es erste örtliche Vertrauenspersonen gab, selbst aufgelöst, die bedeutende Berliner Kommission blieb aber zunächst bestehen, weil sie glaubte, eine Frau allein könne die vielen Aufgaben nicht lösen. 1904 wurde diese Stelle besoldet, so dass sie jetzt hauptamtlich für die Bewegung arbeiten konnte. Sie erhielt 1800 Mark im Jahr. Im gleichen Jahr zollte sogar die bürgerlich-radikale Frauenrechtlerin Minna Cauer Respekt und nannte Ottilie Baader zusammen mit Luise Zietz die prominentesten Gestalten der Bewegung nach Clara Zetkin. 1905 wurden von der Partei 5000 Mark zur Verfügung gestellt, um von der ihr organisierte Werbekampagnen und Informationsmaterial für interessierte Frauen zu finanzieren, 1906 wurde ihr sogar ein Büro mit Sekretärin zur Verfügung gestellt. Bis 1908 organisierte und koordinierte sie die politische Frauenarbeit.
Als 1908 der Reichstag ein neues Vereins- und Versammlungsrecht beschloss, mussten Frauen sich nicht mehr tarnen, um in Parteien und Gewerkschaften für ihre Rechte einzutreten. Im gleichen Jahr verfasst sie einen "Organisationsvorschlag": " ...Die weiblichen Mitglieder sind im Verhältnis zu ihrer Zahl im Vorstand vertreten. Doch muß diesem mindestens eine Genossin angehören. ..." Auf der SPD-Frauenkonferenz im gleichen Jahr wurde dieser Vorschlag angenommen ebenso vom nachfolgenden Parteitag der SPD. Mit ihrem Vorschlag wurde im Grunde die innerparteiliche Quotendiskussion er- öffnet. Auf diesem Parteitag verzichtete Ottilie Baader auf den Frauen-Parteivorstandssitz zugunsten der jüngeren Luise Zietz. Sie arbeitete aber weiterhin an führender Stelle im Frauenbüro mit.
Die SPD hatte zu diesem Zeitpunkt 587.336 Mitglieder, unter ihnen 29.458 Frauen, die Gleichheit, das wichtigste Informations-, Agitations- und Schulungsorgan sozialdemokratischer Frauen hatte zu diesem Zeitpunkt 84.000 Abonnentinnen. Bereits ein Jahr später war in der Parteimitgliedschaft besonders der Frauenanteil gestiegen: von 633.309 Mitgliedern waren im Sommer 1909 bereits 62.259 Frauen. Der Wahlrechtskarnpf konnte nun offen und offensiv geführt werden.
Am 26. und 27. August 1910 tagte vor dem 8. Kongress der sozialistischen Internationale in Küpenhagen die zweite Sozialistische Frauen- Internationale (gegründet 1907 in Stuttgart ) mit fast 100 Delegierten aus 17 Ländern, aus Deutschland kamen 14 Delegierte, Ottilie Baader vertrat den Bezirk Groß-Berlin. Einer der fünf Tagesordnungspw1kte lautete: "Mittel und Wege der praktischen Arbeit zur Eroberung des allgemeinen Frauenwahlrechts. " Die Beratungen führten zur Annahme des Antrages der deutschen Gruppe: ,,Im Einvernehmen mit den klassenbewussten politischen und gewerkschaftlichen Organisationen des Proletariats in ihrem Lande veranstalten die sozialistischen Frauen aller Länder jedes Jahr einen Frauentag, der in erster Linie der Agitation für das Frauenwahlrecht dient. " Am 19. März 1911 fand der erste Internationale Frauentag statt.
Nach 1914 trat sie nicht mehr in den Vordergrund, obwohl sie weiterhin am Parteileben regen Anteil nahm. 1917 blieb sie Mitglied der MSPD, verlor aber jeglichen Einfluss auf die Parteipolitik. Sehr spät heiratete sie noch. 1921 verfasst sie eine lebensnahe Autobiographie "Ein steiniger Weg. Lebenserinnerungen", die viele Informationen über die Anfange der proletarischen Frauenbewegung bietet.
Am 23. Juli 1925 verstarb Ottilie Baader-Diedrichs im Weddinger Rudolf- Virchow-Krankenhaus.

Claudia Sucker