Antoine, Herbert

Geschichte: Personen A-K

Herbert Antoine

geboren am 5. Februar 1902
gestorben 6. Juni 1992



Gemeinsam – aber wie?
Herbert Antoine: „Stunde Null“ in Zehlendorf


Der Zehlendorfer SPD-Ortsverband war einer der ersten, der sich in Berlin wieder gründete. Kein Wunder: „Hier in Zehlendorf wohnten ja eine ganze Reihe von Sozialdemokraten, die nachher auch im Zentralausschuss der SPD eine entscheidende Rolle spielten“, erinnert sich Herbert Antoine.
Erich W. Gniffke etwa gehörte zu ihnen, vor 33 im SPD-Parteivorstand und in der Freien Angestelltengewerkschaft aktiv, während der Nazi-Zeit unter Polizeiaufsicht, bei der Wiedergründung der SPD 3. Vorsitzender des Zentralausschusses. Hier wohnten die Sozialdemokraten Gustav Dahrendorf und Otto Bach sowie Annedore Leber, Witwe des am 20. Juli 44 hingerichteten Widerstandskämpfers Julius Leber und erste Leiterin des Frauensekretariats beim Zentralausschuss.
Für die Widerstandsgruppe um Julius Leber hatte Herbert Antoine – wenn auch vergeblich – die Übernahme der Reichs-Rundfunkanstalt nach Hitlers Beseitigung vorbereitet. Auch zu anderen Sozialdemokraten und Widerstandskämpfern hatte er bis zuletzt Kontakt.
1929 war Herbert Antoine in die SPD eingetreten. Nach der Machtübernahme der Nazis wurde er als Leiter der Abteilung Öffentlichkeitsarbeit und Statistik bei der Reichs-Rundfunk-Gesellschaft entlassen, blieb dann arbeitslos, bis er schließlich als Statistik-Fachmann bei einem Industrieunternehmen Arbeit fand.
Naziterror und Verfolgung hatten im Mai 45 ein Ende. Herbert Antoine wurde nach dem Einmarsch der sowjetischen Truppen Vertrauensmann seiner Straße, er sorgte für die Verteilung von Lebensmittelkarten und die Klärung der wichtigsten kommunalen Probleme. „In den ersten Wochen“, sagt er, „gab es eine enge Zusammenarbeit auch mit jenen, die später zur CDU gingen. Wir hatten ja alle die gleichen Sorgen.“

Wilhelm Griebel, Oskar Tittmann und Richard Draemert verfassten Anfang Juni einen Aufruf an alle Zehlendorfer Sozialdemokraten, beim Aufbau der Partei mitzuhelfen. „Dieser Aufruf wurde hier ringsum an den Bäumen befestigt“, erinnert sich Herbert Antoine. „An einem Sonntag im Juni fand die erste Zusammenkunft im Haus von Gniffke in der Ihnestraße statt.“
Karl Hoffmann wurde hier zum Vorsitzenden gewählt, Richard Draemert sein Stellvertreter, Karl Schott Kassierer und Herbert Antoine Schriftführer. „Der Verkehr mit den Außenbezirken funktionierte ja noch nicht. Als jüngster im Vorstand musste ich per Fahrrad die ersten Kontakte herstellen, zum Beispiel mit Max Floerke in Wannsee, der in seinem Bereich mit dem Aufbau der SPD begonnen hatte.“

Die Zehlendorfer Parteien, die Sozialdemokraten, die Kommunisten, die neu gegründete CDU und die Liberaldemokratische Partei, arbeiteten im „Vier-Parteien-Aktions-Ausschuss“ zusammen. Das Verhältnis zu den Kommunisten, so Antoine, sei „kühl und sachlich“ gewesen.
„Wir haben die Zehlendorfer Sozialdemokraten eine ganze Reihe von Veranstaltungen durchgeführt, die uns schnell ins Bewusstsein der Bevölkerung gebracht haben. Das hat später zweimal dazu geführt, dass wir im Bezirk die absolute Mehrheit errangen.“
Als Zehlendorfer Vertreter nahm Herbert Antoine auch an Sitzungen des SPD-Zentralausschusses teil. Zehlendorfer Mitstreiter wie Erich Gniffke sprachen sich dort inzwischen immer vehementer für die Zusammenarbeit mit der KPD aus, die Zentralausschuss-Mitglieder Fritz Neubecker und Karl Germer sowie der Reinickendorfer Kreisvorsitzende Franz Neumann organisierten den Widerstand dagegen.
„Der Zehlendorfer Kreisparteitag hat sich am 24.3.1946 mit überwältigender Mehrheit gegen den sofortigen Zusammenschluss mit der KPD ausgesprochen“, erinnert sich Herbert Antoine. Erich Gniffke übrigens, der dem ersten Zentralkomitee der neuen SED angehörte, kehrte schon 1948 in den Westen zurück.
Bei der Urabstimmung über den Zusammenschluss am 31. März stimmten nur 124 Zehlendorfer Sozialdemokraten für eine Verschmelzung mit der KPD, 753 aber dagegen. Ein Bündnis dagegen befürworteten 573 Sozialdemokraten, nur 224 stimmten auch in dieser Frage mit Nein.
Am 7. April, nachdem sich in den Westsektoren über 82 Prozent der Parteimitglieder für die Eigenständigkeit entschieden hatten, tagte in der Zehlendorfer Zinnowwaldschule der 2. Landesparteitag der SPD, auf dem die Vorsitzenden Neumann, Swolinzky und Germer beauftragt werden, bei den Alliierten die weitere Zulassung der SPD zu beantragen. „ Diese klare Haltung“, sagt Herbert Antoine, „hat sich ausgezahlt. Auch nach den Wahlen 46 war unser Leitspruch in den Bezirksverordnetenversammlung: Lieber einmal überstimmt, als unbestimmt.“

Herbert Antoine, 1945 mit der Leitung des Zehlendorfer Preisamtes beauftragt, wurde 1946 Angestellter der SPD-Parteiführung und nach den Wahlen erster SPD-Fraktionsvorsitzender in der Zehlendorfer BVV. Von 1948 an bestimmte er dann wesentlich den Aufbau des Senders Freies Berlin.

Ulrich Horb

aus: Berliner Stimme, Juni 1985