Zwei Bänke für Willy Brandt

Rote Bänke für Willy Brandt

Bank am Grab Willy Brandts
 

Zwei rote Bänke stehen jetzt am Grab von Willy Brandt, gestiftet von Mitgliedern der SPD Steglitz-Zehlendorf. Am 20. Todestag Willy Brandts sind sie der Öffentlichkeit übergeben worden und laden nun zum Verweilen und zur Erinnerung an einem auf Wunsch Willy Brandts bewusst schlicht gehaltenen Grab ein. In einer kurzen Ansprache erinnerte der SPD-Landesvorsitzende Jan Stöß vor allem an die Berliner Jahre Willy Brandts. Wir dokumentieren seine Rede im Wortlaut:

"Willy Brandt kam im Januar 1947 als Presseattaché der Norwegischen Militärmission nach Berlin. Schon früh trifft er auf Ernst Reuter, den späteren ersten Regierenden Bürgermeister von Berlin, der im Laufe der Zeit zu seinem Mentor wird.
Am 26. Januar 1948 wird Willy Brandt der Vertreter des SPD-Parteivorstands in Berlin beim Alliierten Kontrollrat, eine Stelle, die er bis zum 20. November 1949 innehatte.
Seit August 1949 war Willy Brandt einer von acht Berliner Vertretern im ersten Deutschen Bundestag. Willy Brandt war damals 35 Jahre alt. Im Dezember 1949 übernahm er dann sein erstes politisches Amt in der Berliner SPD und wurde SPD-Kreisvorsitzender in Wilmersdorf.
In seinen Erinnerungen schreibt Willy Brandt über seine Wahl:
„In Wilmersdorf, wo ich damals wohnte, ging es so hoch her, dass die Partei im Durcheinander zu versinken drohte. Über streitende Gruppen hinweg meinte man, es müsse erst mal ein tüchtiger Versammlungsleiter her, und traute mir zu, die Delegierten zu Besonnenheit anzuhalten. Als das zu gelingen schien, fand man: Na, wenn er hier Ruhe schaffen kann, soll er am besten gleich Vorsitzender werden! Auf diese Weise hatte ich’s – ganz ungeplant – zum Kreisvorsitzenden der Wilmersdorfer SPD gebracht.“

 
Bank am Grab Willy Brandts
 

In dieser Zeit wurde Willy Brandt in der Berliner SPD keineswegs vorbehaltlos unterstützt. Die eigene Partei legte ihm anfangs manchen Stein in den Weg. Er gehörte innerparteilich dem sogenannten „Reuter-Flügel“ an, dem pragmatischen Flügel im Landesverband. Tonangebend war jedoch der traditionalistischen „Neumann-Flügel“ um den damaligen Landesvorsitzenden Franz Neumann. Entsprechend argwöhnisch wird seine Arbeit beobachtet.
Am 1. Januar 1950 übernahm Willy Brandt dann die Chefredaktion der Berliner Zeitung „Der Sozialdemokrat“. Willy Brandt benannte die damals noch täglich erscheinende Parteizeitung in „Berliner Stadtblatt“ um.
Als Chefredakteur schrieb Willy Brandt im Berliner Stadtblatt unter seinem Kürzel „W.B.“ auch grundsätzlichere Beiträge, zum Beispiel über einen „dogmenfreien Sozialismus“ oder zur Demokratie.
Im Berliner Stadtblatt vom 20. Juli 1950 schreibt Willy Brandt zur Demokratie:
„Demokratie bedeutet maßzuhalten. Sie setzt ein hohes Maß von Sozialbewusstsein und Solidarität voraus. Wenn sie lebendig bleiben und sich entwickeln soll, erfordert sie eine fortlaufende Pflege politischen Wissens und staatsbürgerlicher Reife, vor allem aber auch den geistigen Inhalt der Toleranz.“
Und weiter schreibt er:
„Es kann nicht das Ziel der Demokratie sein, einen möglichst effektiven Staatsapparat zu schaffen. Es kommt vielmehr auf die Entwicklung einer gesunden und zufriedenen sozialen Atmosphäre an. […] Höher als jedwede ökonomische Leistungssteigerung steht das Ziel einer harmonischen, glücklichen Gesellschaft.“
Das „Berliner Stadtblatt“ wird 1951 wegen zu wenig Abonnenten eingestellt. Willy Brandt schreibt auch für das – wöchentlich erscheinende – Nachfolgerblatt „Berliner Stimme“ weiterhin Texte, allerdings nicht mehr als Chefredakteur.

