Gesine Schwan Finanzkrise

Gesine Schwan in Renickendorf

Überlegungen zur Krise

 

„Warum sollen wir zur Wahl gehen? Wie können wir wieder Politikern und Unternehmen vertrauen?“ - Zentrale Fragen der rund 100 Besucher bei der Diskussion mit Gesine Schwan am 6. Juli im Centre Bagatelle, Berlin-Frohnau über die gesellschaftlichen Ursachen und Auswirkungen der Finanz- und Wirtschaftskrise und die Rolle des Staates. Gesprächspartner zu diesem Thema waren zudem die Reinickendorfer Politiker, der SPD-Bundestagsabgeordneter Detlef Dzembritzki und der SPD-Wirtschaftsexperte und Bundestagskandidat Jörg Stroedter. Die Veranstaltung war Teil der "Wochen der Reinickendorfer SPD"  und wurde von Alexander Kulpok, Chefredakteur der Reinickendorfer Zeitung, moderiert.

„Das Vertrauen der Bürgerinnen und Bürger in die Banken ist verloren gegangen, da das Vertrauen zwischen den Banken zusammengebrochen ist“, erklärte Gesine Schwan, die zweimal als Kandidatin der SPD für das Amt als Bundespräsidentin antrat. „Untereinander wussten sie, dass sie alle mit riskanten Produkten handelten.“

Dieser Aussage schloss sich auch Jörg Stroedter an und forderte mehr soziale Verantwortung von den Banken und Unternehmern: „Die Ursache der Finanzkrise war, dass Kredite auf Spekulationsbasis vergeben wurden. Der entscheidende Punkt ist, dass die kleinen und mittelständischen Unternehmen von ihrer Hausbank kein Geld zu akzeptablen Konditionen bekommen. Wie Gesine schon sagte: Hier verdienen Banken weniger. Die Gesellschaft gerät dadurch in eine Schieflage. Der einzelne Mensch muss wieder im Mittelpunkt stehen. Dafür steht die SPD. Die Banken müssen gezwungen werden, ihre Geschäftspolitik zu ändern.“ Der  Bundestagsabgeordnete Detlef Dzembritzki unterstützte Stroedter: „Um dies umzusetzen brauchen wir entsprechende Mehrheiten.“ Seine Konsequenz: Er  forderte das Publikum auf, am 27. September wählen zu gehen.

„Das Problem ist“, so analysierte Gesine Schwan, „dass Banken weiterhin im internationalen Wettbewerb stehen und diesem System verbunden sind. Sie sehen in der Krise ihre Aufgabe, sich in diesem System zu retten und zu etablieren und nicht für Allgemeinzwecke und für die Wirtschaft zu handeln. Sie handeln ausschließlich für ihre eigene Existenz. In Großbritannien hat der Staat eingegriffen, weil die Banken in ihrem System gefangen sind.“ Schwan forderte, dass der Staat für eine gewisse Zeit eingreifen muss, um die Banken von diesem Druck zu entlasten. Dies wiederum führe zu Schwierigkeiten, da die Krise keine nationalstaatliche, keine EU-, sondern eine globale Herausforderung sei.

Die Politikerin prangerte aber nicht nur Bänker, Unternehmer und Politiker als Schuldige für die gegenwärtige Krise an, sondern sie sprach von einer Krise des gesellschaftlichen Systems: „Wettbewerb, Wettbewerb, Wettbewerb –ein schrankenloses Wettbewerbsdenken hat sich in allen Strukturen der Gesellschaft durchgesetzt.“ Als Beispiel nahm sie die Wissenschaft, die sich auch dem Zeitgeist angepasst hätte „man muss gewinnen und erfolgreich sein!“ Betrügerisches Handeln sei daher in der Wirtschaft, in der Wissenschaft und auch in vielen anderen Bereichen mittlerweile ein Muss, um existieren zu können. „Vertrauen in Politik und Wirtschaft schaffen wir nur durch Menschen, die sich vertrauenswürdig verhalten und durch Transparenz. Die Gesellschaft braucht eine eigene ethische Motivation zu handeln. Die Gesellschaft muss auch Motor des Vertrauens sein.“ Mit diesen appellierenden Worten rechtfertigte Schwan ihren Ruf als streitbare und unbequeme Politologin. Umso mehr empfand  es Jörg Stroedter als „schade, dass wir Dich heute nicht als Bundespräsidentin empfangen konnten.“

 

Text: Petra Wolf/Fotos: Alexander Tiedtke

 
 
 

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