Aufhäuser, Siegfried

Geschichte: Personen A-K

Siegfried Aufhäuser

Porträt Siegfried Aufhäuser
 

geboren 1.5.1884 Augsburg (Bayern)
gestorben 6.12.1969 Berlin


Handlungsgehilfe. SPD-Politiker, Widerstandskämpfer gegen das NS-Regime
Ab 1913 geschäftsführender Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft für ein einheitliches Angestelltenrecht, ab 1917 Allgemeiner freier Angestellten (AfA)-Bund, von 1920 bis 31.3.1933 deren Vorsitzender. Mitglied des Deutschen Reichstages für die SPD vom Mai 1921 bis 22.6.1933. Am 2.5.1933 Haftbefehl, Emigration nach Saarbrücken später Paris, Prag und USA. Rückkehr nach Deutschland 1951. Von 1952 bis Dezember 1958 Vorsitzender der Deutschen Angestellten-Gewerkschaft, Landesverband Berlin, anschließend deren Ehrenvorsitzender. Die Urne mit der Asche Aufhäusers ist beigesetzt im gemeinsamen Grab mit seiner Frau Anna auf dem jüdischen Friedhof in Freiburg im Breisgau, Elsässer Straße Ecke Rosbaumweg. Die Trauerfeier fand am 13.12.1969 im Krematorium Wilmersdorf statt.

 

Gedenktafel Blissestr. 2

Gedenktafel für Siegfried Aufhäuser

Enthüllung der Tafel am 1.5.1993. Foto vom 1. Mai 1993. Foto: Holger Hübner

 

Gedenktafel für Siegfried Aufhäuser im Haus Blissestraße 2, Berlin-Wilmersdorf, (Siegfried-Aufhäuser-Haus der [ehem.] Deutschen Angestellten-Gewerkschaft Berlin).


Inschrift: Siegfried Aufhäuser / * 01.05.1884 in Augsburg + 06.12.1969 in Berlin / Berliner Reichstagsabgeordneter von 1921 - 1933 / Vorsitzender des »Allgemeinen freien Angestelltenbundes« / Emigration 1933 über Paris - Prag - London in die / Vereinigten Staaten / Rückkehr 1951 nach Berlin / Landesverbandsleiter der Deutschen / Angestellten-Gewerkschaft von 1952 bis 1959 / Ernennung zum Ehrenvorsitzenden des DAG-Landesverbandes / und Ehrenmitglied des DAG-Hauptvorstandes / Um das Andenken an Siegfried Aufhäuser wachzuhalten, wurde / 1984 aus Anlaß seines 15. Todestages im Bezirk Neukölln ein / öffentlicher Platz nach dem mutigen Widerstandskämpfer und / verdienstvollen Gewerkschafter der ersten Stunde benannt. / Seit dem 1. Mai 1993 trägt dieses Haus den Namen: / Siegfried-Aufhäuser-Haus

 

Nachruf von Erich Gießner 1969

Parteibuch von Siegfried Aufhäuser

Parteibuch von Siegfried Aufhäuser

 

Im Dezember 1969 starb im Alter von 85 Jahren in Berlin Siegfried Aufhäuser, der Nestor der deutschen Angestelltenbewegung. Erich Gießner, damals Landesverbandsleiter der Berliner DAG würdigte in der BERLINER STIMME vom 13. Dezember 1969 seinen Kollegen und Genossen:

