Tausend Rosen für die Opfer des 17. Juni

Tausend Rosen für die Opfer des 17. Juni

17. Juni: Christian Hanke legt Rosen nieder
 

Mit tausend roten Rosen hat die SPD Mitte an den Arbeiteraufstand vom 17. Juni 1953 in der DDR erinnert. Am Mahnmal für die Opfer des Aufstands vor dem Bundesfinanzministerium wies der SPD-Abgeordnete Ralf Wieland auf den Wert der Freiheit hin, für die sich die Arbeiter  eingesetzt hatten. Am Rosenteppich beteiligten sich u.a. Mittes SPD-Vorsitzender und Bezirksbürgermeister Christian Hanke (Foto), der Abgeordnete Markus Pauzenberger, Abgeordnetenhauskandidat Stefan Draeger und der Mitbegründer der SDP in der DDR Martin Gutzeit.

 
17. Juni: Ralf Wieland legt Rosen nieder
 

17. Juni: Ralf Wieland legt Rosen nieder.

Foto: Horb

 

Ralf Wieland: Gedenkrede zum 17. Juni 2011

Verehrte Zeitzeugen, meine Damen und Herren,
liebe Genossinnen und Genossen,

wir haben uns heute wieder hier an dieser Gedenkstätte versammelt, um den tapferen Frauen und Männern zu gedenken, die in jenen Junitagen des Jahres 1953 mit der Forderung nach Freiheit und Demokratie dem stalinistischen System in der DDR entgegengetreten sind.
Wir gedenken der Toten, der Verwundeten, der Opfer die ihr Eintreten für Demokratie mit langjähriger Gefängnishaft haben zahlen müssen und erinnern auch daran, dass viele ihre Heimat verlassen mussten, um sich den Verfolgungen des Regimes zu entziehen.

Der 17. Juni hatte eine Vorgeschichte, die aus meiner Sicht mindestens 1 Jahr zuvor begann.
Die Prioritätensetzung zum Ausbau der Schwerindustrie, die Remilitarisierung und natürlich das grundsätzlich ineffektive Wirtschaftssystem waren die Ursachen dafür, dass im Frühjahr 1953 erhebliche Versorgungsmängel auftraten und die DDR-Regierung mit hektischen Beschlüssen diese Wirtschaftskrise bewältigen wollte.
Der Anlass für die spontanen Arbeitsniederlegungen in Berlin war die 10%ige Normenerhöhung, ein verharmlosender Begriff für eine entsprechende Lohnkürzung in Höhe einer durchschnittlichen Monatsmiete.

Dass sich aus den Protesten gegen diese Lohnkürzungen innerhalb von wenigen Stunden ein Volkaufstand in der gesamten DDR gegen das politische System entwickelte, hat aus meiner Sicht zwei Gründe.

Der eine Grund lag in der Sprachlosigkeit, nein schlimmer, in der arroganten Sprachverweigerung der SED gegenüber denjenigen, deren Interessen die Partei angeblich doch vertrat. Wie eine politische Klasse nach nur so wenigen Jahren so weit weg sein konnte, so überheblich über den Dingen schweben konnte, wie politisch Verantwortliche bei der sichtbaren, fühlbaren Not in Mitten des Wiederaufbaus die Problemlage nicht anerkennen wollte, dies bleibt für mich nach wie vor ein Rätsel.
Dieses nicht miteinander Reden wollen, diese Verweigerung sich einer Kritik zu stellen, hat meines Erachtens die Radikalisierung der Stimmungslage in erster Linie befördert.

Den zweiten Grund sehe ich darin, dass die Protestierenden sehr schnell erkannt haben, dass es für eine Interessenvertretung der Arbeiterklasse auf Augenhöhe, wie Franz Müntefering sagen würde, „weder Herr noch Knecht“, es demokratischer Grundbedingungen bedarf. Dazu gehören selbstverständlich freie Meinungsäußerungen, unabhängige Gewerkschaften, das Streikrecht und damit letztlich eine Demokratie, die in allgemeinen, gleichen und geheimen Wahlen Macht auf Zeit verleiht.
Diese Erkenntnis hat dafür gesorgt, dass die Proteste in der gesamten DDR sich innerhalb kürzester Zeit zur Systemfrage entwickelt hatten.

Ich bin sehr froh darüber, dass wir auch nach 58 Jahren an die Geschehnisse um den 17. Juni erinnern, bietet doch dieses Gedenken auch die Möglichkeit aus der Geschichte zu lernen.

Die aktuellen Demokratiebestrebungen in vielen arabischen Ländern haben häufig auch zu Beginn soziale Fragen aufgeworfen, sich aber schnell zu Volksaufständen für Demokratie und Freiheit entwickelt.
Den Despoten, die noch versuchen sich mit Gewalt an der Macht zu halten, können wir aus unserer Geschichte sagen, „es mag sein, dass Ihr Eure Macht noch länger halten könnt, wenn Ihr auf Euer eigenes Volk schießen lasst, Ihr verliert aber jede Legitimation und am Ende, auch wenn es länger dauert, am Ende siegt doch immer das Volk und die Demokratie.

Ja, das Volk hat am 17. Juni 1953 erst einmal verloren gehabt. Die SED-Bonzen hatten sich unter den Schutz der sowjetischen Besatzungsmacht begeben und haben die sowjetischen Soldaten auf die protestierenden Arbeiter schießen lassen. Das Zusammenschießen der Protestbewegung hatte zur Folge, dass viele erkannten, das Demokratie und Freiheit in der DDR nicht mehr zu erwarten waren, auch deshalb verließen sie zu Tausende das Land. Es gab keine Hoffnung mehr auf eine demokratische Entwicklung der DDR. Diese Abkehrung von der DDR wiederum brachte vor 50 Jahren das Regime dazu, die endgültige Bankrotterklärung in Form der Mauer zu bauen.

Ich bin mir sicher, wenn es die Konfrontationsstellung zwischen Ost und West hier in Deutschland und Berlin nicht so ausgeprägt gegeben hätte, wenn hier nicht die Blöcke am Rande eines neuen Krieges sich gegenüber gestanden hätten, der Volkaufstand vom 17. Juni 1953 wäre erfolgreich gewesen.

Ernst Reuter sagte am 23. Juni 1953:
„Aber zu der Trauer kommt, und so muss es in Berlin auch sein, der Stolz darauf, dass unser deutsches Volk der Welt gezeigt hat, wo es wirklich steht. Die Frage- wie denken denn die Menschen in der Zone, wie denkt denn die Jugend in der Zone? Diese Frage kann die Welt in Zukunft nicht mehr an uns richten. Auf diese Fragen haben wir alle miteinander am 17. Juni in Deutschland die Antwort gegeben. Wir gehören als freies, stolzes Volk zur freien Welt, wir bekennen uns zur freien Welt aus eigenem Entschluss, aus eigener Kraft, aus eigenem Willen dazu zu gehören. „

Meine Damen und Herren,

wenn wir heute den Opfern des 17. Juni gedenken, dann tun wir es in Trauer aber eben auch mit Stolz, dass diese tapferen Arbeiterinnen und Arbeiter dieses Zeichen für den Freiheitswillen sichtbar für die ganze Welt gesetzt haben.
Wir verneigen uns vor denjenigen, die dafür ihr Leben gelassen haben.

 

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