Thierse trifft Rolf Schneider

Thierse trifft... Rolf Schneider

Wolfgang Thierse und Rolf Schneider
 

„Rolf Schneider ist jemand, der differenziert über Vergangenheit und Gegenwart erzählt“, beschrieb Wolfgang Thierse, SPD-Bundestagskandidat für den Wahlkreis Pankow, auf der Lesung und anschließenden Diskussion im Glassaal der Cajewitz-Stiftung den Autor. „Deshalb dachte ich, der passt sicherlich zu mir und stimmte seinem Vorschlag zu, gemeinsam sein neues Buch vorzustellen.“

Rolf Schneider las aus seinem jüngst erschienen Buch „Marienbrücke“ vor, indem er seine Erfahrungen als ehemaliger DDR-Bürger verarbeitete. Schneider erzählt in seinem Roman die fiktive Geschichte des Jacob Kersting, der seine Kindheit im Nazi-Deutschland erlebte und seine Jugend in der jungen DDR verbrachte. Mit Jacob Kersting stellt der Schriftsteller eine Figur dar, der alles misslingt. Dauernd zwischen Anpassung und Widerstand in zwei verschiedenen totalitären Systemen stehend, ist Jacobs Existenz zum Scheitern verurteilt. Sein Ohnmachtgefühl wird gestärkt durch seinen dominanten Vater, einem Anarchisten und Regimegegner, und durch einen ständigen Wohnortwechsel.

Schneider stellt in seinem Buch, wie er anschließend im Gespräch mit Thierse erklärte, keine fröhliche Inszenierung der DDR dar. Er beschreibe sie „grau und hässlich, wie sie halt war“.

„Könnte die Geschichte dieses Mannes nach der Wende 1989 weitererzählt werden?“ wollte Thierse von seinem Gast wissen. Darauf zitierte Schneider aus einer Rezension seines Buches: „Dieser Mann ist für danach nicht zu gebrauchen.“ Ein Kritiker redete daher auch von einem „Vor-Wende-Roman“. Er bezeichnete Schneider als eine Person, der nicht von der DDR-Geschichte loskomme. Schneider gestand: Verglichen mit der DDR empfinde er die Zeit nach dem Mauerfall als ausgeschlossen glücklich, aber als langweilig und undramatisch. Sie gebe keinen Stoff für einen Roman. Dennoch sei die Gegenwart für ihn ausgesprochen angenehm. Landschaftspflege sei heute neben der Schreiberei sein Steckenpferd. Sein Engagement in seinem Heimatort Wernigerode und das von vielen anderen Menschen in Ostdeutschland in diesem Bereich zeigen bereits Früchte. Als Beispiele für "blühende Landschaften" nannte er das Krämerviertel in Erfurt oder die Stadt Görlitz an der deutsch-polnischen Grenze.

 
Lesung mit Wolfgang Thierse und Rolf Schneider in der Cajewitzstiftung.
 

Schneider bejahte Thierses Frage, ob sich die ostdeutschen Menschen verändert hätten und beantwortete auch an welcher Stelle: Er vermisse in der heutigen Generation das Geschichtsbewusstsein. Selbst die Älteren, denen in der DDR noch Zahlen und Fakten eingetrichtert wurden, schienen alles vergessen zu haben bzw. vergessen zu wollen.
Zum Thema Rechtsradikalismus waren Thierse und Schneider aber unterschiedlicher Meinung. Während Thierse seine Erfahrungen mit rechtsextremen Jugendlichen in Ostdeutschland und die Wiederwahl der NPD in Sachsens Landtag mit größter Sorge betrachtete, beurteilte Schneider den Rechtsextremismus in Deutschland als „beherrschbar“. Dabei wollte er auf keinen Fall die Problematik herunterspielen, sondern er bezog sich auf einen Vergleich mit Frankreich, wo die Front National deutlich populärer und aggressiver und damit gefährlicher sei.


Schneider hatte keine Scheu, vor dem Publikum Wahlkampf für Thierse zu machen: Die DDR war eine Tyrannei und ein Entwicklungsland. Kein Wunder also, dass er, als er 1990 Thierse zum ersten Mal im Fernsehen als Mitglied der Volkskammer sah, beeindruckt war. Er erlebte einen jungen Mann mit roten Haaren, der über Demokratie redete und dabei so sprach, als hätte er Rhetorik an der Universität in Tübingen studiert. Thierse sei in Laufe der Jahren als Politiker nicht abgehoben und sei nicht größenwahnsinnig geworden, sondern sei bescheiden geblieben. Als Mitglied des Kulturforums, dessen Vorsitzender Thierse ist, wisse Schneider ihn als einen Mann, der mit Kunst und Kultur umgehen könne, sehr zu schätzen. Leider wohne er nicht in Pankow - als Pankower würde er Thierse die Erststimme geben.

 

Text/Fotos: Petra Wolf

 
Rolf Schneider beim Signieren seiner Bücher.
 
 
Wolfgang Thierse und Rolf Schneider