Einen Freund und Lehrer verloren


Die Deutsche Angestellten-Gewerkschaft und alle Arbeitnehmer haben einen großen Mann verloren. Einen Mann, der schon zu Lebzeiten ein Stück deutsche Geschichte verkörperte: Siegfried Aufhäuser.
Diesem aufrechten Kämpfer hat das Leben nichts geschenkt. Im Gegenteil. Es hielt neben der Mühsal des Kampfes, dem sich jeder stellen muß, der den steinigen Pfad des sozialen Fortschritts betritt, auch den Kelch der Bitternis bereit. 1933, in Deutschlands finsterer Stunde, zwangen ihn die Usurpatoren - wie er die Nazis nannte -, als Staatsfeind Nr. 1 gezeichnet, zu emigrieren.
Was hatte dieser Mann bis dahin schon geschaffen. Bereits 1904, noch vor Ablauf seiner Lehrzeit. hatte sich der im Jahre 1884 in Augsburg geborene Kaufmannssohn Siegfried Aufhäuser gewerkschaftlich organisiert. Mit 19 Jahren war er bereits ehrenamtlicher Funktionär. 1913 erfolgte seine Berufung in die Geschäftsführung des “Bundes der technisch-industriellen Beamten” (ButiB). 1915 konnte er die gewerkschaftlichen Angestelltenverbände zur “Arbeitsgemeinschaft freier Angestelltenverbände (AfA)” vereinigen. Eine viel stärkere Vereinigung gelang Aufhäuser im Jahre 1921. Als Parallelorganisation zum “AIlgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbund” (ADGB) gründete er den “Allgemeinen Freien An- gestellten-Bund” (AFA-Bund).
Carl Legien und Siegfried Aufhäuser, die Vorsitzenden der beiden Bünde, schlossen einen Organisationsvertrag, der die enge Zusammenarbeit der Arbeiter und Angestellten sicherte. Eine Aktionsgemeinschaft hatte sich ein Jahr zuvor im Generalstreik gegen den Kapp-Putsch bewährt.
In dem entscheidenden Aufruf vom März 1920 forderten Legien und Aufhäuser “alIe Arbeiter, Angestellten und Beamten zum einmütigen Protest gegen die Gewaltherrschaft auf, überall sofort in den Generalstreik ein zu treten”. In das Parlament der Weimarer Republik konnte der AFA-Vorsitzende 1921 als SPD-Spitzenkandidat für den Wahlkreis Berlin 2 gewählt werden. Er behielt dieses Reicbstagsmandat bis zum Jahre 1933. Im sozialpolitischen Ausschuß und im Hauptausschuß des Reichstages hatte er Gelegenheit, die umfassende Weimarer Sozialgesetzgebung maßgeblich mitzugestalten, die nach dem Untergang der Weimarer Republik in der heutigen Bundesrepublik erhalten blieb und als Muster für den modernen Arbeitsschutz. in der Welt gelten kann.
Als Aufhäuser 1933 Deutschland verlassen mußte, arbeitete er in Paris und Prag in sozialistischen Gruppen weiter. In Prag blieb er auch mit dem emigrierten Parteivorstand der Sozialdemokratie im ständigen Kontakt und gab im Verlag des “Einheitsvorstandes der Privat-Angestellten in der CSSR” die Zeitschrift “Weg der Wirtlschaft” heraus.

Später ging er nach New York, um dort als Journalist zu arbeiten. Die Zeitung der New Yorker Journalisten-Gewerkschaft “Front Page” gab 1951 seine Geschichte preis. Die Geschichte des Siegfried Aufhäuser, der vor 1933 Gewerkschaftsführer in Deutschland war, der Mann, der nun wieder in sein Land zurückkehrte und für die amerikanischen Arbeitskollegen “nichts weiter als ein älterer deutscher Journalist” war.

Er kam in einer Zeit nach Deutschland zurück, als die Besten gebraucht wurden. Alles befand sich in einer stürmischen Aufbautätigkeit, auch die Gewerkschaften. Sein in der Weimarer Republik begonnenes Einigungswerk , die Zusammenführung der ehemals aufgesplitterten Angestelltenverbände, sah er in der DAG verwirklicht. So war es nur konsequent, daß er im Jahre 1951 zum Landesverband Berlin der Deutschen Angestellten-Gewerkschaft kam und am 12. Januar 1952 das Votum der Delegierten zur Führung des Landesverbandes erhielt. In seinen Augen war, wie er selbst sagte, die DAG “ein Ergebnis einer hundertjährigen geschichtlichen Entwicklung.”
Der Mann, der ungebrochen und mit politischer Weisheit bis 1959 den Landesverband Berlin führte, erwarb sich schon zu Lebzeiten die ehrenvollen Worte: Nestor der deutschen Angestelltenbewegung! Er blieb bis zum letzten Tage seines Lebens im wahrsten Sinne des Wortes der “Funktionär” der Arbeiterbewegung.
Zum 1. Mai 1954 erhielt Siegfried Aufhäuser vom Bundespräsidenten das Große Verdienstkreuz In Würdigung der “jahrzehntelangen Verdienste die er sich als Mitglied des Reichstages und bei seiner Mitarbeit in zahlreichen öffentlichen Gremien erworben hat”, wurde er anläßlich seines 80. Geburtstages zum Stadtältesten von Berlin ernannt.
Wir haben mit Siegfried Aufhäuser einen großen noblen Mann verloren, einen Freund und Lehrer. Wir verneigen uns vor ihm.

 

Brandt bei Trauerfeier

Mit der Teilnahme des Bundeskanzlers Willy Brandt an der Trauerfeier für Siegfried Aufhäuser wird dem verstorbenen Ehrenvorsitzenden der Deutschen Angestellten-Gewerkschaft und Stadtältesten von Berlin eine hohe Würdigung seiner großen Verdienste zuteil.
Bundeskanzler Willy Brandt wird vor dem Regierenden Bürgermeister Klaus Schütz, dem Vorsitzenden der DAG Hermann Brandt und dem Landesverbandsleiter Erich Gießner für den Verstorbenen Worte des Gedenkens sprechen.
Die Trauerfeier für Siegfried Aufhäuser findet statt am Sonnabend, dem 13. Dezember 1969, um 10.30 Uhr im Krematorium Wilmersdorf.

  • Gedenktafeln: Scheidemannstraße/Platz der Republik, Mitte;
  • Blissestraße 2, Charlottenburg-Wilmersdorf
  • Siegfried-Aufhäuser-Platz am S-Bahnhof Sonnenallee (Neukölln)


Recherche: keb – 15.4.2001, Holger Hübner - 2006.  Dank an das Archiv von ver.di