Barbara Kisseler: Kultur soll Debatten erzeugen

Barbara Kisseler: Kultur soll Debatten erzeugen

Barbara Kisseler, DT-Intendant Ulrich Khuon

Barbara Kisseler, DT-Intendant Ulrich Khuon

 

"Kulturabbau wird es mit der SPD nicht geben. Der ohnehin nicht zu große Kulturetat darf nicht für das Versagen von Banken und die Pulverisierung von gesellschaftlichem Vertrauenskapital in Haftung genommen werden", versprach Barbara Kisseler, Chefin der Berliner Senatskanzlei und  im Team von Frank-Walter Steinmeier zuständig für Kulturpolitik. Auf Einladung des Kulturforums der Sozialdemokratie und der Kulturforums Stadt Berlin zeigte sie in einer Rede in den Kammerspielen des Deutschen Theaters die Perspektiven der Kulturpolitik auf.

 

Mit zwei Fehlinterpretationen räumte Barbara Kisseler, Chefin der Berliner Senatskanzlei und  im Team von Frank-Walter Steinmeier zuständig für Kulturpolitik, gleich zu Beginn auf: "Erstens ist Kulturpolitik kein staatlich verordnetes Beruhigungsmittel und zweitens besteht das Wesen von Kulturpolitik nicht in der Vermeidung von Debatten, sondern darin, sie anzustoßen, vielleicht sogar, sie zu erzeugen."

 

 

 
Brigitte Lange, Barbara Kisseler

Die Berliner Kulturpolitikerin Brigitte Lange im Gespräch mit Barbara Kisseler

 

Dem derzeit von der CDU gestellten Kulturstaatsminister attestierte Barbara Kisseler, für kontinuierlichen Zuwachs im Bundeskulturetat gesorgt zu haben - mit Unterstützung des SPD-Finanzministers und der SPD-Fraktion.  "Aber geht es im Amte des Kulturstaatsministers wirklich nur darum, gezielte Klientelpolitik zu betreiben, damit verbunden auch, sich Loyalität durch Abhängigkeit zu sichern und im Übrigen die Verteilung von finanziellen Mitteln auf das fraglos gesellschaftlich Konsentierte zu beschränken?" fragte Barbara Kisseler. "Wo bleibt da der entscheidende Mehrwert, den Kunst und Kultur für die Gesellschaft bereit halten, wo finden sich der Eigensinn, die Subversion, der produktive Zweifel in den Künsten? Wo ist die heilsame Wechselwirkung zur politischen Selbstwahrnehmung? Und wo bleibt die Antwort auf die Frage: Welche kulturelle Infrastruktur brauchen die Menschen in 10, 20 oder 30 Jahren? Wie stellen wir die öffentlich zugänglichen Institutionen und Netzwerke sicher, die Kommunikation und Teilhabegerechtigkeit sichern, wenn diese Grundbedingungen der Gesellschaft aufgrund der Erosion sozialer Netzwerke (Familie, Nachbarschaft etc.) zu einem immer knapper werdenden Gut werden?"

 

In Zeiten der Krise habe die Kulturpolitik eine wachsende Bedeutung. Ökonomie der Zukunft bedeutee "eben auch, die kulturelle Kraft unseres Landes zu betonen, sie für einen neuen Aufschwung zu nutzen", so Barbara Kisseler. "Aber wir müssen diese Kraft auch wecken und entdecken, den Diskurs im Sinne des Fortschritts führen und die Kultur als Mittel geistiger Beweglichkeit auch erkennen. Niemand soll erwarten, dass das von allein geschieht. Es reicht nicht, Kultur nur zu alimentieren und allein auf ihre öffentliche Präsenz zu hoffen. Jeder Einzelne muss diesen Rahmen auch zu nutzen wissen, sich am Diskurs über eine Kultur des Miteinanders auch beteiligen. Die Kultur darf nicht nur, ja sie muss mehr Selbstbewusstsein entwickeln, Ansprüche deutlich geltend machen. Und die Gesellschaft darf und muss mit ihr rechnen. Insofern liegt in der Krise auch eine Chance, die Bedeutung der Kultur für eine offene, moderne und menschliche Gesellschaft ernster zu nehmen. Das bedeutet nicht, die Unterschiede der Lebensweisen und –formen in unserem Land zu verkleistern, sondern den Wert der kulturellen Pluralität herauszustellen."

 
Barbara Kisseler
 

Barbara Kisseler wies auf den Deutschland-Plan von Frank-Walter Steinmeier hin, in dem die Potenziale der Kreativwirtschaft aufgezeigt werden  "Steinmeier war der Erste, der von einem Kreativpakt zwischen Wirtschaft, Politik und Künstlern sprach, was nur folgerichtig ist." In den vergangenen zehn Jahren habe die Kultur- und Kreativwirtschaft einen beachtlichen Aufschwung genommen. Mit einem Jahresumsatz von 132 Milliarden Euro habe dieser Wirtschaftszweig die Chemieindustrie hinter sich gelassen. Barbara Kisseler: „Kreative“ Unternehmungen bedeuten  grundsätzlich immer auch ein Wagnis - dieses Wagnis sollte aber auch die Chance auf Erfolg und Verwirklichung bieten. In diesen Kontext gehört es, die Künstlersozialversicherung weiter zu stärken, dafür Sorge zu tragen, dass Tarifverträge und soziale Mindeststandards im Kultur- und Medienbereich eingehalten und das geistige Eigentum geschützt wird."

 

Die Kulturpolitikerin betonte die Chancen, die das Internet heute biete. "Ich bin sehr dafür, dass wir die Chancen des Internets für Information, Bildung und Beteiligung erkennen, ich bin aber dagegen, dass Ergebnisse geistiger Arbeit einfach zum Nulltarif abrufbar sind."  Nutzerfreundlichkeit und die Rechte der kreativen Arbeitnehmer müssten in Einklang gebracht werden.

 

Besondere Bedeutung kommt nach Ansicht Barbara Kisselers der kulturellen Bildung zu. "In der Auseinandersetzung mit hellsichtigen Querdenkern  und produktiven Zweiflern, mit denjenigen, die leidenschaftlich von einer Idee besessen, alle Regeln des Alltags auf den Kopf stellen und neues Denken erzeugen, liegt eine große Chance. Die Auflehnung gegen die Beschränkung des Denkens auf Funktionalität und Nutzen gehört ebenso zu den Anliegen kultureller Bildung, die sich übrigens auch auf eigene kreative Produktion ebenso bezieht wie auf Rezeption wie die Kritik an der Trägheit eingefahrener Seh- und Verhaltensweisen."

 

Fotos: Ulrich Horb