Im Dezember 1950 folgte dann der nächste bedeutsame Schritt in Willy Brandts politischer Karriere: Er wird für Wilmersdorf in das Berliner Abgeordnetenhaus gewählt. Die SPD wird in Wilmersdorf mit 30% allerdings nur zweitstärkste politische Kraft nach der FDP, die 33,8% erreichte – Werte, von der die heutige FDP nicht einmal mehr träumen kann. In Berlin erreichte die SPD bei dieser Wahl nur 44,7%, nachdem sie 1948 noch 64,5% erreicht hatte.
Dass die Berliner SPD es Willy Brandt nicht leicht machte, zeigt sich auch daran, dass er insgesamt drei Anläufe brauchte, um zum SPD-Landesvorsitzenden gewählt zu werden – zwei Kampfkandidaturen scheiterten. 1952 verlor er noch sehr deutlich mit 100 Stimmen Unterschied, beim zweiten Anlauf 1954 trennten ihn nur noch 2 Stimmen von Franz Neumann. Erst 1958 wird er – dann schon Regierender Bürgermeister – zum SPD-Landesvorsitzenden gewählt (163:124).
Willy Brandt wurde nach dem Tod Otto Suhrs am 3.10.1957 Regierender Bürgermeister. In seine Amtszeit fielen unter anderem der Mauerbau (1961) und die Kuba-Krise (1962). In dieser konfrontativen Situation zwischen den beiden Blöcken gelang es Willy Brandt mit seiner „Politik der kleinen Schritte“ trotzdem, die Situation etwas zu entschärfen. Er erreichte zum Beispiel 1963 den Abschluss des Passierscheinabkommens. Mit diesem Abkommen gelingt es ihm erstmals, die Mauer durchlässiger zu machen. 28 Monate nach dem Mauerbau können West-Berliner über Weihnachten wieder ihre Verwandten im Osten besuchen. Über 700.000 West-Berlinerinnen und Berliner nutzten über den Jahreswechsel 1963 diese Vereinbarung für den Besuch ihrer Ostberliner Verwandtschaft.

Ab 1962 war Willy Brandt Bundesvorsitzender der SPD. Als im Herbst 1966 die schwarz-gelbe Koalition in Bonn zerbrach, wechselte Willy Brandt nach zwei verlorenen Bundestagswahlkämpfen als Außenminister in die Bundesregierung. Seine Zeit in der Berliner Landespolitik endete damit. 1969 wurde Willy Brandt schließlich zum Bundeskanzler gewählt.
Die weiteren Schritte in seiner politischen Biografie dürften bekannt sein: Mit seiner Ostpolitik, Friedensnobelpreis 1971, der „Willy-wählen“-Wahlkampf 1972, bei dem die SPD 45,8% erzielte, Rücktritt 1974, Parteivorsitzender bis 1987, danach Ehrenvorsitzender der SPD. Mit seinem Tod 1992 verlor die SPD ihren größten Politiker der Nachkriegszeit. Viele sind wegen ihm in die SPD eingetreten, er begeisterte die Menschen für die Sozialdemokratie. Unter seinem Vorsitz erreichte die SPD mit über eine Millionen SPD-Mitgliedern (1977) den höchsten Mitgliederstand der Nachkriegszeit. Willy Brandt prägte die SPD wie kein anderer."

Fotos: Horb