Gedenktafel erinnert an Friedrichshainer SPD-Büro

Gedenktafel erinnert an Friedrichshainer SPD-Büro

Gedenktafelenthüllung Krossener Straße
 

Eine Gedenktafel erinnert jetzt am Hauseingang der Krossener Straße 22 an das Kreisbüro der Friedrichshainer SPD, das dort bis 1961 Anlaufstelle für Mitglieder der SPD und der AWO war.  Angebracht wurde die Tafel auf Initiative des SPD-Abgeordneten Sven Heinemann, der bei der Enthüllung der Tafel auch an das Wirken des ehemaligen SPD-Kreisvorsitzenden, Bundestagsabgeordneten und  Senators Kurt Neubauer erinnerte. Der SPD-Landesvorsitzende Jan Stöß erläuterte in seiner Rede eine Besonderheit der deutsch-deutschen Geschichte. Denn trotz Teilung der Stadt bestand die SPD bis zum Mauerbau in Ost-Berlin fort, und Kurt Neubauer, der seinen Wohnsitz in Ost-Berlin hatte, wirkte in den fünfziger Jahren sogar als Mitglied des Bundestags in Bonn.

 
Gedenktafelenthüllung Krossener Straße
 

"Acht Berliner Ost-SPD-Bezirke gab es bis August 1961", so Jan Stöß. "Über 5000 Genossinnen und Genossen waren es bis zu diesem Zeitpunkt, die trotz Repressalien und Einschüchterungsversuchen ihr Parteibuch nicht beim nächstbesten SED-Kader abgaben, sondern mit Mut und einigem Stolz bis zuletzt Sozialdemokraten blieben. Willy Brandt nannte Ost-Berlin eine „demokratische Insel im Sowjetmeer“. Rund 600 von ihnen beriefen sich nach 1989/90 auf diese frühere Mitgliedschaft."

Willy Brandt besuchte im Sommer 1960 das Kreisbüro. "Je stärker der Druck auf die GenossInnen wurde, desto mehr nahm die Bedeutung der Kreisbüros und engagierten SozialdemokratInnen zu. Immer stärker wurde man zu einer Solidargemeinschaft und die Büros zur ersten Anlaufstelle", so Jan Stöß. Die Solidaritätsbekundung des West-Berliner Bürgermeisters wurde von den Friedrichshainern mit viel Beifall aufgenommen. Ein Foto dokumentiert, wie Brandt das Büro verließ.

Abgeordnetenhauspräsident Ralf Wieland zeichnete in seiner Rede das Leben des im vergangenen Jahr verstorbenen SPD-Politikers Kurt Neubauer nach, der das Machtgefüge in der Berliner SPD in den fünfziger und sechziger Jahren wesentlich mitbestimmte.

 
Gedenktafelenthüllung Krossener Straße
 

Die Parteiarbeit wurde zunehmend durch Schikanen der SED erschwert. Es  wurde zunehmend schwerer Genehmigungen für Parteiveranstaltungen selbst nur für Mitglieder zu erhalten. Dennoch führten die Ost-Berliner Kreise bis zu 400 Veranstaltungen im Jahr durch  Wurden Redner für Parteiversammlungen gewonnen, die in den Westsektoren lebten so wurde diesen ein Auftreten entweder ganz verboten oder Redemanuskripte wurden vorab zensiert. Wer eine Parteiversammlung anmeldete musste nicht selten zum Rapport auf die Kommandantur. NebenEinschüchterungsversuchen gab es auch die Umarmungsstrategie, die Kurt Neubauer, wie Jan Stöß in seiner Rede berichtete, auf "besonders intelligente und hintersinnige Art und Weise" parierte: "Auf den Vorschlag hin, eine gemeinsame Großveranstaltung mit der SED abzuhalten, sagte er zu und benannte die Redner der SPD Friedrichhain:
Genosse Werner Rüdiger (z.Zt. in der Haftanstalt Waldheim) und Genossin Gertrud Prusseit (Aufenthalt z.Zt. unbekannt). Damit dieser herausragenden Veranstaltung möglichst viele Menschen beiwohnen konnten, schlug Kurt die Sporthalle am Strausberger Platz vor.
Unnötig zu ergänzen, dass diese Veranstaltung nicht stattfand."

 

Der AWO-Kreisvorsitzende Robert Schwind betonte die enge Zusammenarbeit zwischen SPD und Arbeiterwohlfahrt in jener Zeit: "Nicht nur dass SPD und AWO in Ost-Berlin, wie auch hier in Friedrichshain, damals ihre Büros in der Regel gemeinsam betrieben, die Partei und der Wohlfahrtsverband wirkten unter den Bedingungen der SPD Diktatur so eng zusammen, wie niemals nachher und auch viel enger, als zeitgleich SPD und AWO in West-Berlin. Und wenn wir heute dieser gemeinsamen Zeit als außerparlamentarische Opposition außerhalb der Einheitslisten der „Nationalen Front“ und des Einheitsverbandswesens von Volkssolidarität und FDJ erinnern, erfasst einen fast ein wenig Wehmut über so viel Hand in Hand zwischen SPD und Arbeiterwohlfahrt:"

 
Berliner Stimme 1960
 

Die Berliner Stimme berichtete 1960 über Schikanen der SED gegen die Friedrichshainer SPD und Kurt Neubauer.

 
Gedenktafelenthüllung Krossener Straße
 

Die Gedenktafel am Haus Krossener Straße 22.

Fotos: Horb